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Die Welt · 1911-04-28 · 17 (28.4.1911) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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386 DIE ELT No. 17 Territorium für die verfolgten Juden offeriert hat. Antibritische Tendenzen dem Zionismus anhängen zu wollen, ist daher ein Akt böswilliger Verleumdung. Und wenn die „Times", das große britische Weltblatt, in einem zweiten, diesmal aus Konstantinopel datierten Artikel die ganze hier bisher befolgte zionistische Politik als England-schädlich behandelt und zu diskreditieren versucht, so ist sie einer schlau angelegten Mystifikation zum Opfer gefallen, deren Quellen nicht allzu schwer aufzudecken sind. Die Aufstände in der Türkei Noch immer keine Aussicht auf endliche Ruhe und Erholung für den „kranken Mann"! Kaum, daß die nachdem Jemen transportierten Truppen begonnen haben, ernstere Erfolge zu erzielen, die die Gewähr dafür bieten, daß die Regierung in absehbarer Zeit die Rebellen des Südens zur Raison bringen wird, — und schon wieder beginnt es im Nordwestwinkel des Reiches von neuem zu brodein. Wieder das unglückselige Albanien, das schon seit einem Jahre als gänzlich und endgültig befriedet gelten sollte. Diesmal aber ist es klarer als bei irgendeinem der bisherigen Aufstände, daß ausländische Intrigen der neuen Türkei Verlegenheiten einrühren. Es ist ziemlich unzweifelhaft, daß die montenegrinische Regierung hier im Spiele ist, obwohl sie von Loyalitätsbeteuerungen überfließt. Einige tausend Aufständische aus dem christlichen Stamme der Malissoren hatten sich vor einem Jahre auf der Flucht vor der jungtürkischen Armee auf montenegrinisches Gebiet hinübergerettet und waren dort verblieben, um bessere Zeiten abzuwarten. Wie es scheint, hat Montenegro diese Gäste recht gern gesehen; es hat ihren Führern feste" Pensionen und ihren Scharen selbst einigen „Sold" bezahlt; es hat schließlich eigne Landsleute unter die Rebellen gemischt und zum neuen Frühling das Ganze wieder auf ottomanisches Gebiet losgelassen. Da die Türkei aber nicht mehr die alte ist, kann das Plänchen dem kleinen Montenegro unter Umständen teuer zu stehen kommen. Die türkischen Truppen haben den Ansturm der Rebellen schnell zurückgeworfen und die Bewegung lokalisiert, so daß ihr Ende nahegerückt erscheint. Aber für die Türkei ist, auch wenn sie siegreich bleibt, wieder ein großer materieller und auch nicht zu unterschätzender moralischer Kräfteverlust die Folge. Zumal der Krieg im Jemen, obwohl mit dem Entsätze der Stadt Sanaa ein großer Erfolg bereits erzielt ist, noch langwierige Anstrengungen und große Opfer wird fordern .müssen, die die innere Entwicklung des Reiches bedenklich aufhalten müssen. Ein Schritt rückwärts Es scheint leider, daß die herrschenden Männer des neuen Regimes durchaus nicht immer die richtige Einsicht in das aufweisen, was dem Lande frommt und es allen Anfeindungen von Außen zum Trotze in die Höhe zu bringen imstande ist. Man weiß, daß der Bestand der Kapitulationen eines der größten Hemmnisse für die vollkommene Befreiung des Reiches vom Joche des Auslandes ist. Von Anfang an mußte daher das Streben der Patrioten darauf abzielen, die Kapitulationen so schnell als möglich zum Verschwinden zu bringen. Das ist nun aber freilich unmöglich, solange die Rechtsverhältnisse in der Türkei so rückständig bleiben, solange noch das Scheriatgesetz über Recht und Unrecht im Lande entscheidet, solange noch die veraltete und versumpfte Gerichtspraxis nicht einer neuen, vernünftigem Platz gemacht hat. Das Rechtswesen der Türkei auf diesen Weg zu führen, war von den Jungtürken der bekannte Rechtsforscher Graf Ostrorog als juristischer Beirat des Justizministers berufen worden. Er hat der Türkei hervorragende Dienste geleistet und den Weg zur möglichen Aufhebung "der Kapitulationen vorzubereiten begonnen.. Weder Regierung noch Kammer aber haben die Bedeutung des Marines und seines Werkes auf die Dauer zu würdigen verstanden. So ist es gekommen, daß das jungtürkische Parlament, das ja in so vielen Dingen nicht auf der Höhe ist, seinen Budgetposten streichen konnte und Graf Ostrorog seine Demission einreichen mußte. Wie es ohne ihn weiter gehen solle, da das Land aus eigner Kraft absolut keinen Ersatz für ihn aufzubringen hat, ist nicht abzusehen. Alles ist erst im Beginne, noch nichts Ernstes reformiert. Die einsichtigen Patrioten sind über diesen schlimmen Schritt der Jungtürkei nach rückwärts sehr niedergeschlagen. „Sind wir denn am Ende der Reformen angelangt?" ruft der „Tanin" aus; „nein! aber am Ende unserer Energie und Einsicht!" Auf Europa und, sachlich genommen, auf die Aufhebung der Kapitulationen wird dieser Rückschritt einen schlechten Eindruck machen. Großagrarier und Leibeigene in der Türkei Die türkische Presse hat sich letzthin gezwungen gesehen, endlich einmal ihren Indifferentismus gegenüber den Agrarfragen, — den sie übrigens mit Parlament und Regierung teilt, — zu verlassen und sich mit ihnen in ernster Weise zu beschäftigen, der „Tanin", wie gewöhnlich, an der Spitze. Ein Vorgang eigener Art gab ihm dazu den Anlaß. Als es sich darum handelte, daß infolge der Forderung der mesopotamischen Bevölkerung der Wali von Bagdad abgesetzt werden sollte und die Deputierten darum angegangen wurden, durch ihre Unterschrift diese Forderung zu bestärken, erklärten sich die Deputierten von Aleppo nur unter der Bedingung zur Hergabe ihrer Unterschrift bereit, daß man ihnen ihrerseits die Abberufung ihres eigenen Wali bewilligte. Diese Deputierten sind nämlich Großfeudale, denen die den Kleinbauer schützende Wirksamkeit des Aleppoer Wali höchst unbequem ist. Dieses Chanbgestückchen gibt dem „Tanin" Anlaß, die ganze Frage im großen zu behandeln. Da sie auch für Palästina, insbesondere für dessen Norden, von großer Bedeutung ist, so seien hier die unter dem Titel „Potentaten" vom „Tanin" getroffenen Feststeilungen wiedergegeben. „Syrien", schreibt er, „ist eine derjenigen Gegenden, die am schlimmsten von diesen Tyrannen unterdrückt werden. Es gibt ihrer, deren Böden 70—80 Dörfer enthalten. Die Bewohner dieser Dörfer sind in Wirklichkeit Leibeigene, Vasallen dieser Krautjunker. Die letztern berauben um ein Nichts die Dörfler ihrer Rechte, konfiszieren ihre Äcker und stürzen sie ins Elend. Das geht ganz einfach. An solchen Orten haben die Walis, die Mutessarifs und Kaimakams ihre Hühnchen mit diesen Volksbedrückern zu rupfen. Leicht ist es nämlich nicht, den Piedestal zu zerstören, auf den sich diese Potentaten erhoben haben. So erklärt sich der Hagel von Klagen, die vernehmbar werden, sowie ein neuer Beamter es versucht, den Schandtaten dieser Tyrannen Zügel anzulegen. Merkwürdig ist nur, daß es auch in Konstantinopel nicht an Leuten fehlt, die sich damit befassen, diesen Klagen Glauben zu verschaffen, indem sie sich mit dem heiligen Mantel der Konstitution umhüllen . , . Die Regierung muß aber diese Manöver demaskieren, muß gegen diese Junker einschreiten. Nur so allein ist die unterdrückte Bevölkerung zu retten." Man sollte meinen, eine Schilderung der Verhältnisse irn Tale Jesreel oder in andern Strichen Galiläas zu lesen! Noch klarer stellt der „Jeune Türe" diese Dinge dar. Er schreibt: „Wir haben Feudalherren in der Türkei, mitten im zwanzigsten Jahrhundert. Es wimmelt von diesen Herren in Aleppo, in ganz Syrien, in Mossul, in Bagdad, in Bassorah. Einige besitzen 300 und selbst 500 Dörfer und versklaven so die Bevölkerung. Sie nehmen einen zweiten Zehnten, zuweilen selbst den Fünften, ja selbst die Totalität der Ernten, sie monopolisieren die Verpachtung des Staatszehnten, sie sind im Besitze aller Rechte auf ihre „Untertanen". Ihr Ursprung ist folgender: Die Aghas und Beys — haben es mit Hilfe des alten Regimes bis zum Pascha gebracht, — arbeiten in Komplizität mit den Staatsbeamten nach zwei Systemen. Sie sorgen erst dafür, daß der Wert der den Bauern gehörigen Terrains in willkürlichster Weise viel zu hoch eingeschätzt werde, so daß die Bauern eine Steuer zu zahlen haben, die über ihre Einkünfte hinausgeht. Die Bauern haben keinerlei Mittel, sich gegen diese Willkür zu verteidigen. Die Steuerrückstände häufen sich; der Fiskus, auf Anstiften der Junker, bringt die Bauerngüter zwecks Deckung dieser Rückstände unter den Hammer, und die Feudalherren erwerben sie um ein Butterbrot; sodann versprechen sie den verarmten Bauern Schutz und Hilfe und behalten sie als Arbeiter oder besser Leibeigene in ihren Dörfern. Ein zweites System: Man läßt aus irgendeinem Grunde die armen Bauern einsperren. Die bestochenen Richter sprechen alsdann die Angeklagten nur unter der Bedingung frei, daß sie ihre Dörfer um einen niedrigen Preis den Großherren verkaufen. . . So werden die Bauern Sklaven, weite Gebiete bleiben unbebaut, viele Dörfer, ganze Distrikte, entvölkern sich. Hunderttausende von Einwohnern Syriens und Mesopotamiens zogen es vor, lieber ihren Herd zu verlassen und über See auszuwandern." Diesen unbestreitbaren Tatsachen gegenüber, die große Teile des Reiches dem Ruine entgegenführen, wird die jungtürkische Regierung nicht umhin können, mit der Zeit doch einzusehen, daß jüdische Bodenkäufe in Syrien und Paläst na oder in Mesopotamien nicht Hemmungen, sondern alle denkbare Förderung seitens des Staates verdienen. Denn sie setzen dem unheilvollen Prozeß der Fellachen-Versklavung ein Ende. Der jüdische Käufer zahlt für den Boden die wahren, oft höhere Preise; der Bauer, der ihm verkauft, fällt nicht, sondern steigt auf der sozialen Stufenleiter, er kann sich besser ankaufen oder in der jüdischen Nachbarschaft große Verdienstchancen für seine freie Arbeit finden. Nicht nur, daß so die Auswanderung verhütet wird, es werden im Gegenteil eine große Menge von fleißigen Kleinbauern — denn diese führt die Judenkolonisation ein — ins Land gezogen, die die Volkszahl, die materielle, physische und intellektuelle Kraft in jenen Gebieten fühlbar erhöhen. JL

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