Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 19 (12.5.1911)
- Date
- 1911-05-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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434 DIEEqKELT No. 19 der Alliance zugestimmt und würden es äußerst schmerz; lieh bedauern, wenn der in ihrem Schöße begonnene Kampf zu einem Bruche führen würde. Die Alliance ist eine Notwendigkeit für das Judentum, insbesondere im Orient! 40 000 Kinder sind ihrer Leitung anvertraut, 30 000 Männer in der ganzen Welt steuern für ihr Hilfswerk bei und widmen ihr ihre Unterstützung. Wie aber übt nun Paris die ihm so gewordene Machtfülle aus? In den Schulen wird ein Geist gefördert, der alles andere, nur nicht jüdisch ist. Es ist der Geist französischer Kultur, ins Levantinisch-Wässerige übertragen,— einer Kultur, für die sich wirkliche Franzosen wohl bedanken würden, — die eine auswanderungslustige, der Tradition wie den heimischen Verhältnissen entfremdete Jugend erzieht. Wenn die Konferenzgemeinschaft es in der letzten Sitzung beklagte, daß man in Paris sich bemühe, aus der internationalen Vereinigung eine französische Institution zurecht zu machen, so erscheint dieser Vorwurf der Französierung um so gerechtfertigter, als das, was in dieser Beziehung an den Schulen gesündigt wird, allmählich jedes Maß übersteigt. Vielleicht hätten die Herren noch schärfer geurteilt, wenn ihnen z. B. bekannt gewesen wäre, daß bei der Feier des 50jährigen Bestehens der Alliance in Mikweh Israel der Direktor Loup ganz Jaffa einlud, dann aber das Halten von hebräischen Reden wie solchen im Jargon verbot und daß dann IV2 Stunden in französischer Sprache die Alliance vor 600 Personen gefeiert wurde, von denen kaum ein einziger Französisch verstand. Oder daß von dritter Seite ein monatlicher Zuschuß von 100 Frcs. gewährt wird, damit man in der größten Hafenstadt Syriens an der Allianceschule hebräischen Unterricht erteile! Wie sollen Kinder jüdisches Empfinden lernen, die das vor sich gesehen haben! Die Klagen der gesetzestreuen Juden sind nicht weniger berechtigt. Was sollen wohl die Alliancelehrer die Kinder in religiöser Hinsicht lehren, wenn der Spiritus rector der Alliance öffentlich vom „dreistdummen Ritualismus der Juden" redet, erklärt, daß er mit Freuden einen Kampf gegen die Speisegesetze führen werde, den Sabbat t beseitigen möchte und ausruft: „Voltaires Parole: Ecrasons rinfame» gilt gegen alles, was dem gesunden Menschenverstände entgegenwirkt." Wenn er erklärt, daß das Judentum weder eine Religion, noch ein Volk, noch eine Rasse bedeute! Müssen in diesem Geiste geleitete Schulen nicht direkt zum Abfall vom Judentum erziehen? Und wird dieser gehässige und verunglimpfende Geist, wie ihn der Rabbiner Werner mit Recht nannte, nicht der alleinherrschende werden, wenn dereinst Herr Reinach den greisen Herrn Leven ersetzen sollte? Wissen doch schon heute die Alliancelehrer genau, wie sehr sie von Herrn Reinachs Gnade abhängen! Wie sich die Alliance zu andern Organisationen, zu der unsrigen, zum Hilfsverein, zum „Bezalel" stellte, war längst bekannt. Nun erfahren wir, daß der Geist der rücksichtslosen Oligarchie auch im Innern der Alliance schonungslos waltet. Daß — nach den Ausführungen des Geheimrats Landau — man in Berlin kaum unterrichtet wird über das, was in Paris geschieht und beschlossen wird, daß man sogar vermutet, nicht einmal die französischen Zentralkomiteemitglieder seien richtig über die wirklichen Vorgänge zwischen Berlin und Paris informiert worden! Wenn das im Schöße der Alliance selbst geschieht, kann man sich freilich nicht darüber wundern, wenn gegen den verhaßten Zionismus in jener Weise vorgegangen wird, über welche die Öffentlichkeit kürzlich durch den Briefwechsel zwischen der Alliance und Herrn Wolffsohn unterrichtet wurde. Wenn man schon die eigenen Funktionäre nicht schont, wenn man hinter dem Rücken des Vorsitzenden der deutschen Konferenzgemeinschaft gegen ihn die Kollegen scharf zu machen sucht, so können wir uns wenigstens insofern trösten, als offenbar gegen uns nur ejn geheiligtes System zur Anwendung gebracht wird, nicht aber etwa eine besondere Gehässigkeit die Entschließungen bestimmt. Allerdings mußte ein solches Handeln eines Tages alle gesunden Kräfte des Judentums gegen Paris mobil machen, und so weit sind wir nun — leider — gelangt. Was soll jetzt werden? Die Konferenzgemeinschaft hat nach Paris die Bitte gerichtet, Herrn Reinach nicht mehr kandidieren zu lassen. Natürlich bekämpft sie nicht seine Person, sondern das von ihm vertretene System. Sie ist abschlägig beschieden worden, mit der Motivierung, daß Herr Reinach ein verdienstvolles Mitglied der Alliance sei, dessen religiöse Überzeugung man nicht zu prüfen habe. Das klingt sehr schön, ist aber vollkommen falsch und stellt die Tatsachen auf den Kopf. Man kann einmal sehr lange einer Organisation angehören und braucht ihr darum noch nicht genützt zu haben. Herrn Reinachs Arbeit war geradezu verderblich. Und was seine religiösen — oder unreligiösen — Überzeugungen angeht, so würden sie niemand interessieren, wenn er sie für sich behielte oder wenn er sie veröffentlichte, ohne zugleich der stellvertretende Vorsitzende der Alliance zu sein. Denn diese ist ein Schulunternehmen. Und zwar eines, das auf religiöser und weltlicher Grundlage beruht. So wenig man aber zum Leiter eines katholischen Schulwerks für Franzosen einen Mann brauchen könnte, der alle katholischen Dogmen schmähte und das französische Volk für nicht existent erklärte, so wenig kann man einem Reinach 40 000 jüdische Schulkinder anvertrauen. Es ist zur Not noch verständlich, daß seine weltlichen französischen Kollegen ihn an der Macht erhalten wollen. Aus Solidaritätsgefühl oder andern Gründen. Schwerer faßlich für Unbefangene ist schon das Verhalten der französischen Rabbiner im Pariser Komitee, die ja doch von Berufs wegen die Religion zu schützen haben! Gar nicht zu verstehen aber ist Herr Reinach selbst, der nach allem, was er getan und geschrieben, was man ihm öffentlich gesagt hat, nicht begreift, daß er am falschen Platze steht und ihn freiwillig räumt, statt um seine Person einen solchen Kampf entbrennen zu lassen. Wir sind überzeugt, daß man in Paris die deutschen Juden als Halbbarbaren ansieht, denen man nur väterlich zu winken braucht, damit sie dem vorangeschrittenen französischen Judentum gehorsam folgen. Aus diesem oft beobachteten komisch wirkenden Überlegenheitsgefühl ist wahrscheinlich das ganze Mißverständnis entsprungen, das jetzt zum Kriege führt. Wir müssen aber denn doch sagen, daß die Kultur, soweit sie im Zartgefühl besteht, in Deutschland größer zu sein scheint. Schwerlich wäre ein deutscher Herr, der solche gewichtigen sachlichen Angriffe erfahren hätte, nicht bereit gewesen, seine Person der guten Sache zum Opfer zu bringen! Herr Reinach bleibt und ist entschlossen, seinen Posten zu behaupten, selbst wenn darüber dem Judentum unheilbarer Schaden zugefügt wird. Quand meme. Das Judentum ist ja