Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316481--54556-3348374- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 20 DIE^ELT 459 Angelegenheit auf ein anderes Qeleise zu bringen. Aus Herrn Reinach soll so etwas wie ein Märtyrer seiner Cberzeugung gemacht werden. Vollkommen mit Unrecht; denn bei aller Hochschätzung des Herrn Reinach muß doch daran erinnert werden, daß die Alliance schließlich und endlich eine jüdische Vereinigung ist, deren Leiter sich durch ihre Religionsphilosophie nicht außerhalb des Judentums stellen dürfen. Anschauungen von der Art, wie sie Herr Reinach in seinem bekannten Brief an das „Frankfurter Isr. Familienbia.tt" oder im VII. Kapitel seines „Orpheus" ausgesprochen hat, dürfen nicht zur Maxime der Erziehungstätigkeit der Alliance werden. Damit diese Gefahr vermieden bleibt, muß gegen Herrn Reinach gekämpft verden. Auch für die weitere Forderung der Deutschen Konferenzgemeinschaft auf Berücksichtigung der von ihr vorgeschlagenen Liste hat das Pariser Zentralkomitee nur ein glattes Nein. Auch die Kontrolle der Stimmen- Zählung durch auswärtige Mitglieder will das Zentralkomitee nicht zugeben. Es sei seit 50 Jahren üblich, daß das Skrutinium durch das Pariser Bureau unter der ausschließlichen Kontrolle von Mitgliedern des Zentralkomitees vorgenommen werde. Nun, das ist keine sehr glückliche Einwendung . . . Übrigens hat es seit 50 Jahren nicht so sehr viele Neuwahlen in der Alliance gegeben . . . Das bezügliche Schreiben der Alliance, das uns zur Veröffentlichung.zugeht, ist eine Ablehnung des in Berlin beschlossenen Ultimatums. Es bleibt sonach nur mehr der Kampf. Die Entscheidung liegt nunmehr bei den Mitgliedern der Alliance, die am 4. Juni zu dokumentieren haben werden, ob Herr Reinach, für den das Judentum einmal von „einem dummdreisten Ritualismus belastet" erscheint, ein andermal ein „totemistischer Kult" etwa nach Art der polynesischen oder indianischen Medizinmänner ist, an die Spitze einer großen jüdischen Organisation gehört, die vor allem die Erziehung der jüdischen Jugend im Orient in ihren Tätigkeitsbereich aufgenommen hat. Das Schreiben lautet: Paris, den 4. Mai 1911. An den Herrn Vorsitzenden der D. K. G., Berlin. Sehr geehrter Herr Vorsitzender! Mit Bezug auf das von der D. K. G. an das Zentralkomitee gerichtete Ersuchen betreffend die Nominierung eines andern in Paris domizilierenden Kandidaten an Stelle des Herrn Rein ach, beehren wir uns Ihnen nachstehenden Wortlaut eines Briefes unseres Herren Präsidenten an ein Mitglied des Zentralkomitees zur gefl. Kenntnis zu bringen: „Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich zuversichtlich hoffe, die Bedenklichkeiten, denen Sie Ausdruck verleihen und die ich zu würdigen weiß, durch eine Darstellung der durchgreifenden Beweggründe zu beseitigen, die das Zentralkomitee veranlassen, die Kandidatur des Herrn Reinach aufrechtzuerhalten. Seit 26 Jahren ist Herr Reinach, der jetzige stellvertretende Vorsitzende, Mitglied des Zentralkomitees; ferner gehört er zu den Begründern der Jewish Colonization Association, auf deren Stiftungsurkunde seine Unterschrift neben derjenigen des Herrn Baron Hirsch figuriert. Augenblicklich bekleideter,-- und 2war zum zweiten Male — das Amt eines Vorsitzenden der Pariser „Societe des Etudes Juives" (welche die „Revue des Etudes Juives" herausgibt). Während der Dreyfusaffäre hatte er das edelste Benehmen. Au ihn haben wir einen höchst jüdisch fühlenden Kollegen, der seit 26 Jahren regelmäßig allen unsern Sitzungen beiwohnt, der unserer Gesellschaft seine Zeit, seine große Intelligenz widmet und sich tagtäglich bedeutende Verdienste um die Alliance erwirbt. Bei der Designierung der Mitglieder des Zentralkomitees haben wir es nicht mit der Religionsphilosophie dieses oder jenes von ihnen zu tun. Es ist dies reine Privatsache, die nur den einzelnen bindet und wofür seine Kollegen ij keiner Weise zu bürgen haben. Herr Reinach hat sich in den Geist unseres Werkes allzu sehr hineingelebt, als daß er in dessen Leitung seine persönlichen Auffassungen hineinzutragen willens wäre. In vollem Einverständnis mit uns leitet er die Alliance nach der religiösen Tradition, die wir in allen unsern Anstalten aufrechterhalten. Halten Sie es für gerecht, daß wir uns von einem Kollegen des Wertes des Herrn Reinach trennen, weil wir seine religiösen Auffassungen nicht teilen?;< Obigen Zeilen, die von dem Zentralkomitee einstimmig gebilligt wurden, dürfte sich erübrigen, nur ein Wort hinzuzufügen. Was die neuen von der D. K. G. vorgeschlagenen deutschen Kandidaten anbelangt, so war das Zentralkomitee nach eingehender Prüfungen der Ansicht, daß deren Nominierung sich nicht in demselben Maße zur Berücksichtigung empfiehlt wie die der Herren, die das Zentralkomitee benannt hat und die sich bereits um die Alliance verdient gemacht haben. An der am 15. April aufgestellten Liste kann also keine Änderung vorgenommen werden; dabeisteht selbstverständlich jedem Mitglied das Recht zu, sein Votum frei abzugeben. Gegen unsere, durch unsern frühem Briefwechsel mit Herrn Justizrat Dr. Blau motivierte Erwartung, haben es drei unserer Frankfurter Kollegen unter dem 3. Mai abgelehnt, sich auf die Liste der Kandidaten eintragen zu lassen. Da wir über die zur Nominierung von drei andern Herren nötige Zeit nicht verfügen, so werden diese drei ausgetretenen Kollegen später ersetzt werden. Die Zahl der zu wählenden Mitglieder wird definitiv auf 33 festgestellt, wovon 14 in Paris und 19 außerhalb Paris domizilierend. Betreffend die Vertretung, welche die D. K. G. anläßlich der Wahl nach Paris zu delegieren beabsichtigt, so wird die Zentralleitung stets gern bereit sein, Mitglieder des Zentralkomitees und sogar einfache Mitglieder der Alliance während der Wahlstunden freundlich aufzunehmen; dabei bemerken wir, daß das Skriftinium in Paris am 4. Juni von 9 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags geöffnet sein wird; dagegen ist es seit 50 Jahren üblich, daß die Zählung der Stimmen, die eine ganze Reihe von Tagen, ja von Wochen beanspruchen kann, von dem Bureau unter der ausschließlichen Kontrolle von Mitgliedern des Zentralkomitees vorgenommen werde. Das Zentralkomitee war der Ansicht, daß kein Grund vorliegt, weshalb jetzt anders verfahren werden sollte. Mit vorzüglicher Hochachtung: I. A. des Zentralkomitees Der Sekretär J. Bigart. P. S. Der Wortlaut obigen Briefes wurde von dem Zentralkomitee in seiner Sitzung vom 3. Mai festgesetzt. N. Sokolow über Salomon Reinach In einer der jüngsten Nummern der „Hazefirah" charakterisiert N. Sokolow Reinachs Verhältnis zum Judentum u. a., wie folgt: „Das Judentum" — schreibt Reinach — „ist keine Nation und keine Rasse, keine Konfession und keine Religion, sondern — eine Tradition." Unserm unglücklichen Volke sind schon so viele und mannigfaltige Namen beigelegt worden, daß wir uns schließlich auch mit dieser neuesten Bezeichnung abfinden könnten. Mag man's meinethalben „Tradition" nennen. Was heißt aber Tradition? — „Die Tradition von Männern" — schreibt Reinach — „die willig die größten Märtyrerqualen erduldeten, weil sie sich nicht zu einem törichten Glaubenssatz bekennen wollten." ... Ich liebe die Polemik der Juden gegen die christliche Religion nicht, weil dies eine Angelegenheit ist, über die wir uns nicht offen und rückhaltlos aussprechen können. Diskutieren kann man nur, wenn es beiden Parteien möglich ist, ihre sämtlichen Argumente vorzubringen. Diese Möglichkeit ist hier nicht gegeben Wir sind nicht mehr fähig, über das Christentum mit derjenigen Unparteilichkeit, Selbstsicherheit und kaltblütigen Sachlichkeit zu sprechen, die die Vorbedingung jeder ehrlichen Diskussion ist .... Wenn es aber unter uns Juden einen G:gner des Christentums gibt, der den gläubigen Christen freimütig seine Meinung sagt, so zeugt, dies immerhin von achtungswerter Unerschrockenheit. Allein Reinach tadelt in seinem Buche „Orpheus" das Christentum keineswegs . . .; ja, er rühmt es sogar entschieden (3. Auflage, Paris 1909, S.216—220). Auch in seiner Einleitung zu Augustins „De civitate Dei" findet sich keine Spur irgendwelcher Gegnerschaft gegen das Christentum. 2*