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Die Welt · 1911-05-19 · 20 (19.5.1911) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
20 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Dies ist eine liebevolle, fleißige Arbeit, — etwa wie die von Salomon Buber veranstalteten Textausgaben alter Midraschim. Derartige Arbeiten unternimmt man nur, wenn man dem Gegenstand selbst Liebe entgegenbringt. Und Reinach ist ja kein Theologe von Fach, sondern ein klassischer Philologe. Wenn er 1882 eine alte Inschrift entdeckt, die den Namen Serbius Cornelius Lentullus, Prokonsul auf Delos, enthält, und er nun gelehrte Untersuchungen über den Namen und die Lebenszeit dieses Lentullus ansteht, so ist dies eine Materie, die unstreitig in sein eigentliches Fachgebiet einschlägt. Wenn er aber den Text der Augustinischen Schrift sorgfältig wiederherstellt („soigneusement retabli", wie es auf dem Titelblatt heißt), so ist es nicht denkbar, daß er für Auguslin und sein Werk nicht eine gewisse Verehrung empfinden sollte. Hätte also Reinach seine Bemerkungen gegen das Christentum im „Orpheus" oder in der Einleitung zu seiner Augustinus-Ausgabe angebracht, so könnte ihn kein Vorwurf treffen. Allein er schrieb gegen das Christentum im — „Frankfurter Isr. Familienblatt". Schrieb, weil er irgendeine Begriffsbestimmung brauchte. Keine Nation, keine Religionsgemeinschaft, keine nationale Sprache — also was denn? Bleibt nur die Negation der christlichen Glaubenslehre. Demnach war aber Gambetta, der den Satz prägte: „Le clericalisme-c'estl'ennemi", der vornehmste Repräsentant des Judentums, gewissermaßen der „Lehrer der gesamten Diaspora", und in unserer Zeit ist Comb es, der den Kampf gegen die Kongregationen aufgenommen hat, der größte Jude. Keiner hat bis jetzt die assimilatorische Theorie so vollkommen ausgebildet. Ein politischer Gedanke des neuzeitlichen Frankreich tritt bei Reinach an die Stelle der Nation, der Thora, der jüdischen Überlieferung. Und dieser Gedanke ist nicht etwa von Toleranz und Freiheitsliebe begleitet. Nehmen wir an, es gibt eine Anzahl Juden Reinachschen Bekennmisses, aber die große Masse der Juden teilt doch seine Anschauungen sicherlich nicht. Auf diese große Mehrzahl der Juden wendet nun Reinach den haßerfüllten Ausruf Voltaires an: „Ecrasez rinfäme!" „L'infäme", nichtswürdig ist das Streben, die hebräische Sprache zu einer lebenden zu machen, nichtswürdig ist alles, was treu zum jüdischen Volke hält, alles, was dieses an Eigenart besitzt, alles Wirkej, das dem Fortbestand des Volkes gilt. In diesem Kampfruf ist nicht einmal französische Geistesart zu spüren. Der jüdische Assimilant nimmt von den andern eben nur das schlechte an, ohne die guten Wesenszüge. In Frankreich ist über alles eine gewisse Anmut gebreitet, weltmännisches Zartgefühl, liebenswürdiges "Lächeln. Hier aber tritt uns ein kleiner Tyrann entgegen, eine Art Caligula in verjüngtem Maßstabe. Warum ist die Wiederbelebung der hebräischen Sprache nichtswürdig? Warum wecken die Frühlings- •keime neuen jugendfrischen Lebens, die sich bei seinen Brüdern regen, keinen Widerhall in seinem Herzen, das doch beim Anblick verwitterter Überreste von alten Standsäulen, zerbröckelter Mauersteine von fremden Ruinen so liebevoll schlägt? Warum hat er für die Wiedergeburt der altgriechischen Kultur in Athen volles Verständnis, während er die Jubelklänge der neuerstandenen hebräischen Kultur verwünscht, so daß es fast scheint, als möchte er uns alle, die wir für die hebräische Literatur, für die Kolonisation, für die Wiederaufrichtung unseres Volkes tätig sind, nach Neukaledonien und der Teufelsinsel deportieren, wenn es in seiner Macht stände? Dies ist die Rache des Golus. Die allgemeine Kultur raubt uns die besten Kräfte, saugt sie auf und läßt nichts von ihnen übrig. . . Wo die Selbstvernichtung ein Ideal ist, dort gilt jede Selbsterhaltung als nichtswürdig. Der Arzt ist tief betrübt, wenn es seiner Kunst nicht gelingt, den Tod eines ihm anvertrauten Menschen abzuwenden; der Henker kränkt sich, wenn er seinen „Schützling" nicht schnell genug ins Jenseits befördern kann. Ich sage nicht, daß Reinach ein schlechter Mensch ist, aber sein System ist das System des — Todesengels. Ich möchte ihn bereitwillig zum Führer auf allen Gebieten menschlichen Strebens wählen, — etwa wo es sich darum handelte, den Frauen das Wahlrecht zu erkämpfen, Kreta unabhängig zu machen, den Weltfrieden zu fördern, den Vegetarismus zu verbreiten, die Luftschiffahrt auszugestalten aber seine Funktion als Vizepräsident der Alliance ist in großem Maßstab dasselbe, wie die in manchen Gemeinden eingebürgerte Sitte, an die Spitze der Synagogenverwaltung, der Talmud-Thora und anderer religiöser Einrichtungen große „Gojim" zu stellen, denen ihr Reichtum oder ihre Beziehungen zur nichtjüdischen Welt die Eignung für dieses Amt verleihen. In den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts kam ich fast jedes Jahr nach Paris und traf im Alliancebureau jedesmal mit dem Generalsekretär Isidore Loeb zusammen. Loeb war ein Nationaljude, bevor man dieses Wort noch kannte. Albert Cohn und Michael Er langer — letzterer war ein Chowew-Zion und verstand Hebräisch — waren begeisterte Juden, Cremieux, den ich nicht mehr persönlich kannte, war beinahe ein jüdischer Chauvinist. Solche Männer konnten die Alliance gründen. Isidore Loeb sagte mir jedesmal: „Die wirkliche „Alliance" ist bei euch im Osten. Wir hier ziehen unsere geistige Nahrung von euch. . ." Hätte es zu Lebzeiten dieser Männer eine jüdische Renaissancebewegung wie die heutige gegeben, so würden sie sich ihr zweifellos nicht nur angeschlossen haben, sondern wären mit an die Spitze getreten. Reinach ist der Typus des untergehenden Judentums. Die Wurzeln ruhen noch im Erdreich der Vergangenheit, Stamm und Äste aber neigen nach außen hin, nach der französischen Heerstraße. Und wohin sich ihre Äste erstrecken, dort ist auch ihr Platz. . Eine englische Stimme über die Alliancewahlen und Herrn Reinach „The Jewish World" schreibt in ihrer jüngsten Nummer über die Kämpfe in der Alliance: „Uns in England berührt der Konflikt zwischen der Zentrale und der deutschen Zweigstelle der Alliance nicht direkt, allein die Streitfrage hat Anspruch auf allgemeinjüdisches Interesse. In den gegenwärtigen Differenzen zwischen Paris und Berlin spielt die Person des Herrn Reinach die Hauptrolle. Vorsitzender der Alliance ist Herr Narcisse Leven, ein dem Judentum treu ergebener Mann, der den Vorzug genießt, einer der Begründer der Alliance gewesen zu sein. Infolge des vorgeschrittenen Alters dieses ehrenwerten Mannes ist jedoch bekanntlich Herr Reinach, der Vizepräsident der Alliance, die eigentliche leitende Persönlichkeit dieser Körperschaft. Nun ist Herr Reinach ohne Frage ein ausgezeichneter Gelehrter und verfügt über wertvolle Beziehungen zum französischen Ministerium des Äußern, aber seine Stellung zu jüdischen Fragen ist entschieden unsympathisch. Er ist nicht nur ein ausgesprochener Freidenker, sondern hat wiederholt seinen Entschluß kundgegeben, seinen ganzen Einfluß aufbieten zu wollen, um den jüdischen „Fanatismus" und „Aberglauben" auszurotten. Er betrachtet z. B. die Beobachtung ces Sabbat als eine höchst unerwünschte Übung, und was die jüdischen Speisegesetze betrifft, so sind sie in seinen Augen nicht b'oß furchtbar reaktionär, sondern er empfahl vor einigen Jahren den ^rmen jüdischen Massen allen Ernstes den Genuß von Schweinefleisch als eines eminent ökonomischen und gesunden Nahrungsmittels. Es wird nun gesagt, daß für einen solchen Mann, mögen seine Dienste noch so wertvoll, seine Absichten noch so gut sein, kein Raum ist an der Spitze einer jüdischen Weltorganisation. In jedem Falle wird im Gemütsleben der jüdischen Jugend des Orients durch den plötzlichen Übergang von starrer Orthodoxie zum voltaireanischen Geist der französischen Kultur ein unheilvolles Schwanken erzeugt, und der Einfluß eines Mannes wie Reinach an der Spitze der Alliance würde verheerend auf aile jüdische Tradition und alles jüdische Empfinden wirken." Ritualmordhetze in Rußland In der Reichsduma brachten am 12. Mai die Mitglieder der Rechten eine vom Abgeordneten Samyslowski verfaßte Interpellation an den Minister des Innern ein, ob ihm bekannt sei, daß in Rußland eine verbrecherische Judensekte für Ritualzwecke Christenblut gebrauche und daß zu diesem Zwecke im März 1911 in Kiew ein Chnstenknabe namens Juschtschinsky ermordet worden sei und, falls ihm dies bekannt sei, was zur Ermittlung und Bestrafung der Schuldigen geschehen sei. In der Interpellation wird behauptet, daß Ritualmorde seitens der Juden durch eine Reihe von Prozessen vor den lussischen Gerichten unwiderlegbar festgestellt worden seien. Der Vertreter des Justizministeriums erklärt, alle Maßregeln zur Ermittlung der Wahrheit in Angelegenheit des Mordes an Juschtschinsky seien getroffen worden. Der Justizminister habe den Prokurator des Kiewer Appel gerichtshofes beauftragt, persönlich den Gang der Untersuchurg zu beaufsichtigen. Das Ministerium des Innern habe gleichfalls die energischsten Nachforschungen angestellt. Purischkiewitsch (Rechte) erklärt, die Organisationen der Monarchisten hätten immer Pogroms zu verhüten gesucht und tatsächlich verhütet, doch wenn die Wahrheit in der Frage der Ritualmorde nicht zutage trete, können sie die Folgen nicht verantworten. Die Interpellanten klagen nicht das gesamte Judentum an, aber sie wollen die grausame Sekte, die Ritualmorde verübe, ausfindig machen, damit sie die verdiente Strafe erhalte. Redner zitiert den im Senatsarchiv enthaltenen Bericht des Fürsten Galitzyn über Ritualniorde, der im Jahre 1853 verfaßt worden sei. Oktobrist Schubinski meint, nach der Antwort der Regierung müsse die Interpellation fallen. Die Duma könne nicht urteilen, solange die Gerichtsverhandlung schwebe. Die Dumatribüne sollte nur unstreitbare Fakta, nicht aber Träume und Agitationsmaterial verhandeln.

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