Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 20 DIE^ELT 463 mehr als eine Schwester. Meine Schwester war sie und ist es geblieben. . . Und es dünkt mir, als schaute sie mich mitleidig und bekümmert an und spräche zu mir mit den Worten aus Schir-Haschirim: „O, wärest du doch mein Bruder!'1 „Ach, warum bist du mir nicht ein Bruder?" Was soll ich ihr antworten, wenn sie mir dies sagen wird? — O, ich weiß schon, was ich ihr antworten werde. Könnte ich doch erst ein paar Worte mit ihr wechseln, — nur ein paar Worte. Doch nein, ich werde heute mit Busy kein Wort reden können, kein einziges Wort. Eben erhebt sie sich, geht mit ihren stillen, leichten Schritten zum Schrank, holt für die Mutter die Kerzen hervor und auch die silbernen Leuchter. Mir sind sie so sehr vertraut und schimmern mir so freundlich entgegen, diese alten anheimelnden, schlanken, blanken, silbernen Leuchter. Einst hatten ja diese Sabbatleuchter eine bevorzugte Stelle in meinen goldenen Knabenträumen, im Kristallpalast bei der verzauberten Prinzessin eingenommen. Jene goldenen Träume, und die silbernen Leuchter und die Sabbatkerzen, und die schönen weißen Hände meiner Mutter, und die blauen Schir-Haschirim-Augen Busys, und die letzten goldenen Strahlen der untergehenden Sonne, — ist dies alles denn nicht eins und dasselbe, unlöslich miteinander verknüpft? . . . „Es ist Zeit!," sagt der Vater zu mir, indem er einen Blick durchs Fenster wirft und mir winkt, daß ich mich umkleiden möge, um in die Synagoge zu gehen. Wir kleiden uns festtäglich an, ich und der Vater, und gehen in die Synagoge zum Gebet. X Unsere Synagoge, die altersgraue ehrwürdige Stätte, hat sich gleichfalls nicht um ein Kaar verändert. Nur ein klein wenig sind die Wände schwärzer, das Vorbeterpult niedriger, der Almemor älter geworden, und die heilige Lade hat den Glanz der Neuheit verloren. Wie ein kleines Bes-Hamikdosch erschien mir unsere alte Synagoge. Jetzt hat sich das liebliche Heiligtum ein klein wenig zur Seite geneigt. Ach, wo ist all die heilige Pracht und der festliche Schimmer unserer Synagoge hingeraten? Wo sind die Engel, die jeden Freitagabend beim Empfang der Prinzessin Sabbat, jeden Jomtow am Eingang des Abendgebets unter der bunt bemalten Decke schwebten? Auch die ständigen Besucher der Synagoge haben sich wenig verändert. Sie sind nur etwas gealtert. Die schwarzen Barle sind grau geworden, Schultern, die ehemals stramm aufgerichtet waren, sind jetzt etwas gebeugt, die einst glanzvollen festtäglichen Atlasmäntel sind verschlissen, und vereinzelte Streifen des gelben Futters gucken verräterisch hervor. Der Kantor Melech singt heute noch so schön wie vor Jahren, seine Stimme ist bloß etwas matter geworden. In seinen Gebetsvortrag ist ein neuer Ton gekommen; er klagt mehr, als er singt, seufzt mehr, als er fleht. Und unser Rabbiner? Der alte Rabbiner? Der hat sich gar nicht verändert. Wie frischgefallener Schnee erschien er mir immer, — und so ist er geblieben. Bloß einen kleinen Unterschied bemerkte ich gegen früher: seine Hände zittern jetzt. Und sein ganzer Körper zittert. Esriel, der Synagogendiener, ein ganz bartloser Jude, wäre auch ganz der alte, wenn er nicht alle Zähne verloren hätte. Nun sieht er mit seinen eingefallenen Kinnbacken eher wie ein Weib aus. Aber das tut nichts. Er klopft auch heute noch mit der flachen Hand auf das Vorlesepult, wenn der Vorbeter beim Achtzehngebet hält. Freilich, es ist nicht mehr das alte wuchtige Klopfen. Vor Jahren konnte man schier taub werden, wenn Esriel an das Pult klopfte. Die alte Kraft scheint auf immer dahin zu sein. Das war aber auch ein urkräftiger Jude, der alte Schammes! Einst, vor vielen Jahren, fühlte ich mich so wohl, so namenlos wohl und heimisch in dieser kleinen Synagoge. Hier schwebte meine kindliche Seele in Gesellschaft der Engel unter der gemalten Decke; hier betete ich in Gesellschaft meines Vaters und der andern frommen Juden ernst und andächtig . . . {Schluß folgt) o o o o o o o c o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG Zum X. Kongreß Gemäß Beschluß des IX. Kongresses veröffentlichen wir nachstehend die Namen der Gesinnungsgenossen, welche sich zur Übernahme eines Delegiertenmandates für den X. Kongreß bereit erklärt haben, in der Reihenfolge des Einganges ihrer Meldungen. Wir verweisen bei dieser Gelegenheit auf den § 13 des Organisationsstatuts, der besagt: „Jeder Schekelzahler hat das aktive Wahlrecht zum Kongresse bei erreichtem 18. und das passive Wahlrecht bei erreichtem 24. Lebensjahr." Zionistisches Zentralbureau. Heinrich Lederer, Wien Rechtsanwalt Dr. B. Tannenwald, Hamburg Frau Lina Wagner-Tauber, Berlin Frau Rechtsanwalt Lachmann, Königshütte Rechtsanwalt Dr. H. Epstein, Duisburg Frau Dr. Epstein, Duisburg Referendar Erich Cohn (V. J. St. Makkabaea), Berlin Referendar Felix Rosenblüth (V. J. St. Makkabaea), Berlin Referendar Isid. Eisberg V. J. St. Berlin), Köln M. Gorsky, Nürnberg cand. med. Hugo Eben, Wien (Verein „Theodor Herzl") Ed. Pool, Hengeloo (O) Holland Frl. Fanny Hildesheimer, Berlin Dr. Ed. Leszynsky, Berlin Frau Betty Leszynsky, Berlin Max Schatz, Bonn