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Die Welt · 1911-05-19 · 20 (19.5.1911) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
20 (19.5.1911)
Date
1911-05-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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458 DIE^ELT No. 20 Assimilation und Trübung seiner ureigensten Werte mit fremden erborgten Inhalten verfällt. In dem ewigen Fluß des Kulturstromes soll es seinen Anhängern die unverrückbar bleibende Warte weisen, ein Symbol freier Bindung an ewige Gesetze inmitten der haltlosen Zerfahrenheit und ungebändigten Zerstörungsucht unserer Zeit. Dieses Ideal im Rahmen der hier gegebenen Verhältnisse zu verwirklichen, ist unser weiterer Erziehungszweck; die unserer Obhut anvertraute Jugend zu dieser Höhe zu entwickeln, unsere konkrete Erziehungsaufgabe. Es verdient nachdrücklichst betont zu werden, daß die Bedingungen zur lebendigen Gestaltung unseres Ideals nirgends so vollkommen vorhanden sind wie eben in Palästina. Die Möglichkeit der Entwicklung einer jüdischen Höchstkultur ist hier eine unbegrenzte; die Geltendmachung jüdischer Art in Sitte und Geistesleben bedeutet hier keine Durchsetzung gegen feindliche Kulturströmungen, die zum Kornpromiß zwingen, die daher dem jüdischen Volkskörper fremde Säfte einimpfen und ein neues Judentum erzeugen, das in seinen wesentlichsten Zügen verzerrt und verblaßt ist. Unsere so gefaßte Aufgabe schließt ein Doppeltes in sich: zunächst die Verwirklichung des lsraelideais in den einzelnen Zöglingen, aus deren Gesamtwirken dann die geistig-sittliche Vorherrschaft des wieder bodenständig gewordenen Judentums sich aufbaut. Unter einem naturwissenschaftlichen Bilde gesprochen: hier, auf dem Boden unserer Väter, in steter Berührung mit ihm und in steter Lebenserneuerung durch ihn, das Kraftzentrum jüdischen Geistes, jüdischer Sittlichkeit und Gesetzlichkeit bis zur höchsten Potenz zu steigern, auf daß es seine Fern Wirkung über den ganzen Erdenrund ausstrahle, sittigende und befruchtende Keime überallhin verpflanzend. In ersterer Hinsicht ist unsere Aufgabe eine individual-erzieherische, in letzterer eine sozial-pädagogische, die Psyche der Gesamtjudenheit im weitesten Umfange als Betätigungsfeld für sich in Anspruch nehmend. Die Mittel zur Erreichung unserer Ziele sind dementsprechend ebenfalls von zweierlei Art: die innige Bekanntschaft mit unserer ältesten nationalen Literatur, die Vertiefung in das heilige Schrifttum, das den einzigen Grundquell zur Behauptung unserer nationalen Sonderexistenz bildet, die Erfassung des Geistes unserer Gesetze, das Sicheinleben in den durch sie umschriebenen Pflichtenkreis, — sie alle werden auf alter Scholle mit verjüngter Frische ihre erziehende Kn»ft an dem neu erstehenden Geschlechte beweisen, es mit Hochachtung vor der Unverletzlichkeit der überlieferten Satzungen erfüllen, den Glauben an die Kraft seiner alten Ideale und Heilshoffnungen stärken, die von jeher den Bestand des Judentums verbürgt haben und auch in Zukunft über eine in Vergötterung zeitlich-menschlicher Werte versunkene Menschheit triumphieren werden. Doch daß dieser im Anschauen göttlich-reiner Maßstäbe versunkene Geist für die tätige Mitarbeit an den Erdenaufgaben des jüdischen Volkes und der Menschheit nicht steril bleibe, dazu dient die Orientierung unserer Erziehung auf die zeitlich vorhandene Welt mit ihren gegebenen Beziehungen und Verhältnissen, speziell auf Palästina mit seinen wirtschaftlichen Bedürfnissen und Entwicklungsmöglichkeiten. Durch Anerkennung der außerhalb der speziellen jüdischen Kultursphäre liegenden Kulturgüter, durch Einbeziehung derselben als integrierende Teile des jüdischen Menschheitsbildes, durch Anpassung und Durchdringung dieser fremden Bausteine mit jüdischer Geistesart wird unsere^ Erziehung jüdisch und universell zugleich; dadurch allein wird erst unsern Zöglingen in ihrer besondern Sphäre die Mitarbeit an den allgemeinen Menschheitsaufgaben zugeteilt, dadurch wird erst die Außenwirkung der latenten Kräfte der jüdischen Kultur ermöglicht. Wie dieses allgemeine Ziel in unserm Schulbetriebe zum Ausdruck gelangt, wie Lehrplan und Lehrverfahren sich in den Dienst dieses höchsten Erziehungszweckes stellen, das zeigt im einzelnen der jebt erscheinende Jahresbericht, der auf Verlangen an alle Interessenten versandt wird. Nur auf eins sei uns gestattet, hier hinzuweisen. Für jede der von auswärtigen Körperschaften in Palästina geschaffenen Institutionen besteht die Gefahr, daß bei ihrem programmatischen Aufbau europäische Vorbilder* zu Modell gestanden haben, daß die Besonderheit Palästinas, die Eigentümlichkeit seiner Verhältnisse zu wenig berücksichtigt werden, daß, mit einem Worte, zuviel schabionisiert, zuviel regiert wird, der dortigen Bevölkerung Wohltaten in einer ihr nicht zusagenden Form aufoktroyiert werden. Wir hatten diese Gefahr gleich zu Beginn unserer Arbeit zu vermeiden gesucht, indem wir uns bei allen wesentlichen Maßnahmen von einem Lokalkomitee beraten ließen, an dessen Spitze der rühmlichst bekannte Jaffaer Oberrabbiner A. J. Kuck steht. Ein Zeugnis dieses Mannes, der in der selbstlosesten Weise und mit dem hingehendsten Verständnis für die feste Gestaltung und Konsolidierung des neuen Jischub arbeitet, verdient daher einige Beachtung, und wir kommen daher sicher den Freun den unserer Sache entgegen, wenn wir hier einige Stellen aus dem ah den Schreiber dieser Zeilen gerichteten Briefe in deutscher Übersetzung zur Veröffentlichung bringen. Nach einigen einleitenden Worten der Aufmunterung schreibt Herr Rabbiner Kuck: „ ......... Jetzt gewinnt die Sache immermehr an Klarheit, daß wir uns auf dem richtigen Wege .... befinden, um zum Ziele zu gelangen, so daß schließlich selbst unsere Gegner uns Anerkennung zollen müssen und anfangen werden, in unsere Wege einzulenken. Indessen sind wir verpflichtet, die Lage unserer Anstalt mit Rührigkeit und unter Aufwendung aller Mittel zu heben, um immer weiter fortzuschreiten; wirhaben jetzt zwei weitere Klassen zu den bisherigen hinzuzufügen und unsere Schule nach oben hin weiter auszubauen. . . Der bisherige Versuch beweist, daß Gottes Beistand unsere'Bestrebungen unterstützt, denn die Schüler machen, wie ich mich häufig selbst überzeugt habe, in ailen Hinsichten schöne und stetige Fortschritte". Der Brief enthält unter anderm noch die dringende Aufforderung zur Gründung einer Mädchenschule, denn für die religiöse Erziehung der weiblichen Jugend in Palästina ist bis jetzt noch nicht einrral ein Anfang gemacht worden. „Beginnet ohne Verzug die Gründung einer Töchterschule auf Grund des Tachkemoni-Lehrplanes, damit wir jüdische Mütter erziehen, die in den Wegen Gottes wandeln und fähig sind, an der Wiederbelebung Israels und seines Landes Anteil zu nehmen." Ängstlich fragen wir uns: Wird es uns gelingen, den Anforderungen, die au uns herantreten, gerecht zu werden? Dürfen wir genügend Verständnis bei unsern abendländischen Brüdern erwarten, um die großzügigen Pläne unseres führenden Rabbiners realisieren zu können? Werden wir imstande sein, unsere Brüder in Deutschland von der Wichtigkeit unserer Bestrebungen zu überzeugen, um den dauernden Bestand unseres Werkes zu sichern und es seiner Vollendung zuzuführen? Wirdes uns möglich sein, den in großer Anzahl Aufnahme begehrenden neuen Schülern die Wohltaten unserer Anstalt zugute kommen zu lassen? Werden wir genügend Gönner und Freunde gewinnen, um auf dem jetzt erworbenen Terrain einen Schulbau errichten zu können, der uns in der Zahl der aufzunehmenden Schüler einen größern Spielraum läßt, in hygienischer Hinsicht Lehrern und Schülern die Arbeit erleichtert, und den modernen schultechnischen Prinzipien mehr Rechnung trägt? Wir wollen nicht zweifeln, daß dieses alles in Kürze sich zur schönsten Wirklichkeit gestaltet; wir glauben zu fest an die Kraft des Guten und Wahren und sind erfüllt von dem Vertrauen, das aus den Schlußworten des Briefes spricht, mit dem uns Rabbiner Kuck beehrt hat: „Jeder, der das Volk Gottes liebt, jeder, der die Thorajünger liebt, ihr alle, denen die Söhne Zions teuer sind, erkennet eure Pflicht! Wir vertrauen auf Gott, daß er uns auf den rechten Weg leiten möge, wie wir die geeigneten Mittel finden können, dem heiligen Boden dauernde und wahrhafte Hilfe zu schaffen." Der Kampf in der Alliance Israelite Universelle Die Beschlüsse, welche die Deutsche Konferenzgemeinschaft am 25. April in Berlin gefaßt hat, sind von dem Pariser Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle abgelehnt worden. Vielleicht nicht ohne inneres Widerstreben. Denn die Art, in der die Beschlußfassung erfolgte, läßt die Ansicht zu, daß die Mitglieder des Zentralkomitees in der Wertschätzung der Persönlichkeit des Herrn Reinach, gegen den sich ja hauptsächlich die Opposition wendet, durchaus nicht übereinstimmen. Sie haben die Zuschrift der deutschen Konferenzgemeinschaft nicht bündig negiert, sondern einen Umweg gewählt, indem sie einen Brief billigten, den der Präsident Herr Leven an einen Ungenannten gerichtet hat. Dies ist allerdings nur als Stimmungsausdruck interessant; praktisch ist es bedeutungslos. Denn durch diese Billigung hält das Zentralkomitee an der Person des Herrn Reinach fest. Es erklärt sich damit natürlich auch mit dem von ihm vertretenen System solidarisch, über das wir heute nichts mehr zu sagen brauchen. Der Brief des Herrn Leven versucht die ganze

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