Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 18 (5.5.1911)
- Date
- 1911-05-05
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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418 DIE^XELT No. 18 Rußland und die amerikanischen Juden Der Vorsitzende des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten im Washingtoner Kongreß, Mr. Sulz er, hat dem Kongreß einen Antrag unterbreitet, wonach der im Jahre 1882 zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland abgeschlossene Paß vertrag gekündigt, bzw. als ungültig erklärt werden soll. Der betreffende Vertrag sichert den beiderseitigen Staatsangehörigen ungehinderten Verkehr im Gebiete des anderen Staates zu, wird aber von Rußland trotz zahlreicher Vorstellungen fortgesetzt verletzt, indem die russische Regierung amerikanischeu Juden die Erlaubnis zum Betreten russischen Gebiets verweigert. Schon seit Jahrzehnten fordert die amerikanishhe Regierung die gleichmäßige Behandlung aller amerikanischen Bürger in Rußland, aber ohne den geringsten Erfolg, Die Sulzer'sche Bill bezweckt nur, den russischen Machthabern vor Augen zu führen, daß Amerika sich dieses Vertragsbrüchige Verhalten nicht länger gefallen lassen will und entschlossen ist, empfindliche Gegenmaßregeln zu ergreifen. Die Simmung für den Vorschlag Mr. Sulzers ist allgemein günstig, sowohl bei Republikanern, wie bei Demokraten, und die Annahme der Resolution im Weißen Hausegilt aisgesichert. Inzwischen gibt das Staatsdeparment eine Darlegung des amerikanischen Botschafters in Petersburg bekann*, die sich gegen das Vorhaben des Kongresses richtet, und zwar ausfolgenden Gründen: Die Annahme der Bill werde die Bemühungen derer, welche auf diplomatischem Wege die russische Regierung zu einer Änderung ihrer Haltung der amerikanischen Juden gegenüber zu bewegen versuchen, paralysieren; ferner würde die Aufhebung des Paßvertrags zur Folge haben, daß amerikanische Juden, die aus Rußland stammen, etwaiger Erbschaften in Rußland verlustig gingen. Rußland sei nicht abgeneigt, den amerikanischen Juden das erlangte Zugeständnis zu machen, werde aber daran durch dieErwägung gehindert, daß in einem solchen Fall auch Deutschland und Österreich ein gleiches Ansinnen stellen würden. Werde dies erfüllt, würde sich sofort ein Strom deutscher und österreichischer Juden nach Rußland ergießen. Infolge der feindseligen Strömung gegen die Juden im russischen Volke würden dann Judenverfolgungen und Metzeleien zu gegenwärtigen sein. — Die Einwendungen des Botschafters gegen die Aufhebung des Vertrags werden hier als sehr schwach angesehen. Daß auf diplomatischem Wege nichts zu erzielen ist, geht doch aus den nun 30 Jahre lang fortgesetzten frucht* lösen Bemühungen der amerikanischen Regierung, Rußland zur Änderung seiner Haltung zn veranlassen, zur Genüge hervor. Der etwaihnen drohende Verlust von Erbschaften scheintdie eingewanderten Juden nicht besonders zu ängstigen, denn man hat von ihnen noch keinen Protest gegen das beabsichtigte Vorgehen des Kongresses gehört, im Gegenteil, sie unterstützen die Kongreßmitglieder nach Kräften. Die Frage der jüdischen „Externisten" In der Sitzung der Reichsduma vom 12. d. M. brachte die Parte der Kadetten eine Interpellation ein über die letzte Ministerialverordnung wegen der Prozentnorm für die externen Schüler. In der Interpellation wird darauf hingewiesen, dal> dieses Zirkular durchaus den Gesetzbestimmungen aus den Jahren 1886 und 1887 widerspreche. Dort sei nur von ständigen Schülern die Rede. Eine Beschränkung der gesetzlichen Rechte der jüdischen externenSchülern könne nur auf dem Wege der allgemeinen Gesetzhebung erfolgen, nicht aber auf administrativem Wege. Auf Grund dessen wird an den Ministerpräsidenten und den Unterrichtsminister die Anfrage gerichtet: Ob es ihnen bekannt sei, daß der Beschluß des Ministerrats vom 11. März d. J., der als ein neues Ausnahmegesetz erscheine, mit Umgehung der bestehenden Ordnung erfolgt ist und ein offenbar ungesetzliches Verfahren darstellt? — Die Interpellation trägt als erste Unterschrift den Namen des jüdischen Abgeordneten Friedmann. Zur Begründung der Interpellation ergriffen das Wort die Abgeordneten Friedmann, Roditschew und Nikolski. Auf Vorschlag des Oktobristen Lerche wurde die Dringlichkeit der Interpellation abgelehnt, worauf die Duma beschloß, die Interpellation einer Kommission zur Beratung zuzuweisen. Zur Geschichte der Pogrome Im „Berliner Tageblatt" vom 19. April plaudert der russische Journalist Paul Bare hau über die Petersburger Dworniks (Hausmeister). Er erzählt hierbei folgendes, für die Beurteilung der Psychologie der Pogrome wichtigen Histörchen: „Als im unglückseligen Jahre der Revolution der Regierung die Wogen über dem Kopf zusammenzuschlagen drohten, beschloß der Piehweschüler und -übertrumpfer Trepow, einen Gewaltstreich auszuführen und das blutigerregte Volk zur Ader zu lassen: in Petersburg einen grandiosen Judenpogrom zu inszenieren, einen Pogrom, der alle bisherigen in den Schatten stellt, einen Galapogrom. Nach der Ansicht der russischen innern Diplomatie,, nach bewährten, ehrwürdigen, nationalen Rezepten gilt als das beste Mittel, um das aufgeregte russische Gemüt zu kühlen und den sozialen Betätigungsdrang abzulenken, ein Pogrom. „Es rast der See und will sein Opfer. hi b m. Werfen wir ihm einige Juden hin. Der See ist tief und unergründlich; weißt nicht, was er will, unterscheidet nichts." Geheimnisvolle Leute erschienen in den Dwornikstuben, ließen sich die Hausbücher vorlegen, setzten den Sklaven den Hamanplan auseinander, machten geheimnisvolle Zeichen an den Hintertüren der jüdischen Wohnungen, organisierten: am 29. Oktober nachts sollten die jüdischen Familien überfallen werden. Welch eine Lust, nachts Ahnungslose in den Betten abzustechen, Jüdinnen zu vergewaltigen, zu plündern, zu plündern! Straflos! Die Dworniks sollten eine führende Rolle spielen. Doch der Geist der Auflehnung war auch schon in .die Dwornikstuben gedrungen; es gab damals hier und da „Aufgeklärtesie erschienen bei den jüdischen Herrschaften und erzählten . . . Die Zeitungen, die damals ihre Nase überall hineinstecken durften und denen das Schloß vor dem Munde etwas lose hing, schlugen Lärm, scharfen Lärm, und als der Morgen des 29. anbrach, flohen vielleicht drei Viertel der Petersburger Juden nach dem damals noch freien Finnland; Wiborg allein beherbergte gastlich zehntausend Flüchtlinge. Die jüdische männliche Jugend dagegen bewaffnete sich und zog die ganze Nacht patrouillenweise durch dieSta:t, entschlossen, sich nicht wie die Kischinewer widerstandslos abschlachten zu lassen. Im letzten Augenblick befahl man die Dworniks nach den Polizeirevieren und erklärte, der Pogrom werde verschoben. Und wenn man nachher diesen verflucht gescheiten Plan als herzlich dumm erkannt und ihn vollends aufgegeben hat, so geschah es sicherlich nicht" aus humanen Erwägungen, sondern weil man wohl begriffen, daß es mitten in der Residenz angesichts all der Paläste ein allzu gewagtes Spiel wäre, die Wogen aufzupeitschen und sich ergießen zu lassen, wo man nicht berechnen kann, welche Richtung sie nachher nehmen, und ob man die Macht besitzt, sie dann zu dämmen." (s°^ NACHRICHTEN Emigrationskongreß Vor einigen Tagen hat in Wien eine Plenarsitzung des Emigrationskomites stattgefunden. In der Sitzung, in welcher auch Vertreter der Bnei-Brith-Loge und des galizischen Hilfsvereins zugegen waren, wurde beschlossen, den Kongreß für den 27., 28. und 29. August einzuberufen. Brand einer alten Synagoge Am 28. April ist ein großer Teil der deutschböhrnischen Stadt Tachau durch einen Brand vernichtet worden. Unter den niedergebrannten Objekten befindet sich der israelitische Tempel, ein aus dem 14. Jahrhundert stammendes Gebäude. Die jüdische Bibliothek in Sofia Die jüdische Bibliothek und Lesehalle in Sofia erhält fortgesetzt Bücherzuwendungen von auswärtigen Verbänden und Vereinen. Herr Professor Berliner hat aus der Bibliothek des Rabbinerserm'nars eine große Anzahl Dubletten der Bibliothek gewidmet, desgleichen Herr Dr. Max Ginsberg aus der Jüdischen Lesehalle und Bibliothek in Berlin. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat auf die Bitte des Herrn Dr. Rosenwasser der Bibliothek 40 Bände sowie sein Vereinsorgan geschenkt. Gegen die Zurücksetzung der Juden im deutschen Heer. Für Donnerstag den 27. April hatte der Verbund der deutschen Juden gemeinsam mit dem Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glauben* eine Versammlung einberufen, um gegen die „Zurück sotzung der Juden im Heere" zu protestieren. Es hatten sich zu dieser Versammlung mehr als lf>00 .Personen eingefunden. Der Vorsitzende Dr. M. Mainzer begrüßte die Erschienenen. Sodann ergriff der erste Redner, Justizrat B. Brestauer-Berlin das Wort. Kr zeigte au statistischen Ziffern, daß sämtliche zivilisierten Länder mit Ausnahme Deutschlands zahlreiche jüdische Offiziere-in ihren Heeren haben, die überall ihren nicht-