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Die Welt · 1911-05-12 · 19 (12.5.1911) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
19 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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442 ME2$KELT No. 19 nähme der bei Wohltätigkeitsfesten sich immer aufdrängenden Frauen und Mädchen aus der „ersten jüdischen Gesellschaft" sollten die wahren Zwecke verschleiert werden. So sehen wir in der Liste des Zentralkomitees die unerläßlichen Paradejüdinnen eingeschmuggelt, um die breite Masse irrezuführen. Neben der Präsidentin Gräfin Stefanie Wenkheim, der Präsidentin des Mater admirabilis-Vereins, die jüdische Gattin eines exotischen Konsuls, Frau Riza Thalberg. Neben dem Intimus Luegers, Dr. Wielsch, einem bekannten christlich-sozialen fanatischen Agitator, — Frau Berta Franke-Scheiber, und in der guten Gesellschaft Sr. Exzellenz Dr. Weiß-Kirchner, des Bürgermeisters Dr. Neumayer, Vizebürgermeisters Dr. Porzer, des Stadtrats Oppenberger und anderer bekannter antisemitischer Größen — Frau Sophie Guttmann und die ungezählte und ungedruckte Schar jüdischer Frauen und Mädchen, die sich, wie immer, „in den Dienst der Wohltätigkeit'' stellten. . . . Non olet! Die jüdisch-nationalen Kandidaturen in Westosterreich Die „Welt" hat bereits die Aufstellung der jüdisch-nationalen Kandidaturen in Wien (Leopoldstadt) und in dem mährischen Wahlkreis Göding gemeldet. Die Wahlarbeiten, die der Jüdische Nationalverein leitet, haben einen großen Umfang angenommen. Die Versammlungen in Wien weisen einen Massenbesuch, auf und die jüdischen Wähler zeigen enthusiastische Stimmung. Der Wiener Kandidat Ingenieur Robert Stricker hielt am 27. April in einer Massenversammlung eine mit großem Beifall aufgenommene Rede, in der er den Zweck des jüdischen Kampfes mit folgenden Worten zeichnete: „Wir brauchen eine Judenschutztruppe. Allerdings keine, die aus fremden Söldnern besteht aus gnädigen Herren, die etwas weniger antisemitisch sind als die andern und jüdische Stimmen und jüdisches Geld huldvollst in Empfang nehmen. Nein, wir brauchen eine Schutztruppe, die aus entschlossenen Volksgenossen, aus kampfbereiten Juden besteht. Wir Jüdischnntionalen haben uns als Schutztruppe formiert. Wir wollen alles, was jüdisch ist, organisieren. So jung wir als Partei sind, so ist es uns doch gelungen, vieles zu schaffen. Wir haben unsern grimmigsten Verächtern Respekt vor dem jüdischen Namen beigebracht. Wenn irgendwo im weiten Österreich ein Jude als Jude geschädigt wird, so kann er unserer Hilfe gewiß sein. Wir haben keine deutsche oder sozialdemokratische Parteileitung um Erlaubnis zu bitten, ob wir dem Bruder in Galizien oder in Mähren helfen dürfen, „Der Jude gehört zum Juden," das ist unsere Parole." Die Agitation im Gödinger Wahlbezirk, wo Herr Luzian Brunner den Kampf gegen den getauften christlich-sozialen Professor Redlich aufgenommen hat, hat das erfreuliche Bild der Einigung der selbstbewußten Judenschaft gegen die Assimilation gezeigt. Am 29. April fand eine starkbesuchte Versammlung in Lundenburg, arn 30. April eine improvisierte Versammlung in Kostel statt. Am selben Tage noch folgte eine Versammlung in Ungarisch-Hradisch und am 4. Mai in Ungarisch-Brod. Überall nahm man die Kandidatur des Herrn Brunner einhellig an. Charakteristisch für die Stimmung in dem Bezirk ist es, daß auch die Sozialdemokraten dem frühem Abg. Redlich einen Juden, Dr. Kohn, entgegengestellt haben. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die Demission Dschawid Bejs Die Demission Dschawid Bejs ist nun doch erfolgt und Nail Bej an seine Stelle getreten. Der tatsächliche Abgang Dschawids bedeutet heute klipp und klar das Verschwinden des ganzen Komitees „Union et Progres" von der politischen Bühne der Türkei, wenigstens bis auf weiteres. In Dschawid Bej verkörpert sich eben heute die Intelligenz und das Ansehen des Komitees. Seine Demission muß, so scheint es, die einer Reihe anderer Minister nach sich ziehen, und so würde das weitere Schicksal des Landes ein höchst ungewisses und bedenkliches werden. Es wird denn auch bereits jetzt aus Europa gemeldet, daß die Nachrichten vom Rücktritt des Finanzministers die türkischen Werte an den Börsen außerordentlich schlecht beeinflußt haben. Es ist daher begreiflich, daß die Freunde Dschawid Bejs alles mögliche taten, um ihn zur Aufgabe seines Vorhabens zu veranlassen, und daß die Entscheidung sich hinauszögerte. Noch vor wenig Tagen war gemeldet worden, daß Dschawid Bej mit Beginn der Parlamentsferien eine Reise nach Syrien und Palästina anzutreten gedenke. Vielleicht wäre von dieser Reise für eine gerechtere Beurteilung des in Palästina von Juden bereits Geleisteten und noch zu leistenden viel zu erwarten gewesen. Da aber der Finanzminister zurücktrat, wird die Reise wohl kaum statthaben. Noch einmal die;;Times" Die „Aurore" widmet dem vor zwei Wochen von uns ausführlich behandelten Gegenstande einen Leitartikel unter der Überschrift „Les grandes puissances et le sionisme en Turquie", in dem die strikteste Neutralität gegenüber den Mächten als oberster politischer Leitsatz unserer Bewegung behandelt wird. „Der Zionismus" so heißt es da, „macht und machte niemals eine Politik für oder gegen irgendeine Macht. Nur eine einzige Großmacht gibt es, an dieerbereit ist, sich hinzugeben,— das ist das ottomanische Reich, das ist die Türkei, weil in ihr seine Hoffnungen beruhen und weil i hre Auf rechterhaltung und Stärkung eine Zukunftsgarantie für die zionistischen Hoffnungen darstellen." Die Salonikier „Revista Populär" schreibt noch folgendes an die Adresse des „Times": „In ihrer Nummer vom 14. April bringt die „Times" einen langen Brief aus Konstantinopel, der von vorn bis hinten aus Falschmeldungen zusammengesetzt ist. über die Konferenz von Santo Semo Bey im Klub „Union et Progres". Der Korrespondent der „Times44 behauptet, Juden hätten zugunsten der Autorisation dieses Vortrags beim Komitee i i erveniert, Herr Semo hätte von jüdischer Kolonisation in Mesopotamien geredet und sei dafür getadelt worden; jüdische und mohammedanische Teilnehmer der Versammlung hätten sogar lärmend dagegen manifestiert usw. „Wir sind in der Lage, aufs kategorischste festzustellen, daß alle diese Informationen glatt erfunden sind. Kein Jude hat beim Klub zugunsten des Vortrags zu intervenieren brauchen; er wurde veranstaltet zum Besten einer türkischen Schule; der Redner hat nicht ein Wort über jüdische Kolonisation gesprochen weder mit Bezug auf Mesopotamien noch irgendeinen andern Teil der Türkei. Er sprach einzig von der ökonomischen Vergangenheit und Zukunft Mesopotamiens, das er gründlich kennt, und wurde von allen anwesenden Koiiiiteemitgliedern sowie den fast 400 Zuhörern, unter denen kaum vier bis fünf Juden, aufs wärmste dafür beglückwünscht." Steigerung der Einnahmen der „Dette publique" Die Gesamteinnahme der Dette publique betrug am 31. Okt.1910 3 180 132.95 türkische Pf und gegen 2 991 459.51 #„ „ im Vorjahre. Es ergibt sich also ein Überschuß von 188 673.44 Pfd. im Laufe des letzten Jahres. Ein ägyptisches Blatt über jüdische Kolonisation Im arabischen Blatte „Mokattari" zu Kairo unterwirft ein Publizist die soziale und agrikulturelle Lage Palästinas und des Trak sowie die in Palästina bisher erzielten Resultate einer Untersuchung. Er stellt fest, die Dekadenz Palästinas und Arabiens sei nicht nur das Resultat schlechter Verwaltung unter dem alten Regime, sondern auch der Unwissenheit und des Mangels an Arbeitskräften. Er wundert sich, warum die Türkei nicht Einwanderern gestatte, sich in den bezeichneten Teilen des Reiches anzusiedeln, nachdem sie die ottomanische Untertanenschaft angenommen hätten. Di e Fu rcht vor der Schaffung eines jüdischen Staates sei eine Utopie, So wenig heute als gestern denken die Juden daran, eine so schimärische Idee zu verwirklichen. Alle Befürchtungen beruhen auf kindischen Unterstellungen, die vor dem Lichte der Wahrheit nicht bestehen können. Aus der Gemeinde Der neue Medschliss dschismani hat seine konstituierende Sitzung abgehalten und sein Bureau gewählt. Zum Präsidenten wurde Abraham Effendi Farchi, der Präsident des vorigen Medschliss und dessen einziges in den neuen hinübergewähltes Mitglied, durch das Vertrauen seiner Kollegen berufen. Vizepräsident wurde der Kabinettschef des Finanzniinisters, Nissim Russo Effendi, der somit bestimmt scheint, in dem künftigen Gemeindeleben eine bedeutsame Rolle zu spielen. Die ersten Beschlüsse waren die Festsetzung geregelter Arbeitszeiten, uud zweier wöchentlicher Sitzungen, ferner die Bestimmung, daß von allen Vorgängen in diesen Sitzungen jedesmal offizielle Bulletins der jüdischen Presse der Hauptstadt zugesandt werden sollen.

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