Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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436 DIE ELT No. 19 festgesetzt; unter diesen Umständen war für die meistens in den kleinern Ortschaften ansässigen Sharebesitzer die Realisierung der Kupons zu umständlich. Aus meiner eignen Erfahrung habe ich anderseits wahrgenommen, daß erst durch Auszahlung der Dividende bei den Besitzern von I. C. T.-Aktien Interesse für die Bank und Vertrauen zu andern zionistischen Unternehmungen geweckt wird. Es muß daher im Gegenteil etwas vorgenommen werden, um die Auszahlung der Dividenden an die in kleinen Orten aller Länder wohnhaften Sharesbesitzer zu ermöglichen resp. zu erleichtern. Die Kupons den Aktionären zu entziehen, die sie bis jetzt eigentlich gar nicht verwerten konnten, würde vielleicht der Bank und auch dem Zionismus mehr schaden, als der Organisation nützen. Es ist wohl richtig, daß in manchen Ländern, (so in Österreich) unbehobene Dividenden nach drei Jahren — von Gesetzes wegen — verjähren, aber wir dürfen bei der exzeptionellen Zusammensetzung unserer Aktionäre, welche in der ganzen Welt zerstreut leben, nicht Grundsätze anwenden, welche ganz anders geartete Verhältnisse zur Veraussetzung haben. Dieser Vorschlag der Finanzkommission ist daher unannehmbar. Dagegen eignet sich ein schon öfter erörtertes Mittel, das leider von der Finanzkomrnissicn nicht berücksichtigt wurde, viel besser zur Regelung der „Finanzfrage" und zwar lautet der betreffende Vorschlag: Der Schekel wird fakultativ—auf Grund der Selbsteinschätzung — erhöht, und es werden einige, (etwa fünf) Schekeiklassen eingeführt (1 M, 2 M, 5 M, 10 M, 20 M, event. noch mehr). Der Grundsatz, daß der Schekel — ohne Rücksicht auf die Klasse — voll und ohne Abzug an das A. C. abzuführen ist, gilt weiter und wird strikte durchgeführt. Von einer Verletzung demokratischer Prinzipien kann nicht die Rede sein, da jeder nach seiner Einsicht und seinem Vermögen beisteuert, ohne mehr Rechte dafür zu erlangen. Die Landesorganisationen und Föderationen müssen sich für ihre Bedürfnisse andere Mittel beschaffen, was bei gutem Willen und strammer Administration durchführbar ist. Ich will nicht Berechnungen aufstellen, aber jeder mit den Verhältnissen Vertraute weiß, daß das Pflichtbewußtsein, wie auch das Verständnis für die Aufgaben und Bedürfnisse der Organisation in zionistischen Reihen an Intensität bedeutend zugenommen hat, und daß es sehr viele Zionisten gibt, die ihren Schekel auf 2, 5, 10 und 20 M pro Jahr erhöhen werden, wenn man es von ihnen verlangt. Die so gedachte Erhöhung des Schekels wird schon allein dem A. C. genügende Mittel zur Deckung des ordentlichen Budgets liefern. Es ist wahrscheinlich, daß nach Einbürgerung dieser freiwilligen progressiven „Einkommensteuer" die Einnahmen des A. C. alljährlich steigen werden, wodurch die immer wachsenden Ausgaben . der Leitung ihre Deckung finden und keine neue „Finanzfrage" entstehen würde. Es ist sogar, nicht ausgeschlossen, daß das A. C mit der Zeit in der Lage wäre die schwächern Landesorganisationen zu unterstützen, allerdings nicht in der Form „prozentueller Rückvergütungen vom Schekel. Der Erfolg obiger Reform ist jedoch von der Art ihrer Durchführung abhängig. Als erster Schritt ist die Anlegung eines genauen Verzeichnisses aller organisierten Zionisten (Schekelzahler) nach Ortschaften, Distrikten und Ländern anzusehen; wir würden dadurch den „natürlichen Zuwachs" von Zionisten konstatieren, während wir bis jetzt — oft nur durch technische Mängel und Nachlässigkeit — eine große Anzahl von Zionisten in unsern Schekellisten vermissen. Zur Tilgung des bisherigen Defizits ist ein Organisationsfond zu bilden, zu welchem alle wohlhabenden Zionisten einmalige (oder jährliche) Beiträge von mindestens etwa 40 M beisteuern sollen. Man verweist oft bei uns auf große Zuwendungen, welche andere Parteien von Seiten ihrer reichen Anhänger erhalten; mögen nun unsere Führer und wohlhabenden Gg. mit dem Beispiele andern' vorangehen. Der Fond soll direkt vom Zentralbureau aus verwaltet werden, eventuell unter tätiger Mitwirkung der Mitglieder des großen A. C. und im Einvernehmen'mit den Landesorganisationen. Der mißlungene Versuch des „Parteifonds" beweist noch nichts, da derselbe keinen bestimmten Zweck hatte und die Einziehung den Landesorganisationen ganz überlassen wurde. Ein Schritt in dieser Richtung ist bereits gemacht worden (s. „Weltu Nr. 12) und falls die Sache richtig angefaßt und energisch durchgeführt wird, kann binnen zwei Jahren ein Fond von etwa 200000 M angesammelt werden, der zur Deckung des Defizits hinreichen würde. Ich möchte noch auf eine Tatsache aufmerksam machen: An vielen Orten hat man begonnen, die zionistische Organisa'ion auf systematische Weise auszubauen und Kataster anzulegen, so in Wien, Lemberg, Krakau und andern Orten. Man hat sich (z. B. in Krakau und Westgalizien) an die Zionisten mit der Aufforderung gewendet, allen Organen der Bewegung Mittel zur Verfügung zu stellen, und die Bereitwilligkeit besteht. Es werden nicht nur Schekel, sondern auch Landessteuer, Paiästinabeitrag, Propagandafond (für D. K.) und Lokalsteuer im Gesamtbetrage von 3 K 60 h bis 25 K deklariert und eingezahlt; ja es ist heute leichter die größern Summen einzuziehen, als früher den bloßen Schekel. An manchen Orten wurde im Laufe eines Monats mehr Schekel, gesammelt, als sonst durch ein volles Jahr. Dazu gehört eben in erster Reihe guter Wille und Ordnung, die Begeisterung kommt oft mit der Arbeit. Es regt sich also, und darf die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, die Zionisten an die Erfüllung ihrer Pflicht zu mahnen und von ihnen mehr Opfer zu fordern; es werden sich dann auch alle nötigen Mittel direkt von Zionisten aufbringen lassen, ohne daß man zu den Dividenden der Bank greifen müßte. L. M. o > -Q FEUILLETON □ □ □ □ □ □JJ O | Schir-Haschirim Aus einem gleichnamigem Roman von Scholem Aleichem (Aus dem Manuskript übersetzt) I „An meinen geliebten Sohn . Ich schicke dir . . . Rubel und bitte dich, mein lieber Sohn, doch endlich meinen Wunsch zu erfüllen und zu Pessach nach Hause zu kommen. Ich muß mich auf meine alten Tage vor den Leuten schämen. Man hat einen einzigen Sohn, und man bekommt ihn gar nicht zu sehen. Auch die Mutter bittet dich flehentlich, doch um des Himmels willen zu Pessach nach Hause zu kommen. Wisse auch, daß Busy zu beglückwünschen ist. Sie ist zu gutem Braut geworden. Nach Schowuos wird, s. G. w. die Hochzeit sein. Es grüßt dich dein Vater . . . u Dies schreibt mir mein Vater —; es ist das erstemal, daß er mir einen so strengen Brief schreibt. Das erstemal seit der Zeit, da wir auseinandergingen. Unsere Trennung vollzog sich ganz ruhig, ohne Auseinandersetzung. Ich lehnte mich gegen seinen Willen auf, wollte nicht in seinen Wegen wandeln und wählte mir meinen eignen Lebensweg: — ich zog in die Welt hinaus, um zu studieren. Zuerst war er sehr böse und sagte, er werde mir dies nicht einmal auf dem Totenbette verzeihen. Dann aber verzieh er mir. Später fing er an, mir Geld zu schicken: „Ich schicke dir . . . Rubel, und die liebe Mutter läßt dich recht freundlich grüßen." Kurze, trockene Briefe. Auch meine Briefe an ihn waren ganz kurz und trocken: „Deinen Brief