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Die Welt · 1911-04-28 · 17 (28.4.1911) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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NO. 17 DIEXjfel ELT 379 Bibelkritiker und H. St. Chamberlains resultierende, in gebildeten christlichen Kreisen weit verbreitete Geringschätzung der Schriften der jüdischen Bibel bezeichnen. Nun konzentriert sich der christliche Religionsunterricht, der in seinem Wesen und seiner Methode mit dem der jüdischen Schule gar nicht vergleichbar ist, in allen seinen Teilen um die Erzählungen der Bibel; die Darstellung der biblischen Geschichte und das Bibellesen überhaupt spielen beim christlichen! Religionsunterricht eine solche Rolle, daß er mit der Bibel zusammen steht oder fällt. Seinen schärfsten Ausdruck hat dieser Kampf in der Denkschrift einer Anzahl Bremer Lehrer gefunden, die nicht nur die vollständige Abschaffung des Religionsunterrichts und damit die Entfernung der Bibel aus der Schule fordern, sondern auch sogar einen systematischen, lehrplanmäßig auf bestimmte Stun den festgelegten Sittenunterricht ablehnen. Prinzipiell äußert sich zu dieser Forderung einer unserer aliermodernsten Pädagogen, Friedr. Lietz, der Vater des Landerziehungsheims, der abseits von. den ausgetretenen Pfaden der offiziellen Pädagogik ganz neue Bahnen einschlägt: „Wir dürfen es nicht dem Zufall überlassen, ob unsere Schüler etwas über diese Probleme (gemeint sind die religiösen) erfahren, die eine so gewaltige Bedeutung für das gesamte Geistes- und Kulturleben haben. Bei der Unkenntnis auf diesem Gebiete fallen die Unwissenden mehr oder weniger wehrlos denen in die Hände, die die Geschäfte besorgen, sei es der Verbreitung eines krassen Aberglaubens, sei es einer seichten, oberflächlichen unwissenschaftlichenAufklärung." Direkt zur Sache aber preist es Friedrich Paulsen, gewiß kein Freund des Judentums, als „eine gütige Fügung des Geschicks, daß wir eine Volksschule haben, in der als Zentrum des gesamten geistigsittlichen Unterrichts die biblische Geschichte steht, ein Buch, das . . . wie kein anderes geeignet ist, die Jugend in die menschlich geschichtliche und sittliche Welt einzuführen." Darum verlangt er daß der Religionsunterricht vor allem in das Verständnis der Bücher, der Bibel einführe, denn „aus ihnen hat unser Volk (NB.! das deutsche!!) seit mehr als tausend Jahren fast seine gesamte geistige und sittliche Bildung erworben. Ein Unterricht, der darauf ausgeht, die nachwachsenden Generationen auf dem geschichtlichen Boden heimisch zu machen, auf dem sie zu leben und sich zu betätigen haben werden, — und das ist ja schließlich die Summe der Aufgabe alles Schulunterrichts, — kann nicht an diesen Dingen vorübergehen, kann sie auch nicht als bloß gleichwertig unter andere Stoffe der Weltliteratur stellen, wie die Bremer Lehrer in einem nicht glücklichen Augenblick es empfehlen zu müssen glauben. Wie will man denn von allen tiefst menschlichen Dingen mit Kindern reden, wenn man jene Schriften, an denen die Seele unseres Volkes gewachsen ist, aus der Hand gibt." In weit höherm Maße als für die deutsche Schule muß aber diese national-kulturelle Seite des Religionsunterrichts für unsere nationaljüdische Schule in Betracht kommen. Man darf ruhig behaupten, daß es keine Epoche, keine bedeutende iEinzel- Jeder Abonnent y A r 'der die „Welt"" vom 1. April d.J.^ bestellt, erhält die während des X. Kongresses (9. bis 15. A ugustd.J.) erscheinende KONGRESS-AUSGABE GRATIS zugeschickt Wir richten an unsere geehrten Leser und Gesinnungsgenossen die Bitte, unter Hinweis auf die Gratislieferung der Kongreß-Ausgabe an die neueintretenden Abonnenten eine inten sive Propaganda ssur Gewinnung neuer Abonnenten der „ Welt" einzuleiten. Schon jetzt ist es für jeden Zio~ nisten notwendig, sich über die Fragen, die den X.Kongreß beschäftigen werden, aus der Welt zu oiientieren. Alle Abonnenten, deren Bezugs zeit am 31, März 1011 abgelaufen war, ersuchen wir um unverzügliche Erneuerungdes Abonnements, damit in der Zustellung keine Unterbrechung ein Verlag Die Welt persönlichkeit in dem Verlaufe der jüdischen Geschichte gibt, in der nicht auch das religiöse Moment sich geltend gemacht hat, derart, daß man sagen muß, es gibt im Judentum keinen Gegensatz zwischen national und religiös, denn das Religiöse ist immer auch national, das Nationale gleicherweise religiös. Wir alle wollen unserer Jugend eine nationale Erziehung angedeihen lassen, wir wollen sie befähigen, kräftig und hingebend mitzuarbeiten an den großen Aufgaben, die die Gegenwart unseres Volkes an sie stellt. Will man aber das dazu nötige Verständnis der Gegenwartsverhältnisse herbeiführen, so müssen wir zurückgehen auf die vergangenen Zeiten und den Werdegang unserer -Kultur, — und es braucht wohl nicht gesagt werden, daß wir eine Kultur haben nicht aber erst eine schaffen müssen, — sie von ihren Anfängen an verfolgen bis in die Jetztzeit, so daß in der geistigen Entwicklung der Einzelpersönlichkeit sich das Werden der Gesamtheit wiederholt. Aber wie kann die jüdische Schule das, wenn sie auf religiöse Belehrung verzichten will, wie es unsere nationalen, religionslosen Erzieher vorschlagen und zum Teil auch durchführen? Kann unser Lehrplan noch normal genannt werden, wenn wir die religiösen Kulturgüter beiseite schieben, ja noch mehr, was bleibt denn von der Kulturentwicklung des jüdischen Volkes noch übrig, wenn aus ihr das religiöse Moment ausgeschaltet wird? „Die Erziehungsschule soll doch die Weitergabe all der Kulturgüter an das heranwachsende Geschlecht besorgen, die notwendig sind, um die Höhe der erreichten Kultur, ihren Bestand und ihre Fortführung zu sichern. Die Mündigen sind die Träger der nationalen Arbeit. Daß die Unmündigen sich später, wenn sie reif geworden sind, eingliedern in die gewaltige Arbeitskette, die durch die Jahrtausende hindurchgeht, als vollwertige, brauchbare Arbeiter mit festem Boden unter den Füßen dazu sollten alle die Btldungsanstaiten helfen, denen wir die Jugend unseres Volkes anvertrauen. In diesen muß demnach neben den weltlichen Kenntnissen und Fertigkeiten auch die Weitergabe der religiösen Güter erfolgen." Es mögen im Religionsunterricht methodisch auch Fehler gemacht worden sein; „aber daraus den Schluß zu ziehen, daß er nun aus dem Lehrplan entfernt werden müsse, wäre doch sehr oberflächlich. Denn es würde damit der Schule der Herzpunkt ausgebrochen, wenn überhaupt Wert darauf gelegt wird, daß der Lehrer nicht nur weltliches Wissen überliefern, sondern auch auf das Gemüt der Kinder einwirken und die in der Menschennatur liegenden religiösen Triebe fördern und auf die Grundlage einer zu bildenden Weltanschauung hinarbeiten soll. Es kommt hinzu, daß mit den religiösen Überlieferungen aufs engste moralische Forderungen verknüpft sind, die zwar für sich bestehen, aber doch durch ihre Verknüpfung mit religiösen Überzeugungen an Kraft gewinnen können .... Wenn man sich auf Frankreich, Holland und Amerika beruft, so ist doch zu beachten, ob eine so mechanische Lösung des Knotens den Einfluß der Schule nicht herabdrückt, wenn ihr ein so wesentliches Stück

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