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Die Welt · 1911-04-28 · 17 (28.4.1911) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 17 DIEE^KELT 385 legte am 18. April ein Gesetz vor, betreffend die wirksamere Überwachung ausländischer Verbrecher und führte in seiner begleitenden Rede aus: England müsse jede Beschränkung des Asylrechtes vermeiden, das es so lange jenen gewahrt habe, die Zuflucht vor Unterdrückung und Verfolgung im Ausland suchten. England müsse weiter jede Beunruhigung der fremdländischen Bevölkerung vermeiden, insbesondere der jüdischen, die sich in überwiegendem Maße aus friedliebenden und die Gesetze achtenden Elementen zusammensetze. Diese Leute hätten sicherlich durch ihr Betragen keinen Anlaß zu solchen Maßnahmen gegeben, die sie beunruhigen und ihnen Ungelegenheiten bereiten würden. Es ist interessant, daß fast zur gleichen Zeit mit dieser Rede des Ministers Churchill von einer großen Zahl führender europäischer Blätter berichtet wird, der langgesuchte Mörder „Peter der Maler" sei ein russischer Polizeispitzel und befinde sich in Petersburg in Sicherheit vor den ihn verfolgenden englischen Behörden. Brief aus Österreich Vor den Reichsratswahlen Die Wahlbewegung in Qalizien ist im Gange. An zahlreichen Orten haben bereits Massenversammlungen stattgefunden, in denen die jüdische Wählerschaft über die Bedeutung des nationalen Kampfes aufgeklärt wurde. Die Aufstellung der Kandidaturen ist noch nicht definitiv erfolgt. Es steht bisher nur fest, daß von hervorragenden Gesinnungsgenossen der bisherige Abgeordnete Adolf Stand, ferner die Herren Dr. R i ngel, Dr. Zipser, Dr. Salz, Dr. Reich und Dr. Waldmann kandidieren werden. In der Bukowina wird selbstverständlich Dr. Benno Straucher für sein bisheriges Czernowitzer Mandat nominiert; doch werden die Jüdischnationalen auch in mehreren anderen Wahlkreisen dieses Landes mit selbständigen Kandidaturen in den Kampf eingreifen. Auch in Westösterreich sind unsere Gesinnungsgenossen an die Arbeit gegangen. In Wien ist der Ingenieur Herr Robert Stricker den Assimilantenparteien in der Leopoldstadt entgegengestellt worden, in dem mährischen Wahlkreis Göding wurde Herr Luzian Brunn er gegen den getauften Dr. Redlich, einen Nachläufer der Christlichsozialen, als Mandatswerber nominiert. Der Jüdische Nationalverein erläßt folgenden Aufruf: Gesinnungsgenossen! Die „Jüdische Nationalpartei Österreichs" ist in den Wahlkampf anläßlich der bevorstehenden Wahlen für das österreichische Parlament eingetreten. Die Bedeutung, welcheder Ausgang der Wahlen für die künftige Entwicklung des jüdischnationalen Gedankens unter den österreichischen Juden hat, wird heute von keinem Zionisten mehr unterschätzt. Eine große Stimmenanzahl wird den Mut und die Zuversicht unserer Gesinnungsgenossen heben und anspornen. An Arbeitswilligen ist kein Mangel. Viele Hunderte sind entschlossen, ihre ganze Kraft der Agitation zu widmen. Doch fehlen unserer Partei die notwendigen Geldmittel, um die Agitation wirksam zu führen. Wir richten daher an unsere Gesinnungsgenossen die Bitte, uns durch Spenden für den Reichsratswahlfonds in unserer schweren Arbeit zu unterstützen. Spenden sind an ^^Administration der „Jüdischen Zeitung" in Wien, IX., Liechtensteinstraße 11, zu senden. Der Ausweis erfolgt in der „Jüdischen Zeitung". Das Reichsgericht gegen die jüdische Sprache Bei der letzten Volkszählung war bekanntlich von der gulizischen Statthatterei ein strenges Verbot der Eintragung der jüdischen Umgangssprache erlassen worden. Die Zuwiderhandelnden waren von den politischen Behörden in Straje genommen worden. Der gleiche Vorgang wiederholte sich in der Bukowina. Infolgedessen* wandten sich viele von dieser Willkür Betroffene mit Beschwerden an das Reichsgericht. Diese Instanz hat nun jene Beschwerden,, welche die Verordnung als mit den Staatsgrundgesetzen unvereinbar anfechten, in nicht öffentlicher Sitzung als unzulässig zurückgewiesen. Jene Beschwerden, welche auch die Geldstrafen bekämpfen, werden erst in der nächsten Session des Reichsgerichtes verhandelt werden. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) England, Deutschland und der Zionismus Am 19. April ist in der Plenarsitzung der Kammer der Zionismus von neuem in die Debatte gezogen worden. Basri ßej, ein Mitglied der Majoritätspartei, ließ in seiner Rede, in der er die auswärtige Politik der türkischen Regierung einer Kritik unterzog» folgende Bemerkungen fallen: „Rußland will die russischen Schulen in Palästina dem russischen Auswärtigen Amt unterstellen. Das ist unzulässig und darf nicht geduldet werden. Auch die Deutschen gewinnen durch die-, Zionisten mehr und mehr Einfluß. Da ich in die Angelegenheit weiter nicht eingeweiht bin, stehe ich von weitern Betrachtungen ab. Doch erkläre ich: die Türkei darf keinem fremden Staat Privilegien erteilen, das das Zentrum des Christentums ist." Diese merkwürdige Äußerung des Deputierten Basri Bej, der ja selbst erklärt, daß er von der Sache nichts verstehe, muß zu denken geben. Sie stimmt mit einer seltsamen Preßbemerkung aus der Zeit der großen Zionistendebatte vor sechs Wochen überein, die wir an dieser Stelle hervorgehoben hatten. Sie wiederholt die absurde Idee, daß der Zionismus nichts anderes als einen Vorspann des Pangermanismus darstelle. In höchst treffender Weise widerlegt „Der Osmanische Lloyd" diesen schweren Irrtum, indem er ia seinem Leitartikel vom 20. d. M. ausführt: „Basri Bej zeigte sich in Bezug auf die jüdische Kolonisation als ein ebenso eifriger wie nicht eben gut unterrichteter Verfechter nationaler Rechte. Es ist geradezu eine Verhöhnung aller Tatsachen, wenn er die rein-jüdisch-nationale Bewegung des Zionismus als im Interesse des Deutschtums liegend hinstellt. Weiß Basri Bej denn nicht, daß der Zionist von jedem Zusammenhang mit den europäischen Nationalitäten abstrahiert und dem auf die moderne hebräi * sehe Sprache sich stützenden jüdischen Nationalgeisjt ergeben ist, dem das Deutschtum gerade so nahesteht wie das Franzosentum und das Slawentum?" Dieser treffenden Erklärung ist nichts hinzuzufügen. Sie resümiert das wahre Wesen des Zionismus in knapper und einwandfreier Weise. Trotzdem zieht das neue Märchen anscheinend immer weitere Zirkel. Es ist offenbar dazu erfunden, um dem momentan am Goldenen Horn vorherrschenden deutschen Einfluß eins zu versetzen: also Benutzung des antisemitisch aufgebauschten Zionistengespenstes zur Vernichtung der deutschfreundlichen Politik. Dieses Charakteristikum verweist direkt auf englische Quelle. Und zwei Artikel der „Times", die unlängst erschienen, geben die gebührende Illustrierung. Der eine bespricht einen Vortrag des Ingenieurs Santo Serno Bej über Mesopotamien im „Union et Progres"-Klub in Saloniki und wirft dem Redner, der in bewußter Absicht zum Zionisten gestempelt wird, vor, im Interesse des Zionismus für eine jüdische Kolonisation im Zweistromland zu plädieren und gegen Großbritannien zu hetzen. Es braucht wohl kaum festgestellt zu werden, daß dieser Mesopotamienredner weder, wie behauptet wird, in engen Beziehungen zur zionistischen Leitung steht, noch irgendwelchen Auftrag oder Wink zionistischer Instanzen erhalten hat, gegen England und für jüdische Ansiedlungen zu reden. Der Zionismus hat nicht das entfernteste Interesse daran, England irgendwie entgegenzuarbeiten, England, das in so gerechter'Weise seine Juden behandelt und als erste Macht der Welt im Zionismus den Vertreter des jüdischen Volkes anerkannt und ihm hochherzig ein

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