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Die Welt · 1911-04-28 · 17 (28.4.1911) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
17 (28.4.1911)
Date
1911-04-28
Page
– (sequence 7)
Language
German
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^sgfpi^ " No 17--- DIE] Wirkung der biblischen Erzählung und Darstellung auf das Gemüt erziehlich auszunutzen? Und wie ist es möglich, das zu tun, ohne dabei an die innersten Tiefen der jüdischen Religion, an die Fundamente der Thora zu rühren, wie sie im jüdischen Volke lebt und webt? Wer das wirklich fertig zu bringen glaubt, gibt sich bestenfalls einer gewaltigen Selbsttäuschung hin. Aber, wird gesagt, der Lehrer! Man kann doch nicht verlangen, daß er er eine Gesinnung heuchle, die er nicht hat, auf Grund seiner ehrlichen Überzeugung gar nicht haben kann. Zugegeben! Dennoch wird aber die Antwort auf die Frage, ob es zweckmäßig sei, in unsern nationalen Schulen religiöse Belehrung einzuführen, nicht von der Rücksichtnahme auf die religiösen Anschauungen eines Lehrers diktiert werden können, denn das hieße ein subjektives Moment in eine Materie hineintragen, die nur rein objektiv beurteilt werden kann. Für die Ausgestaltung eines Lehrplanes kann aber rein objektiv nur der Zweck der Erziehung und der spezielle Charakter der Schule ma!3gebend sein; niemals, aber Rücksichtnahme auf einzelne Schüler oder persönliche Wünsche des Lehrers; das würde ja den ganzen Erfolg der Schularbeit in Frage stellen. Vielmehr muß ein Geist alles durchdringen, Lehrplan und Lehrpersonen, Schulleben und Familienleben. Nur wenn die ganze Schularbeit von den gleichen ethischen ürundanschauungen getragen wird, wenn einheitliche Einwirkungen auf Denken, Fühlen und Wollen der Schüler konsequent ausgeübt werden, wenn alle beteiligten Erziehungsfaktoren in gleichem Sinne tätig sind, wenn der Lehrplan ein einheitlich geschlossenes Ganze bildet und die Lehrpersonen in seinem Geiste arbeiten, ist an einen Erfolg zu denken. Wer sich in dieses geschlossene Ganze nicht fügen kann, das von den Ideen derjenigen erfüllt sein muß, die die Schulanstalten errichten oder unterhalten, der paßt zu allerletzt zum Lehrer und muß als ehrlicher Mensch eben ein anderes Handwerk suchen. Es ist dargelegt worden, daß der Lehrplan eines ethischmoralischen Zentrums nicht entraten kann, daß aber dieses Unterrichtszentrum nicht auf abstrakte Belehrung, sondern auf anschaulich konkrete Unterlage gegründet werden muß, wobei in der jüdischen Schule selbstverständlich nur die biblische Erzählung in Frage kommen kann. Auch aus andern hier nicht erörterten Gründen muß die Bibel einer der wichtigsten Unterrichtsgegenstände der jüdischen Schule sein, und darum ist es ein Unding, von einer nationaljüdischen Schule zu sprechen, die religionslos sein könne oder es gar sei, weil in ihrem Lehrplan der Religionsunterricht im engern Sinne fehlt. Selbst wenn dies der Fall wäre, — die Frage ob systematischer Religionsunterricht erteilt werden soll, kann hier füglich offen bleiben, — bliebe noch genug des Unterrichtsstoffes übrig, bei dem eine Stellungnahme zu religiösen Fragen nicht zu umgehen ist. Damit aber kämen wir wieder zu dem Ausgangspunkt unserer Untersuchung zurück. Wird der dort angeführte Satz als richtig anerkannt, dann muß — von der politischen Seite der Frage soll im Rahmen dieser pädagogischen Untersuchung abgesehen werden — der Lehrplan der jüdischen Schule im Lande der Väter erfüllt sein vom Geiste der Thora, vom Geiste der wahren, echten, alten jüdischen Frömmigkeit, der alle(in den innersten Kern des jüdischen Volkes gesund erhalten hat bis zum heutigen Tage, wenn anders nicht die Schüler schon in früher Jugend erfüllt werden sollen mit dem Geiste der Verneinung, der Zerstörung, der letzten Endes auch in Erez-Israel aus dem Judentum hinausführt. Der Zionismus steht in Palästina vor einer gewaltigen Kulturaufgabe. Ein neues Leben soll aus den Ruinen hervorblühen. Wie in Westeuropa zu Ende des 18. und Anfang KELT =- ■ ' 381 des 19. Jahrhunderts, treffen auch dort moderne Bildung und traditionelles Judentum aufeinander. Wie ganz anders könnte es heute im Judentum Westeuropas aussehen, hätte man geahnt, daß beide keine Gegensätze darstellen, daß sie wohl miteinander zu vereinen sind. Will der Zionismus in Palästina aufbauend wirken, so muß er die Lehren der Geschichte beherzigen, darf er nicht die Fehler wiederholen, die dem westlichen Judentum niewiedergutzumachenden Schaden zugefügt haben. Er muß vielmehr unbekümmert um die Gegner von rechts und links sein Gebäude errichten auf dem Boden der Tradition. Wer im Osten für jüdische Kultur wirken will, kann es nur tun unter der Devise: Religion und Bildung; ohne Fanatismus, Bildung ohne Nihilismus. Judenexzesse in Galizien Wien, 25. April, 2 Uhr nachm. Nach einer Depesche aus Lemberg sindin Karow Judenexzesseausgebrochen, wobei einige Personen verwundet wurden. Es wurde Militär dorthin dirigiert. Wien, 25. April, 4 Uhr 20 Min. Die Exzesse in Karow trugen einen sehr ernsten Charakter. Sie wurden von ruthenischen Bauern inszeniert. Aus Rawa Ruska ist ein Infanteriebataillon in Karow eingetroffen. Das Militär nahm Verhaftungen vor. Die Ursache der Exzesse ist noch nicht genau bekannt. Wien, 25. April, 7 Uhr 50 Min. In Karow wurde die Ruhe wieder hergestellt. Es wurden 29 Rädelsführer verhaftet. Die Miiitärassistenz ist bereits abgerückt. Für alle Fälle ist ein starker Gendarmerieposten in Karow zurückgelassen worden. Lemberg, 25. April, 11 Uhr 40 Min. abends. Gestern sind in Karow bei Uhnow antisemitische Exzesse ausgebrochen. Es wurden vier Personen schwer, eine leicht verwundet. Militär und Gendarmerie mußten einschreiten. Die Anstifter scheinen moskalophile (russischgesinnte) ruthenische Bauern zu sein. Aus Lemberg ist ein Beamter der Statthalterei nach Karow dirigiert worden, um die Untersuchung zu leiten. Karow ist ein Dorf von etwa 1500 Einwohnern, davon 47 Juden, und liegt im Gerichtsbezirk Uhnow, Bezirkshauptmannschaft Rawa Ruska. In Uhnow haben im April 1903 ebenfalls Ausschreitungen ruthenischer Bauern gegen die Juden stattgefunden, die erst durch Einschreiten eines Jägerbataillons unterdrückt werden konnten. Es wurde damals ein Mann namens Ichel Klein erschlagen, zwei Personen sehr schwer verwundet.

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