Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 17 DIE^KELT 377 wenn dieser Wille wirklich da wäre, so wäre es ihr ein leichtes gewesen, ihn in die Tat umzusetzen! Dies zu tun, hat sie sieh aber ausdrücklich geweigert. Daß die Herren der Pariser Leitung der Alliance Israelite Universelle keine Zionisten sind, ist nicht nur ihr gutes Recht, das niemand ihnen streitig machen wird, — es ist sogar historisch natürlich und brauchte uns keinen Augenblick aufzuregen. Die Zeit wird da schon das Ihrige tun. Daß sie aber einen Kampf gegen den Zionismus ermutigen und führen, einen Kampf, von dem sie wissen oder wissen müssen, daß er für die Judetiheit eines großen Reiches, ja sogar für die der ganzen Welt die größten Gefahren in sich birgt, — das ist nicht ihr gutes Recht. Nicht dazu hat man sie an die Spitze eines jüdischen Weltbundes gestellt, nicht dazu hat man ihnen einen großen Teil des jüdischen Volksvermögens zu verwalten gegeben, nicht dazu hat man ihnen eine gewisse Vormundschaft über ganze Teile unseres Volkes eingeräumt. Nicht um Briefe zu schreiben, worin eine mächtige Volksbewegung als „illoyal" denunziert und als Machwerk von ehrgeizigen Reklamehelden bezeichnet wird, hat man Herrn Salomon Reinach mit an die Spitze einer jüdischen Weltorganisation gestellt. Nicht um das Judentum zu bekämpfen, sondern um es zu pflegen und zu fördern, um, wie Artikel Eins ihres Statutes es besagt, „überall für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Juden zu wirken und denen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, wirksame Hilfe angedeihen zu lassen", dazu hat man die Pariser Leitung der Alliance eingesetzt. Das Endurteil darüber, ob die Herren in Paris in den letzten Jahren im Sinne dieser klaren Zweckbestimmung gewirkt haben, können wir getrost anderen Stellen überlassen. Es wird nicht ausbleiben! Kann die nationaljüdische Schule religionslos sein? Von Baruch Stern, Frankfurt am Main In der Palästinanumnier der „Welt" hat einer der hervorragendsten Zionisten den Satz ausgesprochen, das jüdische Volk sei unzertrennbar geknüpft an die Trias: Thora, Erez-Israel und hebräische Sprache. In der Tat! Dies dreifache Band, das so schnell nicht zerreißen wird, ist trotz der überaus verschiedenartig gestalteten Entwicklung der einzelnen Volksgliedei stark genug, diese zu einer unlösbaren Einheit zu verbinden, und man muß dem Verfasser jenes Artikels zustimmen, wenn er meint, niemals könne eines dieser drei Bänder reißen, ohne daß zugleich der Lebensnerv des jüdischen Volkes getroffen werde. Das gilt in ganz besonderm Maße für das erste Glied der Kette. Wo immer im jüdischen Volksleben Großes zu verzeichnen ist, in Heldenkämpfen gegen übermächtige Feinde wie im Ertragen von Haß und blutiger Verfolgung, in der bewundernswerten Geistesarbeit zur Erzeugung einer gewaltigen Literatur wie in dem Widerstande gegen die Auflösung durch fremde, feindliche Kulturgewalten, — immer waren Thora wort und Thorageist die Wurzeln, aus denen das Volk seine übernatürlich erscheinende Lebenskraft gesogen hat. Trotzdem hat aber unsere jüdische Volks-?s an dip £verhÄ3en£ JSm bewegung, die ihr Alles anjtip Gewinnung unseres Landes setzt und eine große, erfolgverJj^Sende Arbeit für die Erhaltung und Ausbreitung der hebräischen Sprache leistet, nichts übrig für die Pflege und Erhaltung von Israels ureigenstem geistigem Gute, der Thora. Diese Unterlassung konnte gerechtfertigt erscheinen, solange die Tätigkeit des Zionismus vornehmlich eine politischdiplomatische war, mußte aber Schwierigkeiten hervorrufen, als er das praktisch-kolonisatorische Arbeitsfeld in Angriff nahm. Und zwar ist es weniger das Gebiet der Kolonisation im engern Sinne, das einen Gegensatz zwischen Zionismus und Thorajudentum zeitigte, sondern, wie erinnerlich, das der nationalen Erziehung der im Lande der Väter heranwachsenden jüdischen Jugend. Nichts beleuchtet diesen Gegensatz schärfer als eine andere Arbeit in der Palästinanummer, in der Herr Dr. Jakob Thon, Jaffa, die Stellung der religiösen Erziehung im Programm der modernen nationalen Schule in Palästina behandelt, wobei er die Möglichkeit des Unterrichtes auf atheistischer Grundlage verteidigt. Dieser Standpunkt eines zionistischen Parteifunktionärs und die vor kurzer Zeit beschlossene Subventionierung einer solchen „nationaljüdischen" Schule aus einem von der zionistischen Organisation verwalteten Fonds geben die Veranlassung, die Frage nach der Stellung der Religion in der nationaljüdischen Schule einmal vom Standpunkte des Schulmannes aus (nicht von dem des Parteimannes) zu erörtern. Wenn man dabei auch zugibt, daß Herr Ussischkin der Verfasser des ersterwähnten Aufsatzes, wie seine Ausführungen beweisen, den Begriff Thora viel weiter faßt, als zulässig erscheint, darf man doch, ohne Widerspruch befürchten zu müssen, von der Voraussetzung ausgehen, daß im Judentum Thora und Religion durchaus identisch sind, daß ebenso, wie d:e Thora (oder besser gesagt die Bibel) die Quelle der jüdischen Religion ist, ihr volles Verständnis nur durch die Religion erreicht wird. Es ist von Dr. Thon, ganz im Sinne der landläufigen Betrachtungsweise des politischen Liberalismus wie des religiösen Radikalismus, die bei ihrer Stellungnahme zu Schulfragen in der Regel an den Resultaten der Erziehungswissenschaft achtlos vorübergehen, gesagt worden, sicher sei mit Zuhilfenahme der Religion die Erziehung leichter als bei ihrer Ausschaltung. Gott als Schöpfer aller Dinge sei zwar der einfachste Erklärungsgrund alles Seienden und seine Autorität die leichtverständlichste Grundlage jeder Ethik. Aber auch ohne ihn sei die Pädagogik nicht ratlos und wisse sich zu helfen. Der großen Reihe traditioneller Werte, die uns die religiöse Erziehung an die Hand gibt, könne die Kraft der rein nationalen Idee wohl gegenübergestellt werden. Das Plus, das die Religion beim Erziehungsgeschäft unstreitig biete, sei aber nicht unentbehrlich und nur dann anwendbar, wenn der Lehrer selbst religiös sei und es verwerten könne, ohne heucheln zu müssen. Einzig der Lehrer habe darum über die Zweckmäßigkeit der religiösen Belehrung in unsern nationalen Schulen zu entscheiden. Wenn ich nun solchen Anschauungen gegenüber versuche, soweit dies in wenigen Sätzen möglich ist, die Stellung der Religion im Lehrplan überhaupt, nicht nur dem der jüdischen Schule, theoretisch darzustellen, muß ich zuvor dem Einwände begegnen, da Religion Sache der Einzelpersönlichkeit sei, handle es sich ja nur darum, sie von der Schule fem zu halten, denn diese sei vor allem Unterrichtsanstalt. Erziehung aber sei heiligste Familienpflicht, und in der häuslichen Erziehung könne der Religion so viel Raum gewährt werden, als dem Erzieher angemessen erscheine. Wer so spricht, hat die pädagogische Entwicklung des letzten Jahrhunderts verschlafen. Tatsächlich kann die Schule als Erziehungsfaktor gar nicht entbehrt werden. Nicht nur, weil die Eltern aus persönlichen und beruflichen Gründen oft gar nicht in der Lage sind, ihrer Erzieherpflicht nachzukommen, sondern vielmehr, weil der Unterricht als solcher neben und im Verein mit der Familie das beste Erziehungmittei ist. Unsere Schulen haben längst aufgehört, bloße Unterrichtsanstalten zu sein. Sie sind in erster Reihe Erziehungsschulen, und der modern denkende Pädagoge fordert, daß ihr Unterricht erziehender Unterricht ist, getreu dem Worte