Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-05-12 · 19 (12.5.1911) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
19 (12.5.1911)
Date
1911-05-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316480--54538-3348355
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

438 -= D1E1 IV. Mein Vaterhaus traf ich genau so an, wie ich es vor vielen Jahren verlassen hatte. Es hatte sich nicht um ein Haar verändert. Der Vater, — wie ich ihn immer kannte. Nur sein silberweißer Bart war noch mehr silberfarben geworden. Seine breite, weiße, gefurchte Stirn hatte noch mehr Furchen bekommen. Wohl von den vielen Sorgen . . . Auch die Mutter, — wie ich sie immer kannte. Nur das einst rote Gesicht war gelblich geworden. Auch schien mir, daß sie kleiner geworden war. Vielleicht kam mir dies sovor, weil ihre Gestalt sich gebeugt hatte. Und ihre Augen waren rötlich und sahen von den vielen Runzeln wie angeschwollen aus. Vielleicht waren sie vom vielen Weinen so geworden? Worüber hatte meine Mutter geweint, um wen hatte sie geklagt? Etwa um mich, ihren einzigen Sohn, der dem Vater nicht gehorchen wollte, der sich wider seinen Willen auflehnte, nicht in seinen Wegen wandeln wollte, sich seinen eigenen Lebensweg gebahnt hatte, in die weite Welt gezogen war, um zu studieren, und so lange der Heimat fernblieb? Oder weinte meine Mutter um Busys willen, die am Sabbat nach Schowuos Hochzeit machen wird? . . . Ach, Busy! Auch sie hatte sich nicht um ein Haar verändert. Sie war nur ordentlich gewachsen und schöner geworden. Noch schöner als früher, schöner als jemals. Hoch und schlank und voll reifer Anmut. Ihre Augen — die nämlichen schönen Schir-Haschirim-Augen, nur etwas mehr versonnen als früher: verträumte, sorgenvolle, schöne, blaue Schir-Haschirim-Augen. Und ein sanftes Lächeln um die Lippen. Und freundlich war sie und lieb, und zutraulich und still, so sanft und still wie eine Taube . . . Sehe ich Busy an, so erinnere ich mich jener Busy von ehedem. Ich erinnere mich ihrer eben fertig genähten Feiertagskleidchen, die die Mutter ihr damals zu Pessach genäht hatte. Ich erinnere mich ihrer neuen zierlichen Feiertagsschuhe, die der Vater ihr damals zu Pessach gekauft hatte. Und wenn ich mich der ehemaligen Busy erinnere, so kommt mir unwillkürlich das längst vergessene Schir-Haschirim, Vers für Vers, nochmals in den Sinn: „Deine Augen wie Tauben, dein Haar wie eine Herde Ziegen, die von dem Berge Gilead herabkommen. Deine Zähne wie eine Herde auserlesener Lämmchen, die aus dem Bade steigen. Wie Purpurschnüre deine Lippen, deine Rede süß und lieblich . . . u Ich blicke auf Busy, und es wird wieder alles schirhaschirimmäßig, wie einst, einst, vor vielen Jahren. V. „Busy, du bist zu beglückwünschen?a Sie hat meine Worte überhört. Aber warum senkt sie die Augen, warum färben sich ihre Wangen rot? Nein, ich muß ihr gratulieren. [ELT ™— ■ - =-- No. 19 „Masol-tow, Busy." „Gesegnet seist du." Das war alles. Ausfragen konnte ich sie nicht. Ein Gespräch mit ihr anknüpfen? Es gab keinen geeigneten Ort. Es hinderte mich der Vater, es hinderte mich die Mutter, es hinderten mich die Verwandten und Bekannten, die Nachbarn, die immerzu kamen, um mich zu begrüßen. Ging einer fort,, so kam gleich ein anderer. Alle umringten mich, alle musterten mich wie ein seltsames Wesen aus einer andern Welt. Alle wollten mich sehen, wollten hören, was ich alle die Zeit her getrieben hatte, — eine Kleinigkeit, man hat einander ja so lange nicht gesehen! „Erzähle uns doch etwas Neues. Was hast du gesehen, was hast du gehört?" Und ich erzähle ihnen Neues, berichte ihnen, was ich gesehen, was ich gehört habe, und blicke während der ganzen Zeit auf Busy. Ich suche ihre Augen und finde sie. Finde ihre scheuen, tiefen, verträumten, schönen blauen Schir-Haschirim-Augen. Doch ihre Augen sind stumm wie ihre Lippen, wie sie selbst. Nichts sagen mir ihre Augen, schlechthin gar nichts. Und wieder kommt mir das Schir-Haschirim in den Sinn, wie ehemals, Vers für Vers: „Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, ein geschlossener Quell, ein versiegelter Born". . . VI. Und ein Sturm erhebt sich in meinem Innern, und ein Feuer lodert in meinem Herzen empor. Ich selbst bin es, gegen den der Sturm in meiner Brust tobt, ich selbst und alle jene törichten, jugendlichen, goldenen Träume, um derentwillen ich Vater und Mutter verlassen hatte, um derentwillen ich mein Leben hingeopfert, mein Glück verscherzt hatte, — verscherzt für immer! Verscherzt? Nein, es kann nicht sein. Ich bin doch wieder hier, beizeiten hier . . . Wenn ich erst mit Busy allein bin, wenn ich erst ein paar Worte mit ihr wechseln kann . . . Doch wie kann ich mit Busy ein paar Worte wechseln, wenn alle Leute dabei sind. Wenn alle mich umringen, alle mich neugierig betrachten wie ein seltsames Wesen aus einer andern Welt; wenn alle wir Zuhören, alle wissen wollen wie es mir alle die Zeit her ergangen ist, — man hat einander ja gar so lange nicht mehr gesehen. Aufmerksamer als alle hört mir der Vater zu. Er sitzt wie immer über ein heiliges Buch gebeugt, legt seine breite Stirn wie immer in Falten, sieht über die silberne Brille hinweg und betrachtet mich und glättet wie immer die silberweißen Fäden seines silberweißen Bartes. Und es scheint mir, daß er mich anders als sonst ansieht . . . Nein, es ist sicher nicht der gleiche Blick wie ehedem. Ich fühle es wohl, mein Vater ist tief gekränkt. Ich habe mich gegen seinen Willen auf-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.