Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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444 DIE ELT No. 19 Die Tätigkeit des Pastors Rüssel Das traurige Schicksal, das die mit so viel Hoffnung begonnene Missionsreise des Pastors Russd nach Europa erfahren hat, haben wir bereits mitgeteilt. Sowohl in Wien, als auch in Lemberg und an anderen Orten erhoben die Zionisten energischen Einspruch gegen die Tätigkeit des amerikanischen Missionars, der sich unter dem Vorwand des Philozionismus mit der Seelenfängerei beschäftigt. Die Arbeitsmethoden dieses „Freundes" sind recht sonderbare. Wir haben schon im Vorjahr auf seine Nationalfondsmarke aufmerksam gemacht, auf welcher der edle Pastor seine Konterfei an Stelle des Bildnisses Dr. Herzls eingeschmuggelt hat. Wir bezeichneten damals dieses Vorgehen mit dürren Worten als eine Fälschung. Pastor Rüssel gibt aber nicht nach, und dieselbe Marke, auf welcher Pastor Rüssel sinnend und würdevoll auf Jerusalem sieht, findet sich in Heft I und II (Januar/Februar) 1911 der in Barmen und Brooklyn erscheinenden Missionszeitschrift „Der Wachtturni". Von dieser Reproduktion abgesehen, bietet der sonstige Inhalt des Heftes, der in dem bekannten Traktätchenton geschrieben ist, die Gewähr, da{3 auf solche Weise Pastor Rüssel wohl keine Erfolge erzielen wird. Dieser Agitationsschrift in deutscher Sprache reiht sich würdig eine andere in jüdischer Sprache abgefaßte an, welche den Titel „Die Stimme" führt. Den Hintergrund für die Titelüberschrift bildet die Figur Moses, die mit ausgestreckter Hand auf Jerusalem deutet Der Inhalt dieser ersten Seite ist recht harmlos und ganz so abgefaßt, wie er bei den amerikanischen Jargonzeitungen zu sein pflegt. Auf der zweiten Seite folgt dann die marktschreierische Abbildung des bekannten Massenmeetings im Brooklyner Hippodrom, auf welchem Pastor Rüssel eine Missionsrede hielt, an deren Schluß er durch einen Kirchenchor die Hatikwah anstimmen ließ. Es ist bekannt, daß die meisten der Anwesenden nach dieser Provokation zornig die Versammlung verließen, und daß am folgenden Tage die New Yorker Zionisten gemeinsam mit der Kehillah eine Flugschrift verbreiteten, in welcher vor Rüssel gewarnt wurde. In dem uns vorliegenden Exemplar des Blattes wird dieses Meeting als ein „historisch-jüdisches Massenmeeting von bedeutender Wichtigkeit" bezeichnet Seite 3 enthält dann eine große Photographie Pastor Russeis, Seite 4 verläuft langweilig wie alle Missionsschriften und Seite 5 reproduziert wieder 2 Bilder. Mit diesen hat es seine eigne Bewandtnis. Die Bilder stellen beide einen Friedhof dar, auf dem zwischen Grabsteinen Ahasver sitzt. Auf dem einen Bild starrt er in Verzweiflung vor sich hin, auf dem zweiten Bild blickt er angenehm überrascht auf Pastor Rüssel, der ihm ein Blatt vorhält, auf dem verschiedene Prophezeiungen angegeben werden. Diese beiden Bilder sind dem New Yorker „Big Stick" (der große Stock) entnommen, einem Jargonwitzblatt, das die Bilder als eine Satire des Treibens Russeis im September des vorigen Jahres gebracht hatte. In der „Stimme" ist dieser Zweck verschwunden und die Bilder dienen zu einer Glorifizierung des Missionärs. Diese Angaben genügen wohl, um ein Urteil über Pastor Rüssel zu ermöglichen. Wir glauben nicht, daß seine recht eigenartige Freundschaft für das Judentum, auf die wir gerne verzichten, viele Schafe in seine Hürde treiben wird. Antisemitische Sammlungen bei Juden Wir waren schon öfters in der Lage, auf die Schnorrerei aufmerksam zu machen, welche von deutschen Antisemiten aus Österreich bei Juden in Deutschland versucht wird. So hat z. B. der Deutsche Schulverein in Österreich, als die österreichischen Juden sich seiner Roseggerstiftung gegenüber ablehnend verhielten, Bettelbriefe an Juden in Deutschland versendet, in denen er sie anflehte, zu den „Festungsbauten an der slawischen Grenze" durch Stiftung von Bausteinen mitzuarbeiten. Dank der Wachsamkeit der jüdischen Presse blieb dieses Beginnen erfolglos. Auch der „Nordmährerbund" hatte mit der gleichen Aktion wenig Erfolg. Aber die Herren, die jüdisches Geld immer gern sehen, lassen sich nicht abschrecken. So versendet jetzt der Verein „Deutsches Haus" in Wien einen Aufruf an alle guten Deutschen, in dem er um Hilfe gegen das Vordringen der tschechischen Schulen und Vereinshäuser in Wien bittet. Solche Aufrufe sind auch unter Beifügung einer Zahlkarte und mehrerer Wohltätigkeitsmarken an einige unserer Gesinnungsgenossen gerichtet worden. Wir machen aufmerksam, daß der Verein „Deutsches Haus" in Wien antisemitisch ist. Hoffentlich werden sich die Juden Deutschland nicht durch die Anmerkung auf dem Aufruf, wonach der Verein nicht politisch sei, verleiten lassen, sich in dem ICampf zwischen Deutschen und Tschechen zu engagieren. Von den preußischen Konservativen In Köln hat am 7. Mai eine von der Konservativen Vereinigung einberufene Versammlung stattgefunden, an welcher 2000 Personen, zumeist Mitglieder des Bundes der Landwirte und des Zentrums, teilnahmen. Die Hauptredner in der Versammlung, die recht stürmisch verlief, waren der Präsident des Abgeordnetenhauses, Jordan von Kröcher, und der Führer des Bundes der Landwirte, Abg. Dr. Hahn. Der erstere Redner verteidigte die konservative Partei gegen den Vorwurf, daß sie exklusiv sei. Er tat das in folgendem Satz: „Es ist ein reines Ammenmärchen, daß wir Konservative exklusiv seien. Einer unserer größten, beinahe unser größter Führer war ein Jude. Nachher ist er allerdings zu Verstand gekommen, zum Christentum übergetreten und ein gläubiger, frommer Christ geworden. (Stürmische Heiterkeit.) Es war Stahl, der die konservative Fraktion des Abgeordnetenhauses geführt hat. Wir sind also nicht exklusiv." Diese ebenso geistreiche wie taktvolle Bemerkung überbot dann Dr. Hahn in seiner Rede, in der er vornehmlich den Hansabund angriff. Er bedauerte lebhaft, daß auch die Industriellen sich vom jüdischen Großkapital und von Zeitungen, die Juden gehörten und jüdische Redakteure hätten, ins Schlepptau hätten nehmen lassen. Diese Äußerungen über Judentum entfesselten Stürme des Widerspruchs und des Beifalls. Dr. Hahn schloß: Die Bewilligung von 500 Millionen bei der Reichsfinanzreform habe noch einen Erfolg gehabt; sie habe Katholische und Evangelische, Konservative und Zentrumsmänner, die christlich und germanisch seien., zusammengeführt (stürmischer Beifall und großer Tumult), — die christlich und germanisch seien bis auf die Knochen. In seinem Schlußwort verwahrte er sich dagegen, daß er die gläubigen orthodoxen Juden habe angreifen wollen. Der neue bulgarische Ministerpräsident und die Juden Der neue bulgarische Ministerpräsident Iwan Qeschow empfing dieser Tage eine Abordnungderbulgarischen Juden, bestehend aus dem Großrabbiner Dr. M. Ehrenpreis, dem stellvertretenden Vorsitzenden und dem Sekretär der Sofioter jüdischen Gemeinde und einer Anzahl jüdischer Notabein aus der Hauptstadt und der Provinz. Rabbiner Dr. Ehrenpreis hielt eine kurze Ansprache an den Premier, in der er hauptsächlich der Erwartung der bulgarischen Judenheit Ausdruck gab, daß das neue Kabinett die Rechte der religiösen und Wohlfahrtsinstitutionen der bulgarischen Judenheit bestätigen und ihnen die Möglichkeit der freien Entwicklung sichern werde. In seiner Antwort betonte Ministerpräsident Geschow, daß er stets ein aufrichtiger Freund und Bewunderer'der Juden gewesen sei. Das bulgarische Volk habe niemals judenfeindliche Neigungen, wie sie in andern Ländern häufig zutage treten, bekundet. Schließlich versprach der Ministerpräsident, die Frage der Korporationsrechte der jüdischen Gemeindeinstitutionen, gemäß dem Wunsche der Abordnung, einer günstigen Erledigung entgegenzuführen. Jüdischer Selbstschutz in Marokko Am 12. April d. J. spielte sich vor den Toren von Mekinez ein erbitterter Kampf zwischen verschiedenen Berberstämmen ab. Eine Schar verbündeter Stämme belagerte die Stadt und-versuchte sie zu erstürmen. Der Kampf dauerte fünf Tage lang, wobei zahlreiche Gebäude in der Nähe der Stadtmauer in Brand gesteckt und ausgeplündert wurden. Einer der am heftigsten angegriffenen Punkte der Stadt war die Mellah (das Juden viertel). Allein die Juden traten mit den Waffen in der Hand den eindringenden Kriegsscharen entgegen, schlugen sie zurück und verhinderten die Plünderung ihrer Wohnstätten. Hierbei erlitten die Angreifer große Verluste an Menschenleben. Auf jüdischer Seite gab es bloß einen Toten und drei Verwundete. Im ganzen Lande hat die Tapferkeit der Juden von Mekines Erstaunen und Bewunderung hervorgerufen, zumal da es in Marokko bisher unerhört war, daß die hier stets bedrückten, von ihren Nachbarn oft genug grausam verfolgten Juden es gewagt hätten, ihren Angreifern die Stirne zu bieten und sich mit den Waffen in der Hand zu verteidigen. Briefkasten Vertrauensmänner-Versammlung Ost- und Westpreußen; XII. Delegiertentag der rumänischen Zion isten : Besten Dank und Zionsgruß! W. Schluß des redaktionellen Teiles