Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316458-3316478--54490-3348305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
384 DIE^ELT No. 17 Verdienst erworben, indem sie den Brüdern im tiefsten Elend ihr Selbstbewußtsein geweckt haben durch die nationale Idee. Das Elend der russischen Juden ist zwar bis zur Unerträglichkeit in ihr Bewußtsein gekommen, trotzalledem ist heute die gewaltige russische Judenheit bei aller Zerklüftung in Parteien und religiösen Lagern darin einig, daß sie um keinen Preis auch nur ein Partikelchen ihrer nationalen Ehre aufgeben wollen. Mit diesem versöhnenden Ausblick schloß der Hedner seine mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen. Österreich Vermählung der ältesten Tochter Herzls Am 27. April hat im Tempel in der Seitenstättengasse in Wien die Trauung der ältesten Tochter Theodor Herzls, Frl.Pauline Herzl mitHerrn Ingenieur Hift ausSarajewo stattgefunden. Landtagswahlen in der Bukowina Czernowitz, 26. April (Telegramm). Bei der heutigen Landtagswahl wurden beide jüdischen Kandidaten gewählt. Dr. Weisselberger erhielt 4731, Prof. Dr. L. Kellner 4672 Stimmen. Wien. Samstag den 25. März fand in den Sofiensälen das diesjährige Schauturnen des L Wiener jüdischen Turnvereins mit anschließendem Tanzkränzchen statt. Mit Stolz kann der Abend als einer der schönsten und bestbesuchten aller jüdischen Veranstaltungen bezeichnet werden. Stürmischer Beifall durchtönte den Saal, als die blau-weiß bunt gekleidete Turnerschar erschien und zu den Hantelübungen Aufstellung nahm. Den Freiübungen der Herren folgten die der Mädchen, das allgemeine Riegenturnen, Zöglingsriege am Tisch, Musterriege am Barren. Den Clou des Abends bildeten die graziös ausgeführten Freiübungen der Damen, deren schöne Haltung und sichere Beherrschung der Übungen ein Prachtbild boten. Das allgemeine Riegenturnen ließ auch diesmal die kontinuirliche Progression des Vereins in turnerischer Beziehung konstatieren. Viel Aufmerksamkeit und Bewunderung erregten auch die Jüngsten unserer jungen Turnerschaft, die Zöglingsriege am Tisch. Es war ein Vergnügen, diese jungen, geschmeidigen Körper an der Arbeit beobachten zu können, diesen schönen turnerischen Ehrgeiz, diese künftigen auch körperlich vollkommenen Juden. Den zweiten Teil des Abends bildete ein Tanzkränzchen. Das turnerische Arrangement lag in den Händen des Herrn Emil Popper, dessen besonderer Opferwilligkeit und Mitwirkung wir den durchschladenden Erfolg zu verdanken haben. Die administrativen Arbeiten besorgten die Herren Benedikt und Keßler, die sich ihrer Aufgabe sehr gut entledigten. Türkei Saloniki. Am 3. Tage des Chol-Hamoed-Pessach wurde hier vom Verein „Maccabi" (früher „Bene-Sion") aus Anlaß des Sehe keltages eine Festversammlung veranstaltet, die einen großen Erfolg hatte. Der Sekretär des „Maccabi", Herr Josef Usiel, ergriff als Erster das Wort und zog eine Parallele zwischen der Geistesverfassung eines Teiles der alten Israeliten in Ägypten, die nach der Befreiung durch Moses sich zu den Fleischtöpfen im Lande der Knechtschaft zurücksehnten, und der Sklavenpsychologie der modernen Assimilationsjuden, die die Faust ihrer Bedrücker küssen und sich den Bestrebungen zur Wiederaufrichtung ihres Volkes widersetzen. Er forderte die Anwesenden auf, sich desto einmütiger, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele um die Fahne des Zionismus zu scharen. Der Zionismus allein könne das jüdische Volk vom äußern Druck und von der innern Knechtseligkeit befreien. Er allein sei geeignet, das Selbstbewußtsein und die Würde des zeitgenössischen Judentums zu heben. Nach Herrn Usiel sprach der Vizepräsident des Maccabi, Herr David Florentin, Chef-Redakteur des „El Avenir''. Redner nahm Bezug auf die jüngsten Debatten in der türkischen Kammer und auf das beschämende Verhalten eines Teiles der ottomanischen Judenheit. Es sei ganz ungerechtfertigt, wenn einzelne Zionisten der Türkei sich durch Kundgebungen wie die der jüdischen Gemeinden in Smyrna und Saloniki entmutigen lassen. Derartige schmachvolle Manifestationen des assimilatorischen Knechtsinnes können uns in unserer ernsten Arbeit nicht aufhalfen. Es ist Ehrenpflicht der ottomanischen Zionisten, dahin zu wirken, daß die Zahl der ottomanischen Delegierten auf dem X. Zionistenkongreß, wenn nicht größer, so doch jedenfalls so groß sei wie die der Delegierten des IX. Kongresses. Ungarn Fiume. Am 2. April fand hier im Hotel Deak die konstituirende Generalversammlung des zionistischen Vereins „Cheruth" statt. Nach einem glänzenden Referate des Herrn Dr. H. E. Kaufmann, Rabiner in Virovitica wurde zur Wahl des Ausschusses geschritten. Es wurden gewählt: Präsident: Matteo Glass, Vizepräsident: Samuel Rosenberg, Kassierer: Engelsberg, Schriftführer: Dr. Rosenberg, und Weiller Sandor, Beisitzende: Dr. Blühweiß, Ing. Lazzarus und Tischler. Bosnien Travnik. In den letzten Wochen hielt hier der Sarajevoer Rabbiner Dr. Zern ach Rabbiner mehrere Propaganda vortrage. Er unterrichtete uns über die aktionellsten Fragen im jüdischen Leben, über Zionismus und Judentum, über jüdische Geschichte usw. und erzielte damit einetiefe und nachhaltige Wirkung. Schweiz Basel. In den Räumen, in denen der erste Zionistenkongreß stattgefunden hatte, veranstaltete die zionistische Vereinigung Basel am 25. März einen in jeder Beziehung gelungenen Blau-Weiß-Ball. Die Räume waren geschmackvoll in den zionistischen Farben dekoriert. Selbst die Verkaufsbuden, deren eine stattliche Anzahl vorhanden war, prangten in den zionistischen Farben. Eine Anzahl junger Damen hatten sehr zuvorkommend den Verkauf in den Buden übernommen. Andere verkauften im Saale blau-weiße Blumen, zionistische Abzeichen usw. Aus dem Programm sei der von Fräulein Irma Levaillant komponierte Blau-Weiß-Walzer hervorgehoben, ferner die zionistischen Rezitationen von Frau Dr. Pinkus aus Zürich. Der moralische sowohl wie der finaniielle Erfolg war sehr bedeutend. Ein Teil des Überschusses wird dem J. N. F. übergeben werden, ein anderer wird zum Ankauf von Aktien zionistischer Banken (wahrscheinlich der P. L. D. C.) verwendet werden, die als Fonds der „Zionistischen Vereinigung Basel" verbleiben werden. Der Besuch des Festes war über alle Erwartung groß. Die Ausweisung ausländischer Juden aus Ostpreußen Der bekannte Erlaß der Königsberger Behörden gegen die russischen und österreichischen Juden, der im vorigen Monat auch im deutschen Reichstag zur Sprache kam, wird in der „Voss. Ztg." wie folgt glossiert: „Tagtäglich wird über Schönherrs „Glaube und Heimat", seinen Inhalt, seine Tendenz, seine Berechtigung und seine Wirkung debattiert. Vielleicht ist da auch ein Vorschlag am Platze. Den Höhepunkt erreicht die Tragödie in der Szene, in der dem Vater mitgeteilt wird, er habe beim Verlassen der Heimat seinen minderjährigen Sohn zurückzulassen. In Ostpreußen ist in der letzten Zeit ausländischen Juden der Aufenthalt nur unter der Bedingung gestattet worden, daß sie sich verpflichten, ihre Söhne mit vollendetem neunten Lebensjahre wieder ins Ausland zu senden. In der Tragödie wie im Leben soll der Vater seinen minderjährigen Sohn um seines Glaubens willen verlassen, dort ihn in der Heimat zurücklassen, hier ihn aus derneugewonnenen Heimat entfernen. Wie wäre es, wenn man den ostpreußischen Beamten, die mit der Ausweisung von Ausländern beschäftigt werden, die Schönherrsche Tragödie vorspielen ließe, damit sie die Konsequenzen der Maßnahme erkennen? Vielleicht bemühen sie sich dann von selbst, die Aufhebung der Verordnung herbeizuführen. Denn das darf doch heutigen Tages keinen Unterschied machen, daß es sich in der Tragödie um Christen Augsburgischer Konfession, in der preußischen Verordnung aber um Juden handelt." Revision der Fremdengesetze in England Die Hounsditch-Affäre am Ende des vergangenen Jahres hatte bekanntlich zu einer äußerst heftigen antisemitischen Preßhetze gegen die jüdische Bevölkerung des Londoner Ostends Anlaß gegeben, die ohne jede Berechtigung kriminellen lichtscheuen Handelns verdächtigt wurde. Den so Beschuldigten hat nun der Minister Churchill im Unterhaus volle Satisfaktion gegeben. Er