Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Ni ss elo witsch (Kadett), der zum Beweise seiner Ausführungen päpstliche Bullen anführt, erklärt, die Beschuldigung von Ritualmorden durch Juden sei schwach, die Interpellation Unsinn und nur durch Pogromsucht hervorgerufen. Roditschew (Kadett) meint, eine solche Interpellation sei nur von Antisemitenpsychologie diktiert. Es sei unwürdig, in der Duma Fragen zu behandeln, die 500 Jahre als Vorurteil galten. Markow (Rechte) erklärt, die jüdische Moral billige und fördere die Morde von Christen. Die Beschuldigung von Ritualmorden sei historisch und logisch begründet. Die Interpellation müsse für dringlich erklärt werdv n, denn russische Kinder müssen vor jüdischen Übeltätern beschützt werden; wenn das russische Volk erfahre, daß es unmöglich sei, den Juden ausfindig zu machen, der russische Kinder martere, dann seien Pogroms unabwendbar. Kadett Fried mann meint, die Interpellation sei die Krone der Provokation der Pogromvereine. Sozialdemokrat Gegetschkori kommt auf die Beschuldigungen des Verbandes des russLchen Volkes zu sprechen, was auf den Bänken der Rechten Lärm hervorruft. Bulat (Arbeitspartei) schlägt vor, die Interpellation, die Verleumdung und Lüge enthalte, sogleich abzulehnen. (Anhaltender Lärm.) Die Duma lehnt die Dringlichkeit mit 1 OS gegen 93 Stimmen und verweist die Interpellation zur Prüfung an eine Kommission. Nach den aus Kiew kommenden Meldungen ist die Panik unter der jüdischen Bevölkerung im Steigen. Die Hetze der Pogromstiffer begann in dem Augenblick, als die Mutter des ermordeten Knaben Juschtschinsky unter dem Verdachte der Mitwisserschaft verhaftet wurde. Bei der Bestattung des Knaben wurde auf dem Friedhof an die Menge eine Flugschrift des folgenden Inhalts verteilt: „Rechtgläubige Christen! Juden haben den Knaben Andrej Juschtschinsky hingemordet. Denn alljährlich pflegen sie vor ihrem Osterfest einige Dutzend christlicher Knaben in den Tod hineinzumartern, um dann ihr Blut in die Mazzoth hineinzugießen. Das tun aber die Juden zum Andenken an die Leiden des Erlösers, den sie gekreuzigt und gemartert haben. Die Untersuchungsärzte haben festgestellt, daß :uan Juschtschinsky vor seinen Martern gefesselt, entkleidet und dann in entkleidetem Zustande gestochen hat, wobei man in seine Hauptadern hineinstach, um möglichst viel Blut abzuzapfen. So haben die Juden dem Juschtschinsky fünfzig Stiche versetzt. Russische .Männer! Wenn Euch Eure Kinder teuer sind, haut die Juden! Haut sie solange, bis es nicht einen einzigen Juden mehr in Rußland ,;eben wird! Erbarmt Euch Eurer Kinder! Nehmt Rache für die inglücklichen Märtyrer! Es ist Zeit, es ist Zeit!" Einen der Verbreiter der Pogromproklamation, einen gewissen; diwlowitsch, nahm zwar die Polizei fest und übergab ihn der :endarmerie, aber diese ließ ihn bald frei. Gehört doch dieser; awlowitsch nicht nur zu den Hauptaktiven der lokalen ^urischkewitschen) Abteilung des „echtrussischen" Verbandes, ndern er ist auch ein Sohn des Sekretärs des BoulevardpolizeiiL-viers. Dieser Vorfall war aber nur das Präludium zu der Hetze, die nunmehr einsetzte. Zwar legte es der Kiewer Polizeimeister :en lokalen Blättern nahe, bis zur Aufklärung aller Einzelheiten über -en Fall Juschtschinsky völliges Schweigen zu wahren, aber diese eigenartige und unangebrachte Empfehlung bewirkte nur das Gegen- '-Ml, namentlich da die antisemitischen Residenzblätter Lärm schlugen ■nd noch dazu so taten, als ob die Kiewer Juden etwas vertuschen ■nüßten, während, niemand mehr als diese an der Aufhellung der Mordtat in aller Öffentlichkeit ein Interesse hatten. Die zionistischen Kandidaturen in Galizien Das zionistische Zentralkomitee in Lemberg hat die Aufstellung folgender Kandidaturen für den Reichsrat beschlossen: In Brody und Tarnopol Adolf Stand; in Drohobycz und Kolomea Dr. Gerson Zipper; in Stryj Dr. Leon Reich; in Zloczow Dr. Abraham Salz; in Bmczacz Dr. Michael Ringe!. Auch in den Bezirken Podhajce (bisher Dr. Gabel) und Czortkow (bisher Dr. Mahl er) werden zionistische Kandidaten nominiert werden, wie denn überhaupt in allen Wahlkreisen die Zionisten durch eigene Kandidaten in den Kampf eingreifen werden. Die Bekanntgabe dieser Kandidaturen wird im Laufe der nächsten Tage erfolgen. In der Bukowina ist von Seiten der Jüdischnationalen für Czernowitz-Ost der Abgeordnete Dr. Straucher nominiert worden. Bezüglich des Mandates der Städtegrmppe Radautz-Sereth-Suczawa wurde zwischen der Jüdischen Nationalpartei und dem Deutschen Volksbund ein Kompromiß geschlossen, wonach dort Privatdozent Dr.. Arthur Mahler als offizieller zionistischer Kandidat ausgestellt wurde. Der bisherige Vertreter, Hofrat Skedl, bewirbt sich um das Mandat von Czernowitz-West (bisher rumänisch-sozialistisch). Die Landtagswahlen in der Bukowina Als die drittstärkste Partei ziehen die Jüdischnationalen in den neuen Landtag ein. Von den 61 Mandaten, die der Landtag zählt, gehören 22 den Rumänen, HdenRuthenen, lOden Jüdischnationalen, öden Deutschen und 6 den Polen. Es steht zu erwarten, daß sich die zvr ei Abgeordneten der Volksratspartei Dr. Kellner und Dr- Fokschaner den acht Mitgliedern der Nationalpartei anschließen werden, so daß im Landtag ein starker jüdischer Klub die Interessen der Bukowinaer Judenschaft wahrnehmen wird. Die Wahlkampagne schloß am 11. Mai mit den Wahlen in 1er Handelskammer und im Großgrundbesitz ab. In der Handelskammer fielen der Jüdischen Nationalpartei zwcei Mandate zu, indem die dieser Partei angehörigen Heiren Salomon Rudich und Jakob Hecht gewählt wurden. Im Großgrundbesitz wurden die Jüdischnationalen Janku Fischer und Joseph Blum gewählt. Interessant ist, daß dieser Wahlkörper vom Gesetz als der Wahlkörper „Jüdischer Großgrundbesitz" bezeichnet wird. Diese Gruppe zählt 62 Wahlberechtigte. Oj( □□□□□□ o iy. FEUILLETON □ □□□□□ Schir-Haschirim Aus einem gleichnamigem Roman von Schoiem Aleichem (Aus dem Manuskript übersetzt)*) VII. Nach und nach entfernt sich die Schar der Besucher, vnd wir bleiben allein: der Vater, die Mutter, ich und Busy. Die Mutter huscht in die Küche hinaus und Kommt bald mit einem schönen Pessachteller zurück, *j Vgl. „Weh", Nr. Ii). ein«in mir wohl bekannten Teller, der mit gemalten großen, grünen Feigenblättern verziert ist. „Willst du nicht etwas Warmes genießen, Schimek? Bis zum Seder ist's noch eine geraume Weile.u Also spricht die Mutter zu mir, und in ihren Worten liegt S3 viel Liebe und mütterliche Zärtlichkeit. Busy erhebt