Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Mo. 19 die: lit den . . . Rubel habe ich dankend erhalten und isse die liebe Mutter recht freundlich grüßen." Kalt, entsetzlich kalt waren unsere Briefe. Wo hätte ich aber Zeit gefunden, dessen inne zu werden in der Welt der Träume, in der ich mich befand? Allein, der jetzige Brief des Vaters hat mich aufgerüttelt. Nicht so ,ehr — ich gestehe es — des Vaters bewegliche Klage, daß er sich vor den Leuten schämen müsse, auch, offen gestanden, nicht so sehr die flehentliche Bitte der Mutter, doch um des Himmels willen zu kommen. Nichts hat mich so sehr ergriffen wie die paar Worte: „Und wisse, daß Busy zu beglückwünschen ist." . . . Busy, — die Busy meiner Knabenjahre, die ihresgleichen nicht hat, es sei denn im Buche Schir-Haschirim. Busy, die mit der Erinnerung an meine früheste Jugend so sehr verknüpft ist. Busy, die stets die verzauberte Prinzessin aller meiner wunderlichen Märchen gewesen war, die schönste Prinzessin meiner goldnen Träume, diese Busy ist jetzt Braut? Irgendeines Mannes Braut, nicht die meine? * «. * II Wer ist Busy? Ach, ihr wißt es nicht? Ihr habt es vergessen? So muß ich euch denn ihre Lebensgeschichte nochmals kurz erzählen, mit denselben Worten, wie ich sie euch schon einmal vor Jahren erzählt habe. Ich hatte einen ältern Bruder, Beni. Und der ertrank. Er hinterließ eine Wassermühle, eine junge Witwe, zwei Pferde und ein Kind. Die Mühle brach man ab, die Pferde verkaufte man, die Witwe heiratete und fuhr mit ihrem Manne irgendwohin, in weite Fernen, das Kind aber brachte man zu uns, in unsere Stube. Das ist Busy. Und schön war Busy wie Sulamith aus dem Buche Schir-Haschirim. Jedesmal, wenn ich sie ansah, mußte ich an Sulamith denken. Jedesmal auch, wenn ich im Gheder Schir-Haschirim lernte, fiel mir Busy ein. Ihr Name ist aus Esther-Liebe abgekürzt: Libusy — Busy. Mit mir zusammen wuchs sie heran. Meinen Vater nannte auch sie Vater, meine Mutter hieß sie Mutter. Alle Leute waren der Meinung, daß wir Geschwister seien. Wir wuchsen miteinander auf wie Geschwister und liebten einander wie Geschwister. Wie ein Brüderchen mit seinem Schwesterchen pflegten wir uns in irgendeinem Winkel niederzulassen, und dort erzählte ich ihr allerlei seltsame Geschichten aus dem Cheder von meinem Kollegen Scheike, der alles weiß, sogar Kabbala. Kraft der Kabbala, versicherte ich ihr, könnte ich die größten Wunder vollbringen: aus einem Stein Wein zapfen und aus der Wand Gold hervorholen. Kraft der Kabbala, redete ich ihr ein, könnte ich es zuwege bringen, daß wir beide uns bis zu den Wolken erhöben, — und noch höher. Ach, wie liebte sie es, ^ELT - ■- 437 nieinen Geschichten zu lauschen! Nur eine meiner Geschichten hörte Busy nicht gern an: die Geschichte von einer Prinzessin, die man verzauberte, von ihrer Hochzeit hinwegführte und in einem Kristallpalast sieben Jahre gefangen hielt, bis ich zu ihr flog, um sie zu erlösen . . . Alles hörte Busy gern an, nur nichts von einer verzauberten Prinzessin, zu der ich fliegen mußte, um sie zu entzaubern. „Man muß nicht so weit fliegen! Folge mir, man muß nicht! ..." So sprach Busy zu mir und wandte mir ihre schönen Schir-Haschirim- Augen zu. Das ist Busy. Nun schreibt man mir, daß sie zu beglückwünschen sei. Sie ist graut geworden, irgendeines Mannes Braut, nicht die meine. Und ich setzte mich hin und schreibe meinem Vater einen Brief: „An meinen lieben Vater . . . Deinen Brief mit den . . . Rubel habe ich erhalten. In einigen Tagen, sobald ich nur abkommen kann, fahre ich nach Hause. Zu den ersten oder zu den letzten Pessachtagen, — jedenfalls komme ich. Ich grüße die Mutter recht herzlich und wünsche Busy Masol tow. Ich wünsche ihr viel Glück. Dein treuer Sohn ..." III. Es war eine Lüge. Ich hatte es nicht nötig, einige Tage zu warten, bis ich abkommen konnte. An demselben Tage, an dem ich von meinem Vater den obigen Brief erhielt und ihn beantwortete, setzte ich mich auf die Eisenbahn, flog nach Hause und kam gerade am Rüsttag des Festes herangeflogen. Es war ein warmer, leuchtender Erew-Pessach-Tag. Ich fand mein Städtchen genau so wieder, wie ich es vor vielen Jahren verlassen hatte. Es hatte sich nicht um ein Haar verändert. Dieselbe Stadt, dieselben Menschen, derselbe Erew-Pessach- Rummel mit allem, was drum und dran ist. Nur eine Sache fehlte mir: das Schir-Haschirim. Nein, was ich jetzt zu sehen bekam, war nicht mehr schir-haschirimmäßig, wie einst, vor vielen Jahren. Unser alter Hof ist nicht mehr „König Salomos Weinberg", die Klötze und die Bretter, die vor unserer Wohnung aufgeschichtet liegen, sind nicht mehr „Zedern and Zypressen". Die Katze, die vor der Türschwelle liegt und sich sonnt, ist nicht mehr von den Hindinnen, die in Schir-Haschirim vorkommen. Der Hügel gegenüber der Synagoge ist nicht mehr der Libanon, gehört nicht mehr zu den „Würzgebirgen" . . . Die Frauen und Mädchen, die im Freien schaffen, waschen, scheuern, putzen, und das Eßgeschirr für den Fessachgebrauch „kaschern", sind nicht mehr die im Hohen Liede genannten „lieblichen Töchter von Jerusalem" . . . Wo ist meine einstige junge, frische, strahlende und duftende Schir-Haschirim-Welt hingeraten? . . .