Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 17 (28.4.1911)
- Date
- 1911-04-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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sich in mannigfach variierter Weise äußerte: hier ein mitleidiges Belächeln der utopistischen Bestrebungen, da ein kühles Negieren, dort ein verbohrtes Ablehnen, anderswo ein gedankenloses Vorbeigehen. Aber in vielen andern Kreisen ergab sich aus dem Zusammenstoß heftiger Streit. Da erkannte man im Zionismus das revolutionäre Prinzip, das bestimmt war, die alten Anschauungen, die alten Methoden zu stürzen und zu ersetzen. Und da nahm man den Kampf auf und führte ihn mit einer Heftigkeit, einer Verbissenheit, einer Gründlichkeit, wie kaum jemals im Judentum ein Kampf geführt worden war. Nun, wir taten das Unsere, — dieses Zeugnis wird man uns heute ausstellen! Heute, --ist der Kampf denn schon ein Kampf von gestern, auf den wir zurückblicken können? Und - sind wir Sieger geblieben? * * * Das ist kaum eine Frage. Nein wir haben nicht gesiegt, — aber es ist ein noch nicht! Noch ist der Kampf nicht zu Ende; noch ringt der jungjüdische Geist mit feindlichen Mächten, die ihn zurückdrängen und unterdrücken möchten. Noch sitzen überall die Männer in Amt und Würden, die den Zionismus kraft ihrer Erziehung, ihrer ganzen Lebensrichtung nicht verstehen können. Aber auf der ganzen Linie gewinnen wir. Jmmer mehr, immer inniger schließt sich uns die Jugend an, immer tiefer dringt unser Geist in die Kreise ein, die unser Golus-Volk als „führend" betrachtet. Gewiß, vor 15 Jahren hofften wir vielleicht heute schon weiter zu sein, — aber wenn wir zurückblicken, haben wir zur Unzufriedenheit keinen Grund. Der Zionismus ist keine jugendliche Schwärmerei mehr, über die man in den Gemeindestuben und in den Konferenzsälen der Organisationen ohne weiteres zur Tagesordnung übergehen könnte; heute gibt es keine Politik im Judentum mehr, die den Zionismus negieren könnte. Gegen uns — ist möglich; ohne uns —nicht! * * * Solange das alte Regime in der Türkei herrschte, konnte von einer zionistischen Agitation unter den ottomanischen Juden nicht die Rede sein. Eine solche politische und nationale Bewegung wäre in der hamidischen Ära undenkbar gewesen. Als die Revolution wie mit mächtigem Glockengeläute die Völkerschaften des ottomanischen Reiches aufrief zum Einzug in die Freiheit, da war auch für die eigene nationale Bewegung der Juden, für den Zionismus die Zeit gekommen. Der Zionismus brach sich Bahn! Nicht von auswärts wurde er hineingetragen, wie man es darzustellen beliebt, sondern von innen heraus entwickelte er sich, allerdings unter unserer lebhaften Teilnahme. Und nun kam, was kommen mußte. Ja, es kam sogar mehr! Fünfzig Jahre lang hatte die Alliance im türkischen Judentum mit unumschränkter Gewalt geherrscht. Nicht nur, tfaß sie einen ganz bedeutenden materiellen Einfluß geübt hatte, sondern vor allen Dingen hatte sie die Erziehung, namentlich in der europäischen Türkei, vollständig beherrscht und nach einem, überall und Jahrzehnte hindurch sich gleichbleibenden Muster eingerichtet. Es gibt heute kaum einen halbwegs gebildeten Juden in der europäischen Türkei, der nicht Zögling der Alliance wäre. Und über den Geist, der im Unterrichte der Alliance-Schulen herrschte, sich ausführlich zu verbreiten, dürfte heute kaum noch nötig sein. Das ottomanische sephardische Judentum, abgeschlossen von den großen Strömungen, die die Judenheit Ost- und Westeuropas bewegten, bildete fast eine „Reinkultur" des Alliancegeistes. Nun versuche man sich den psychologischen Einfluß, den eine so gewaltig ins politische und soziale Leben eingreifende Bewegung wie die jungtürkische Julirevolution auf die jüdischen Geister ausüben mußte, zu vergegenwärtigen, — und man denke sich den jungen keimenden Zionismus mitten in diesen Sturm hinein. Alle Faktoren, die in Westeuropa den Zusammenstoß und den Kampf ergeben hatten, waren in der Türkei potenziert da; — was sich ergeben mußte, scheint klar. Und die Türkei würde uns auch keine Überraschung bereitet haben, wenn sich nicht zu den bekannten Faktoren neue unberechenbare gesellt hätten. * * * Wenn nur innerhalb der ottomanischen Judenheit die Meinungen und Anschauungen noch so heftig aufeinandergeprallt wären, wenn sich auch ein noch so wütender Meinungskampf, eine noch so erregte Debatte erhoben hätte, man hätte diese natürlichen Erscheinungen ohne sonderliche Beunruhigung hinnehmen können und im festen und durch den Lauf der Ereignisse in Westeuropa wohlbegründeten Vertrauen die Entwicklung der Dinge im Orient ruhig abwarten und beobachten können. Aber der Streit nahm andere Formen an„ Formen, die man in Europa gar nicht kannte. Der Kampf wurde ins politische Leben hinausgetragen. Die Tatsache, daß das alte Vaterland, das die Zionisten aufs neue zum Zentrum des jüdischen Volkslebens machen wollen, eine Provinz des ottomanischen Reiches bildet, wurde zum Vorwand genommen, um den Zionismus der Staatsgefährlichkeit zu zeihen und die Zionisten als Hochverräter zu denunzieren. Das war in der Logik der Tatsachen nicht begründet! Und das wäre nicht geschehen, wenn die Pariser Leitung der Alliance Isra&ite Universelle ihre Pflicht begriffen hätte. Trotz allem, was sich herausgestellt hat, wollen wir auch heute noch immer nicht sagen, daß sie es so gewollt hat. Aber feststeht, daß sie es hätte verhindern können. Feststeht, daß ihre Freunde, zum Teil die direkt von ihr abhängigen Angestellten, jedenfalls die aus ihren Anstalten hervorgegangenen und noch immer ihr nahestehenden Männer es waren, die den Kampf gegen den Zionismus auf solche Abwege geführt haben. Feststeht, daß die ottomanische Judenheit, die zum großen Teile auf die Alliance, der sie alles verdankt, was sie an „moderner Kultur" besitzt, als die Vertreterin des Judentums überhaupt blickt, sich niemals hätte hineinreißen lassen in eine so selbstmörderische Aktion, wie die fortgesetzte Denunzierung-der kräftigsten jüdischen Bewegung, wenn sie nicht die Zustimmung der Alliance aus deren ganzen Verhalten hätte schließen können. Wenn heute die Pariser Leitung den Freimut besitzt, zu behaupten, daß sie mit dem ganzen Kampf in der Türkei nichts zu tun habe, — so riskiert sie, daß man sie überhaupt nicht mehr ernst nimmt. Zwar ist es an sich erfreulich, daß sie die Verantwortlichkeit für das Geschehene nicht übernehmen will, daß sie ihren Willen bekundet, n^atral zu bleiben, — aber