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Die Welt · 1911-04-28 · 17 (28.4.1911) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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aus dem Lehrplan, die geistige Entwicklung des Volkes, herausgebrochen wird. Zur Gesamtkulturbewegung gehört die Religion so wesentlich, daß der Schulunterricht, der auf sie verzichtet, nur Bruchstücke der Zivilisation zu geben vermag." (Rein, IL 281 ff.) Wohlgemerkt, das ist auf christlich-europäische Völker gesagt, in deren Kulturentwicklung die Religion auch nicht im allerentferntesten die Rolle spielt wie bei uns Juden, dem Volke der Religion par excellence. Was übrigens die erwähnten Länder mit religionslosen Schulen anlangt, so ist zu bemerken, daß es hauptsächlich politische Gründe sind, die die Entfernung des Religionsunterrichts und seine Ersetzung durch einen „gottlosen Moralunterricht veranlaßt haben, Gründe, die für unser Volk in seinem Zukunftslande keineswegs vorliegen. In Frankreich handelte es sich vor allem um den Gegensatz zwischen den Ideen der großen Revolution, die in der französischen Demokratie leben, und dem ultramontanen Klerikalismus, der den Staat als Mittel für seine Zwecke beherrschen wollte und dazu als vornehmstes Werkzeug die Schule benutzte. Der nationale Selbsterhaltungstrieb forderte eine Abwehr gegen die den Staat und seine Grundlage unterminierende Arbeit der römischen Hierarchie geradezu heraus. Erst in zweiter Linie kommt bei der Abschaffung des Religionsunterrichts die intensive Tätigkeit des in den Freimaurerlogen organisierten französischen Freidenkertums in Betracht, das sich auf die in gewissen Volkskreisen herrschende Abneigung gegen die Religion überhaupt zu stützen verstand. Anders liegen die Verhältnisse in Amerika. Von einem Schwinden der religiösen Gesinnung kann dort keine Rede sein. Vielmehr ist es neben der absoluten Konfessionsaber nicht Religions'osigkeit des Staates auch das ungeheuer weit verbreitete Sektenwesen, das die Einführung eines speziellen Religionsunterrichts in den Schulen ausschließt. Er wird dafür von den Sekten um so eifriger gepflegt und sehr fleißig besucht. Der amerikanischen Schule geht übrigens der allgemein christliche Charakter durchaus nicht ab. Der Konflikt, in den jüdische Eltern, die sich noch nicht zur Höhe Ludwig Geigerscher Anschauungen emporgeschwungen hatten und die darum die Teilnahme ihrer Kinder an der Weihnachtsschulfeier nicht dulden wollten, mit der Schulbehörde geraten sind, ist noch frisch in aller Erinnerung. Ob man aber zugunsten des Moralunterrichts sich auf Frankreich berufen kann, erscheint auch aus andern Gründen fraglich. V/enn auch Politiker und Journalisten glauben, daß es gelungen sei, für den an sich recht spröden Gegenstand brauchbare Methoden und Unterrichtsformen zu finden, so sind alle praktischen Schulmänner — auch entschiedene Anhänger des französischen Systems— darüber einig, daß trotz der offensichtlichen Anlehnung der gebräuchlichsten Schulbücher an das Vorbild des katholischen Katechismus „es noch nicht gelungen sei, einen vollwertigen Ersatz zu schaffen" (Ansicht eines Freundes des Moralunt. Deutsche Schule, 1908, S. 677). Dabei entbehrt es nicht eines gewissen Humors daß es selbst den Autoren des amtlichen französischen Lehrplans nicht gelungen ist, das religiöse Moment ganz auszuschließen. Und so tauchen auf einmal im Lehrplan der Mittelstufe die Pflichten gegen Gott auf, den der Schüler als erste Ursache aller Dinge und vollkommenes Wesen erkennen soll, dessen Geboten er — mit gewissen Einschränkungen, versteht sich, — gehorsam sein soll. Man sieht, der liebe Gott läßt sich nicht so leicht beseitigen! Mit Recht werden auch die praktischen Erfolge des französischen Moralunterrichts stark angezweifelt, denn die Zahl der jugendlichen Verbrecher ist bei gleichbleibender Bevölkerungszahl in den letzten 20 Jahren um 18°o gestiegen (von 23000 auf 27000), insbesondere die Roheitsdelikte (Pariser Apachen) zeigen eine erschreckende Zunahme. Daraus ergeben sich bedenkliche Rückschlüsse auf den moralisch-ethischen Stand weiter Volksschichten, in denen — das mögen unsere reinen Nationalisten recht wohl beachten — sich außerdem deutliche Merkmale des Schwindens einer für die Existenz des Volkes unbedingt unentbehrlichen Staatsgesinnung bemerkbar machen. Halten wir aber trotz der vorgebrachten mannigfachen Bedenken daran fest, daß der ethische Gesinnungsunterricht der nationaljüdischen Schule auf religionsloser Basis erteilt werden soll, so ergibt sich ein neues Bedenken bei der Auswahl des Lehrstoffs. Für die nichtjüdischen Völker mag es — das steht hier nicht zur Untersuchung — eine Moral geben, die, auf irgend einem philosophischen System aufgebaut, von religiösen Überzeugungen und Anschauungen unabhängig ist. Das gilt aber nicht für das Judentum; denn es ist unbestreitbar, daß es eine auf die Bibel und das nachbiblische jüdische Schriftum sich stützende jüdische Ethik gibt, die in der nationaljüdischen Schule nicht so ohne weiteres beseitigt werden kann. Um das Wesen dieser jüdischen Sittlichkeitslehre zu charakterisieren, sei unter zahlreichen Zeugen einem Manne das Wort gegeben, der in praktisch religiöser Hinsicht den Anhängern der religionslosen jüdischen Schule gleichsteht. Lazarus erklärt als Prinzip der jüdischen Sittenlehre: „Im Vordergrunde alles Nachdenkens über die Sittlichkeit steht dem jüdischen Geiste ihre theistische Begründung. Die gesamte jüdische Weltanschauung kann nicht gedacht werden ohne Gott; so wenig wie unsere physische Welt gedacht werden kann ohne die Sonne. Innerhalb des Judentums ist das Wesen der Sittlichkeit niemals anders angeschaut worden, als daß sie der Ausfluß eines göttlichen Gesetzes, die Erfüllung eines göttlichen Gebotes ist. Für den Menschen gibt es Normen seines Wollens und Handelns, das heißt: Sittliche Gesetze, die er erfüllen soll. Gott aber ist der Gesetzgeber; sittlich gut und gottgefällig, sittliches Gesetz und göttliche Verordnung sind für das Judentum völlig untrennbare Begriffe." (Ethik d. Judent. § 77.) Daß dieser theistisch, d. h. im Grunde genommen religiöse Charakter der jüdischen Ethik den nationaljüdischen Gegnern des jüdischen Religionsunterrichts einen Vorwand geben könnte, die jüdische Ethik durch eine andere zu ersetzen, ist sicherlich ein absurder Gedanke, und das aus noch andern als nationalen Gründen. Der reine Moralunterricht bietet zahlreiche praktische Schwierigkeiten, und mit Recht lehnen ihn die schon erwähnten Bremer Lehrer wegen seines trockenen, schematischen Charakters ab. In absti akter Form kann man ihn nicht erteilen, dafür sind die Schüler einfach nicht reif genug. Die Kindesnatur verlangt anschauliche Darbietung des Unterrichtsstoffes an konkreten Beispielen, und die Verfasser der religionslosen Moralbücher bestreben sich sichtlich, dieser Forderung nachzukommen. Über den Erfolg dieser Mühe kann man weniger zustimmend sprechen, und nicht mit Unrecht hat man eines der bekanntesten dieser Bücher ein Museum ausgestopfter Tugenden genannt. Es kann gar keine Rede davon sein, daß sie an anschaulicher, frischer, lebendiger Darstellungsweise auch nur im entferntesten den biblischen Erzählungen gleichkommen, deren Wert als Anschauungsgrundlage für den Religionsunterricht unbestritten ist, so daß Fr. Paulsen von einer Darstellung des Lebens des Propheten Elijahu in Variierung eines Voltaireschen Wortes einmal sagen konnte: Wahrlich, wenn sie nicht wären, diese Geschichten der Bibel, man müßte sie erfinden. Aber daß man in einer jüdischen Schule den Versuch machen sollte, von der biblischen Geschichte als Grundlage der moralischen Belehrung abzusehen, gilt doch wohl als ausgeschlossen. Wer das unternehmen wollte, dem dürfte man, nach berühmtem Muster, mit Recht zurufen: Ich pfeife auf euren ganzen nationalen Zionismus! Die Bibel muß ja ohnedies im Lehrphn einer solchen religionslosen nationaljüdischen Schule eine zentrale Stellung einnehmen; man wird auch auf wichtige Partien der talmudischmidraschischen Literatur nicht verzichten können. Aber wird es denn möglich sein, besonders mit heranwachsenden Kindern, die Bibel rein philologisch-historisch zu lesen und zu erklären, etwa nur mit der Absicht rein sprachlicher Bildung? Wird man wirklich davon absehen können, zu den von der Lektüre angeregten ernsten Fragen Stellung zu nehmen, oder will man darauf verzichten, die

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