Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-05-26 · 21 (26.5.1911) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316482--54585-3348282
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

no. 21 . — die: schrieben ist. Mächtige Flammenbuchstaben flimmern vor meinen Augen, Flammenbuchstaben, die sich zu Worten und Sätzen aus dem Schir-Haschirim verbinden. Und ich buchstabiere: „Denn gewaltig wie der Tod ist die Liebe, peinvoll wie die Hölle ist die Eifersucht, ihre Gluten, — Feuergluten, mächtige Flammen . . Und ich sitze in dieser Wundernacht beim weitgeöffneten Fenster und flehe diese Nacht der Heimlichkeiten und Rätsel an, daß sie mir das Geheimnis enthülle: Ist es nicht schon zu spät, zu spät? Doch sie schweigt, die Nacht der Heimlichkeiten und Rätsel. Das Geheimnis wird sich mir nicht enthüllen — bis morgen. Morgen, dies hat mir Busy zugesagt, morgen werden wir mit einander reden. Geduld, morgen . . . Wenn erst die Nacht entschwindet, die Nacht der Rätsel und Geheimnisse. Diese wundervolle Wreihenacht . . . Zu J. L. Perez' 60. Geburtstag Von Siegfried Schmitz, Wien Der Künstler, der Dichter schafft, sich selbst gestaltend. Das stete Sich-öestalten des Ichs, das im unschöpferischen Individuum vor sich geht, geht in den Dichter ein und wird ihm zwangvolle Not. Denn das Gestalten, Weben und Werden trübt seine ewige Sehnsucht, die Menschensehnsucht nach Vollendung, Wesen und Sein. Machtvoll ringend faßt er aus sich das wechselnde Sich- Gesialten und vollendet es zum Sein außer sich. So wird sein Werk. Es ist ihm Befreiung, Vollendung, bis ihn die Not des ewigen Werdens wieder faßt und aus ihm wieder das Furchtbare, Große erwachsen läßt, das Werk. Das Werk wird aus dem Werden des Dichters; des Werdens lebende Kraft, die alles belebt, ist das Wollen» das Wollen der Vollendung. Das Wollen der Allvollendung schuf den Dichter J. L. Perez in seinem ganzen, uns so teuren Werte. Und diesen Wert, des wir uns stets liebend bewußt sind, formt dankende Liebe in Worte an einem Tage der Rückschau für den Dichter, der wertenden Überschau für des Dichters Gemeinschaft. Denn J. L. Perez wird jetzt sechzig Jahre alt. Er schafft im Reiche des jüdischen Geistes und im Klange des jüdischen Volkssidioms. Und er schafft jüdischen Geist und formt jüdische Sprache. Dadurch wird das Werk des Dichters zum Gut seiner Gemeinschaft, seines Volkes. Einer der wenigen wahren Werte in unserer modernen jüdischen Literatur ist Perez. Seit genau fünfunddreißig Jahren ist er in den Reihen der Schaffenden. Wenn wir heute seiner liebend und dankend gedenken, gedenken wir unser. Denn der Dichter ist einer, der das Volk schafft. Und Perez' Dichterturn ward aus dem Volkstum und webt darin. Im Volkstum leben die Elendgestalten, die er schildert, die Elenden des Ghetto; im Volkstum lebt die Urseele des jüdischen Weibes, die er fand; im Volkstum weben die kleinen und großen Seelen der Chassidim, die den Weltenlauf ändern und lösen wollen. Doch er schafft das Volkstum, formt es neu. Und was er formt, Lt Neutum des Volkstums, — und darum nicht volkstümlich. Perez ist nicht volkstümlich, so gewaltig und liebend er auch das Volkstum umfaßt. Denn er hat in seinem Werk nicht des Volkstums äußeres Sein ergriffen, sondern sein inneres Sein. Das ist Perez' Dichtertum. Der Dichter Perez, die Vollendung wollend, fand das Volkstum und faßte es formend. Er selbst aber ist ein Wesen dieses Volkstums. Und unser Volkstum ist im Geiste, nicht J&ELT 491 im Körperlichen, in der Dauer, nicht im Räume, es ist im All, doch nicht erdhaft-begrenzt. Und so ist das Wollen der Vollendung in Perez, einem Sohn seines Volkes, ein Wollen der Allvollendung, die unbegrenzt von körperlichem Erdenraum, in All und Dauer, im reinen Geist nur sich ihm erfüllen kann. So schafft Perez seit fünfunddreißig Jahren und was erschafft, meldet von seiner Dichterart, seiner Volksart. Man nennt ihn häufig Romantiker — zu Unrecht. Romantik in der Dichtung ist Wille der Vollendung des Vergangenen. In Perez' Dichtung gibt es kein Vergangenes, kein Gegenwärtiges, keine Zeiten. In Perez' Dichtung ist allein Zeit. Nichts, was der reine Geist faßt, kann sich wiederholen, wiederkehren, begrenzen. Perez ist kein Romantiker, sowenig er, wie man ihn oft nennt, Realist ist. Realismus im Dichterischen ist Wollen der Vollendung im Gegenwärtig-Räumlichen. Und der Raum ist in Perez' Werk ungegenwärtige Dauer. Der reine Geist kann nicht in Räumen sein, nur in unbegrenzter Dauer. Perez' Dichterkraft schöpft aus dem Galuth in seiner jüdischen Vollendung. Dieses Galuth ist das schrankenlose Walten des Geistes, den keine Erde mütterlich-sorgend bannt. Es ist das Weben von reiner Zeit und unendlichem Raum. Es ist höchste Freiheil, schon die Sehnsucht danach ist beglückend, es ist aber auch tiefste Knechtschaft, Furchtbarstes Leid des Irrens in uferlosen Unendlichkeiten. In Perez' Schaffen ward und wird es immer und immer eine lebende Kraft, eine Wirklichkeit, ein Ganzes. In Wahrheit aber ist dieses Galuth kein Ganzes, kann es nicht sein. Doch Perez' ist Dichter — und der Dichter schafft das als Ganzes, was als Ganzes unfaßbar ist dem Menschen der Erde. Und jenes Unfaßbar—Unendliche, zu dem Perez' Werk strebt, läßt ihn unaufhörlich suchen und ringen. Denn der Geist ist nie, er wird s ets. So ist Perez' Schaffen ein stetes Werden, nie stillstehend, nie verweilend in Räumen, immer eilend im Raum, nicht achtend der Zeiten, stets die dauernde Zeit betrachtend. Das Betrachten der reinen Zeit, ohne der eignen Zeit zu achten, das Wollen eines Dauernden, einer unbegrenzten Möglichkeit für alles führt zur Aufklärung. Dann dieses Unbegrenzte im einzelnen hat den Wunsch, sich in allem, in der Menschheit zu begrenzen. Es reicht über das Ich hinaus. So wird die Aufklärung; so ward Perez zuerst Aufklärer in seinem Schaffen. Sein Werk trat aus dem Ich hinaus und trat fordernd vor die Menschheit. Denn nur die Menschheit kann für den zeit- und raumlosen Geist bestehen. Ein Abstraktes und nie Seiendes. Wer leichtsinnig oder halb ist, den verführt es, weil es nicht ist, zu gebietendem Fordern. Doch Perez ist ein ganzer Dichter. Ihm war sein Aufklären kein Fordern, sondern sehnsüchtige Bitte, die Bitte, es möge ihm vergönnt sein und allen, die Menschheit im All zu erfassen. Es war ein Suchen, ein unaufhörliches Suchen eines, dem das All wird, wie er wird. Perez' der Dichter wurde, ist noch immer ein Aufklärer, der die Menschheit im Ali erfassen will. Und suchend fand Perez sein Volkstum. Erst fand er seine äußern Schichtungen und sie ordneten sich ihm ein in den unendlichen Raum seines schaffenden Geistes in der Form der Menschheitsschichtungen. Und er faßte sie, diese alten Formen, das Elend seines Volkes, die Unterdrückten seines Volkes, die Träger und Händler und Arbeiter und Lehrer, die Nichtse und Halbnichtse, und formte sie in seinem Werk zu Wesenheiten jenes wuchtig waltenden Menschheitsprozesses, dessen Vollendung eine harmonisch ganze Menschheit ist in ihren äußern Daseinsformen. Ein zeit- und raumloser Sang der äußern Vollendung seines Volkes war es, den Perez anstimmte. Und wo in die dauernde Zeit ihm die Gegenwart keck hineinblickte, und wo seine allumfassenden Räume durch die Enge der Judengasse winzig geteilt wurden, dort hat Perez als Antwort nicht die grimme Stimme des Aufklärers, die aufreizende, stets gereizte Kriegsstirnrnung des Predigers neuer Zeiten, — dort tönt der begrenzten Wirklichkeit des Dichters leises, ironisches Lachen entgegen, ein kleines Lachen, das Spott bedeuten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.