Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 20 (19.5.1911)
- Date
- 1911-05-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 20 DIE^ELT 457 durchberaten und vorbereitet werden müssen. Jede Meinungsäußerung ist wertvoll, wie jeder Gedankenaustausch unter Leuten gleicher Gesinnung und gleichen Strebens aus verschiedenen Ländern und von verschiedener Lebensanschauung. Dazu kommt, daß die Beschlüsse, in denen der Kongreß seinen Willen kundgibt, der Würde einer repräsentativen Nationalversammlung entsprechen müssen, die vom jüdischen Volk als sein Oolusparlament beschickt wurde. Damit sich die uns umgebende Welt ein klares Bild von unser Zielsicherheit, von unserm Vertrauen in unserer Kraft und von unser politischen Entwicklung machen kann, sollen unsere Beschlüsse von der Anzahl der hinter ihnen stehenden von der gleichen Entschlossenheit erfüllten Individuen getragen werden. Tausend Menschen, die in einer Versammlung zu der gleichen Anschauung gelangt sind, sind mehr als tausend. Nun ist jeder Delegierte von 200 Schekelzahlern entsendet. Die Zahl derer also, deren Anschauungen die Delegierten vertreten, erweitert und steigert die Bedeutung des Kongresses. Fassen wir kurz zusammen: Wenn die Zionisten den Kongreß als die ernste und hohe Institution erhalten wissen wollen, als die sie Herzl dachte; wenn sie ihre Organisation sichern wollen, wenn sie ihrer eignen Leitung die geforderten Mittel bewilligen wollen, dann dürfen sie es nicht bei akademischer Zustimmung bewenden lassen: Sie müssen den Schekel zahlen und die Jahresbeiträge leisten. Kinderfürsorge in Palästina Von Dr. Meinrath, Kinderarzt in Konstanz am Bodensee Die kulturellen Arbeiten, welche in den letzten Jahren in Palästina von zionistischer und nichtzionistischer Seite geschaffen sind, haben in erster Linie die wirtschaftliche und kulturelle Hebung der Kolonisten ins Auge gefaßt. Daneben kommen von einigen Ausnahmen nur solche hygienischen Maßnahmen in Betracht, welche jene wirtschaftlichen Gesichtspunkte zu fördern inutande sind. Ich meine in erster Linie die Bekämpfung der Malaria. Für die gesundheitliche Besserstellung der Juden in Palästina ist im großen und ganzen recht w enig, namentlich von zionistischer Seite geleistet worden. Selbst der Ärztemangel ist in Palästina noch nicht behoben, obwohl es unter uns Zionisten an Ärzten keinen Mangel hat. Ich habe auf meiner jetzigen Reise in Palästina mich persönlich überzeugen können, wie schwer von den Kolonisten gerade dieser Ärzlemangel empfunden wird. Die Krankenanstalten, welche wir besitzen, entsprechen höchstens in Jerusalem den Anforderungen. Dagegen macht sich das Fehlen eines jüdischen Krankenhauses in den städtischen Zentralen der Kolonien Haifa und Jaffa sehr unangenehm bemerkbar. Tiberias mit seinen neuen Kolonien sucht schon seit Moraten vergeblich nach einem Avd. Hier ist namentlich für unsere zionistische Jugend ein Feld, auf dem sie ihre zionistischen Gefühle in Taten umsetzen könnte. Weit wichtiger aber als die vorhandenen und teilweise noch dazu äußerst bescheidenen Anstalten zur Behandlung Erkrankter erscheint mir ein Institut, welches mehr wie alle andern Krankenanstalten durch Beispiel und Belehrung dem Gesundheitszustand unseres Volkes förderlich sein könnte. Wollen wir die körperliche Gesundung unseres Volkes als Vorbedingung für dessen wirtschaftliche und kulturelle Wiedergeburt, so müssen wir ein Institut haben, welches eine vorbildliche „Musterfarm" für die Heranbildung der jüdischen Jugend in ihren ersten Lebensjahren sein muß, ein jüdisches Mustersäuglingsheim unter der Leitung eines modernen Spezialisten für Säuglingskrankheiten. In allen Kulturstaaten kämpfen wir für die Erhaltung und Kräftigung des Nachwuchses. In unserer jüdischen Volksbewegung haben wir als Vorbedingung für die kulturelle und wirtschaftliche Wiedergeburt unseres Volkes die Bedeutung der körperlichen Regeneration erkannt. Wir gründen Turn- und Sportvereine, wir veranstalten Wettspiele und Wanderfahrten zur Kräftigung unserer heranwachsenden Jugend. Warum beginnen wir erst mit der Fürsorge im Kindesalter, während wir uns um das Säuglingsalter des jüdischen Nachwuchses bisher nicht gekümmert haben? Wollen wir einen erfolgreichen Jugendschutz,'so müssen wir mit einem energischen Säuglings schütz beginnen. Erfolgreicher Säuglingsschutz ist aber undenkbar ohne eine Säuglingsmusteranstalt, welche die wissenschaftlichen Ergebnisse der modernen Säuglingspflege und -ernährung praktisch demonstrieren kann. Diese Musteranstalt, welche im Anfang als eine Abteilung eines allgemeinen Krankenhauses gedacht werden kann, diene natürlich in erster Linie für die Behandlung kranker Säuglinge. Daneben hat sie andere kulturelle Aufgaben auf dem Gebiete derallgem 3inen Säuglingswohlfahrt zu erfüllen. Die jun je Frau oder das junge Mädchen könnte sich in ihr für ihren Mutterberuf ausbilden. Durch öffentliche Kurse und Vorträge könnte diese Anstalt die Ideen der modernen Säuglingspflege in die weitern Kreise des Volkes bringen. Durch Ausbildung von Pflegerinnen könnte sie fernerhin ihre Wirksamkeit indirekt auf das breite Land ausdehnen. Sie könnte eine Zentrale und gleichzeitig ein Vorbild für andere Säuglingsanstalien in Palästina sein. Mit dieser Anstalt könnte man Milchküchen und Mutterberatungsstellen einrichten, in denen sich, die Mütter über alle Fragen, welche die Pflege, Ernährung und Erziehung ihres Kindes betreffen, unentgeltlichen Rat holen. Kurz, wir müssen eine Anstalt gründen, welche die Säuglingsfürsorge, wie sie jetzt schon in den meisten Kulturstaaten eingerichtet ist, auch in Palästina organisiert. Ebenso notwendig wie alle die Einrichtungen, welche vorbildlich sein sollen für die körperliche und geistige Hebung unserer Jugend, ebenso notwendig wie die Gründung landwirtschaftlicher Mustergüter, ist die Gründung einer menschlichen „Musterfarm" in Palästina für die Regeneration unseres Volkes. Hier ist ein neues notwendiges Arbeitsgebiet in Palästina, auf dem namentlich unsere jüdischen Frauen und jüdischen Mütter sich im Dienste des jüdischen Volkes betätigen können; handelt es sich doch um das jüdische Kind, das dem jüdischen Mutterherzen doppelt nahesteht. Nur eine kräftige, gesunde Jugend kann neue nationale Güter schaffen. Die Kraft eines Volkes beruht in erster Linie auf der Gesundheit seiner Säuglinge. Ich stelle die Gedanken zur Diskussion und bin überzeugt, daß sich bald eine Anzahl gleichdenkender Menschen findet, weiche die notwendigen Schritte zur Gründung eines Vereins „Säuglingswohlfahrt in Erez Jisroel" unternehmen werden. Ich möchte noch bemerken, daß auch ich wie viele andere Gesinnungsgenossen kein Freund einer Verzettelung unserer Kräfte bin. Aber dieser Punkt in unserer Arbeit erscheint mir wichtig genug, um darauf hinweisen zu sollen, namentlich schon jetzt, wo man Projekte für neue Krankenanstalten in Palästina ausbaut, mit denen sich diese Anstalt leicht verbinden läßt. Die Tachkemoni-Schule in Jaffa Von Oberlehrer N. Schlesinger, z. Zt. Hamburg Direktor der Tachkemoni-Schule. Durch einige Zeitungen Rußlands und Amerikas geht zurzeit die Nachricht von einer großen Schenkung zugunsten unserer Anstalt, die geeignet ist, das Publikum irre zu führen. Wir erlauben uns hierzu zu bemerken, daß diese Nachricht jeder tatsächlichen Grundlage entbehrt und von einer uns unbekannten unverantwortlichen Seite in die Presse lanciert worden ist Indem wir diese Zeitungsmeldung dementieren, richten wir an die jüdische Allgemeinheit gleichzeitig den warmen Appell, uns nach Kräften möglichst wirksam zu unterstützen, damit unser Streben aus Mangel an Mitteln nicht lahmgelegt wird. Angesichts des gegenwärtigen Notstands in Palästina wendet sich ja die Aufmerksamkeit weiter Kreise wieder den modernen Institutionen zu, die das geistige und materielle Elend der palästinensischen Juden durch Verstopfung seiner Quellen, nämlich durch Ertüchtigung der Jugend zum selbstständigen Broterwerb, zu beseitigen bestrebt sind. Das Ziel, das wir in unserer Erziehungsanstalt anstreben, ist die Erziehung für Palästina; unsere Jugend soll mit allen Fasern ihres Herzens, mit allen Kräften ihres Geistes in dem sich hier neu gestaltenden jüdischen Volkskörper Wurzel fassen, soll Erez-Israel und das Volk Israel als untrennbare Einheit empfinden, eine Einheit, die auf die gesamte Judenheit der Diaspora vorbildlich wirken wird. In dieser vollendeten Synthese und idealen Verwirklichung soll unser jüdisches Kulturzentrum als Wächter und Beschützer des reinen jüdischen Geistes den Auflösungsprozeß des Judentums hemmen, dem dasselbe durch bewußte oder ungewollte