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Die Welt · 1911-05-12 · 19 (12.5.1911) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
19 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Mo. 19 DIE^KLT 443 In der zweiten Sitzung bewies der Medschliss bereits, daß er gesonnen sei, endlich Frieden und Ordnung in der Gemeinde herzustellen, indem er einen Streitfall in der Gemeinde des Viertels Ortaköj resolut zugunsten des jetzigen Vorstandes derselben entschied. Sodann wurde eine Budgetkommisslon gewählt. Gewaltsame Rekrutierung In mehreren Städten Ägyptens besonders in Kairo, wurden durch die ägyptischen Behörden eine Reihe jüdischer und christlicher junger Leute, türkische Untertanen, ohne vorherige Aufforderung, sich zum Dienste zu stellen, und ohne Gewährung einer Frist zur Ordnung ihrer Angelegenheiten, verhaftet, auf ein Schiff verladen und nach Bairut abgeschoben, um dort der türkischen Militärbehörde überliefert zu werden. Die jüdische Presse fordert den Großrabbiner und die jüdischen Deputierten auf, wegen dieses Gewaltstreiches bei der Regierung Beschwerde zu führen. Kleine Nachrichten Zwölf Familien aus Hasköj und Balat haben in dieser Woche eine Pilgerfahrt nach Palästina angetreten. — Die nationale Zeitschrift „El Judio" in Konstantinopel erscheint seit kurzem drei mal wöchentlich in großem Format und weist inhaltlich wie äußerlich außerordentlicheVerbesserungen auf. — Im jüdischen Turnverein „Makkabi" hielt vergangenen Dienstag Herr Richard Lichtheim aus Berlin einen mit großem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Die jüdische Jugend in Westeuropa". — Unser Gesinnungsgenosse Dr. Isaak Neufach hat unlängst das türkische Staatsexamen als Jurist abgelegt. Er ist somit der erste ausländische Jude, der diesen Erfolg aufzuweisen hat. Dr. Neufach hat .zahlreiche Berufungen aus Palästina erhalten, gedenkt jedoch noch einige Jahre in der Hauptstadt zu verbleiben, um bei hervorragenden hiesigen Advokaten sich Erfahrung in der türkischen Reciitspraxis anzueignen. Aus der Provinz Der Chachambachi Haim Nahum reist zum Empfange des Sultans im Namen der Juden nicht nach Saloniki, sondern Rabbi Jakob Meir bleibt bis über diese Feierlichkeit noch im Amt. — Der bisherige Ehrenpräsident des „Cercle des Intimes" in Saloniki, Jakob Saul Modiano, hat seine Demission gegeben. — In Üsküb herrschten, wie schon berichtet, große Gemeindekonfükte wegen der dortigen Altiance-Schulen, die seit einer Reihe von Wochen geschlossen sind. Das Konstantinopeler Qroßrabbinat hatte seinen Kapu-Kehaja dahin entsandt, um die Differenzen zu beseitigen; jedoch hatte die Mission nur einen sehr problematischen Erfolg. Mit Hilfe der Polizei wurde eine Versammlung veranstaltet und eine Zwangseinigung vollzogen, die die Wahl eines neuen Gemeindekommitees ergaben. Die Feindschaft der beiden Parteien dauert aber fort. — in Demotica wurde eine neue jüdische Schule eingeweiht, die von der Bevölkerung unter großen Opfern geschaffen wurde. Die Aliiance gibt eine Jahress^ubvention von 6000 Francs. Palästina Ein jüdisches Lyceum in Smyrna Eine Anzahl angesehener jüdischer Bürger von Smyrna hat den Plan gefaßt, im jüdischen Stadtviertel Smyrnas ein ausschließlich für jüdische Schüler bestimmtes Lyceum zu errichten. Kürzlich hielt der Kammerdeputierte von Smyrna, Nissim M az Ii ach Eff endi, einen Vortrag über diesen Gegenstand, und es gelang ihm, sogleich aus der Mitte der Versammlung 3000 Frcs. für die geplante Gründung aufzubringen. Ein wohlhabender jüdischer Kaufmann hat sein geräumiges Wohnhaus der neuzugründenden Schule zur Verfügung gestellt. Bisher waren die jüdischen Bewohner Smyrnas, die ihren Söhnen eine höhere Schulbildung angedeihen lassen wollten, gezwungen, dieselben in katholische Gymnasien zu schicken, wo man sie ihrem Glauben zu entfremden suchte. Rußland Die Judenausweisungen Die Gouvernementsverwaltung in Riga hat einen Ausweisungsbefehl gegen mehrere hundert jüdische Familien erlassen. Diese wandten sich mit einer gemeinsamen Beschwerdeschrift an den Senat, erhielten jedoch den Bescheid, daß die Angelegenheit in die Kompetenz des Ministeriums des Innern falle. Nunmehr wandten sich die Betroffenen an' den Dumadeputierten von Riga, der bei dem Staatssekretär Krishanowski im Ministerium des Innern intervenierte. Krishanowski antwortere, die Angelegenheit werde dem Senat zur Entscheidung unterbreitet werden. Die ausgewiesenen Familien sehen nun der Entscheidung des Senats mit großem Bangen entgegen. Bekanntlich hätten hunderte von jüdischen Familien in Kiew auf arund der neuesten „Wohnrechtsrevisionen" der hiesigen Polizei am 15. April a. St. die Stadt verlassen müssen. Auf die Beschwerde der Rechtsvertreter der ausgewieseneu Familien hat jedoch das Ministerium des Innern eine neue Untersuchung angeordnet und bis zu deren Durchführung die Ausweisungsbefehle außer Kraft gesetzt. Nunmehr bemüht sich eine nach St. Petersburg gesandte Abordnung der Kiewer Juden, die endgültige Annullierung der Ausweisungen zu erwirken. Insbesondere hat diese Deputation gegen die Verfügung der Kiewer Polizei Protest eingelegt, wonach den jüdischen Pharmazeuten, die ihren eigentlichen Beruf nicht ausüben, das Wohnrecht entzogen wird. Ritualmordhetze in Kiew Am 12. März a. St. verließ der zwölfjährige christliche Knabe Andrej Juschtschinsky in Kiew die elterliche Wohnung und wurde seither vermißt. Etwa acht Tage späterfand man ihn in der Umgebung von Kiew tot auf. Angeblich zeigte die Leiche Spuren von Messerstichen. Für die judenfeindlichen Zeitungen war der rRitualrnord44 fertig, und alsbald erschienen in der „Russkoje Znamja", im „Kolokol", in der „Semschtschina" und auch in dem „vornehmen" Organ der höheren Bureaukratie, der „Nowoje Wrernja", blutrünstige Hetzartikel, in denen die Ermordung des Knaben den Juden in die Schuhe geschoben wird, die sein Blut sicherlich vor dem Pessachfeste zu „rituellen Zwecken" verwendet hätten. Der berüchtigte antisemitische Mitarbeiter der „Nowoje Wremja'% Fürst Menschikow, veröffentlichte dieser Tage in dem genannten Blatte ein längeres Feuilleton, in dem er mit dem Aufwand großen Scharfsinnes und imponierender Belesenheit in der — antisemitischen Literatur nachzuweisen sucht, die Kiewer „Chassidirn" seien die Mörder des Knaben Juschtschinsky. Die Wirkung dieser gewissenlosen Hetze ist leider nicht ausgeblieben. Der Pöbel in Kiew nimmt gegen die Juden eine immer drohender werdende Haltung ein. An dem Grabe des ermordeten Knaben werden Trauerandachten abgehalten, das Grab wird von den Betern täglich mit frischen Blumen geschmückt, und die Versammelten erzählen einander offen, das arme Kind sei ein Opfer der Juden, die ihm Blut für ihre Mazzoth abgezapft hätten. . . Die Kiewer Juden erinnern sich voller Besorgnisse der Wirkungen, welche derartige Agitationsversuche in früherer Zeit gerade an ihrem durch Pogrome mehrfach heimgesuchten Orte gehabt haben. Von Kiew sagte ja Fürst Urussow in der ersten Duma, daß dort zu jeder Zeit ein Pogrom — je nach Bedarf, mit Ermordung von zehn Juden oder von Zehntausenden — parat sei. . . Die in Warschau erscheinende jüdische Tageszeitung „Der Moment" fordert die russische Rabbinerkommission, die nach dem Gesetze eine ständige Institution bildet und daher auch in einer Zeit, wenn sie nicht gerade tagt, als religiöse Vertretungskörperschaft der russischen Judenheit gilt, dringend auf, eine Eingabe an den Premierminister zu richten, in der die Grundlosigkeit der Ritualmordbeschuldigung nachgewiesen und die Regierung ersucht werden soll, die Verbreiter der falschen Nachrichten, welche den Zweck haben, die verschiedenen Bevölkerungsklassen gegen einander aufzureizen, mit aller Strenge zu bestrafen. Auch fordert das genannte Blatt die beiden jüdischen Dumadeputierten auf, durch persönliche Vorstellungen bei den Ministern dahin zu wirken, daß die gefährliche Ritualmordhetze im Keime erstickt wird. Abgebrannte russisch^ üdische Städtchen Mit dem Beginn der warmen Jahreszeit hat die Saison der Feuersbrünste in den kleinen Städtchen des jüdischen Ansiedlungsrayons wieder eingesetzt. Bisher liegen Meldungen über Brände aus folgenden Orten vor: Am 14. April a. St. brach irn Städtchen Usda (Gouv! Minsk) ein großes Schadenfeuer aus, dem zahlreiche jüdische Kramläden und Wohnhäuser, ferner eine Reihe von Bethäusern und Bothe-Midroschim zum Opfer fielen. Bereits zwei Wochen vorher brannten in demselben Städtchen sieben Häuser jüdischer Einwohner ab. — In Skidel (Gouv. Grodnoj wütete dieser Tage ein großer Brand, der insbesondere große Leder Vorräte dortiger jüdischer Kaufleute vernichtete. — Das Städtchen Paieschti (Gouv. Bessarabien) ist fast vollständig niedergebrannt. Zahlreiche jüdische Familien sind obdachlos und dem größten Elend preisgegeben.

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