Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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erinnere mich noch: Einmal, als der König bereits das weiße Sedergewand abgelegt hatte und die Königin ebenso ihr weißes Seidenkleid, da saßen wir, ich und Busy, in einer Ecke und spielten mit den Nüssen, die uns die Mutter gegeben hatte. Oder ich erzählte ihr eins jener phantastischen Märchen meines Chederkollegen Scheike, der alles wußte. Ein Märchen von einer verzauberten Prinzessin, die sieben Jahre lang in einem Kristallpalast gefangen saß und sehnsüchtig wartete, daß einer käme und sie durch einen kabbalistischen Spruch zu den Wolken emporhöbe, sie über Berg und Tal, über Teich und Wald dahintrüge* und zu den Ihrigen brächte. . . . XIV Dies war einmal vor vielen, vielen Jahren. Inzwischen ist die Prinzessin herangewachsen und ist ein großes Mädchen geworden, und auch der Prinz ist zum Manne herangewachsen. Und man hat uns unsere Plätze so grausam angewiesen, daß wir einander nicht einmal sehen können, wie sich's gehört. Stellt euch mal vor: Zur Rechten Sr. Majestät setzte man den Prinzen, zur Linken Ihrer Majestät setzte man die Prinzessin. . . . Und wir lesen in der Hagada. Ich und der Vater mit lauter Stimme und mit dem üblichen Tonfall, wie vor Jahren, Blatt um Blatt, Die Mutter aber und Busy lesen ganz leise mit, Blatt um Blatt, — bis wir an Schir- Haschirim kommen. Ich lese das Schir-Haschirirn mit dem Vater in dem üblichen Tonfall, Vers für Vers, und die Mutter und Busy lesen ganz stille mit, Vers für Vers, bis der König, ermüdet von der Erzählung des Auszugs aus Ägypten und berauscht von dem Wein der „vier Becher", in leisen Schlummer verfällt, aber sich gleich wieder ermannt und laut zu rezitieren beginnt: „Ströme von Wasser vermögen nicht zu löschen die Liebe," — worauf ich in demselben Tonfall fortfahre: „und Flüsse überfluten sie nicht." . . . Immer schläfriger und abgebrochener ertönen die Worte des Schir-Haschirirn, bis Se. Majestät schließlich ganz richtig einschläft. Nun zupft ihn die Mutter am Ärmel seines weißen Festgewandes, sanft und sachte weckt sie ihn, daß er zu Bette gehe. Unterdessen kann ich mit Busy ein paar Worte sprechen. Ich erhebe mich von meinem Sitze, nähere mich ihr, und nun stehen wir einander gegenüber, — das erstemal so nahe in dieser Weihenacht. Ich spreche mit ihr von dieser einzig schönen Nacht. „In dieser Nacht", sage ich ihr, „ist's gut, ins Freie zu zu gehn." Sie hat mich verstanden und antwortet lächelnd mit der verwunderten Frage: „In dieser Nacht?" Lind es schien mir, daß sie mich auslachte. So pflegte sie mich einst vor vielen Jahren auszulachen. Das verdroß mich, und ich sagte ihr: „Busy, wir haben miteinander zu reden, viel zu reden!" „Viel zu reden?" wiederholte sie meine Worte fragend. Und wieder schien es mir, daß sie mich auslachte. ... Da sagte ich vorwurfsvoll: „Oder irre ich vielleicht? Habe ich dir jetzt vielleicht gar nichts mehr zu sagen?" ... Ich sprach diese Worte mit so viel Bitterkeit, daß Busy aufhörte zu lächeln und ihr Gesicht einen ernsten Ausdruck annahm. „Morgen," sagte sie, „morgen werden wir schon miteinander reden." . , . Da ward es helle in meinen Augen, helle und klar und fröhlich. Morgen! Morgen werden wir uns aussprechen, morgen. . . . Icfr trete noch näher auf sie zu, und die eben gelesenen Worte aus dem herrlichen Schir-Haschirirn kommen mir in den Sinn: „Honigseim träufeln deine Lippen, o Braut, Honig und Milch unter deiner Zunge, und deiner Gewänder Duft wie der Duft des Libanon." Und ich sprach kein Wort mehr mit ihr, bloß unsere Augen redeten noch zueinander . . . XV. „Gute Nacht, Busy," sage ich leise. „Gute Nacht,<c sagt auch sie und rührt sich nicht von der Stelle. Sie blickt mich mit ihren sorgenvollen, verträumten Schir- Haschirim-Augen an. Ich wünsche ihr nochmals gute Nacht, und sie erwidert meinen Gruß. Nun kommt die Mutter und führt mich in mein Schlafgemach. Mit ihren schönen weißen Händen glättet sie zärtlich meine Bettdecke, und ihre Lippen murmeln: „Schlaf wohl, mein Kind, schlaf wohl ..." In diesen paar Worten zittert die ganze grenzenlose Mutterliebe und all die Bangigkeit und Sorge um mein Wohlergehen, die sich in ihrem Herzen während der ganzen Zeit, da ich in der Fremde war, angesammelt hatte. Ich möchte mich vor ihr niederwerfen und ihre schönen weißen Hände küssen, doch ich bin dessen nicht würdig. Ich weiß es . . . Leise wünsche ich ihr gute Nacht und bleibe allein, allein in dieser Weihenacht. XVI. Und nun sitze ich allein da in dieser stillen, warmen dunkeln Frühlingsnacht. Ich öffne das Fenster und blicke hinaus, blicke auf den dunkelblauen Nachthimmel, auf die glitzernden Sterne, und ich frage mich: „Ist es nicht schon zu spät?" . . . Habe ich nicht mein Lebensglück verscherzt, für immer? Habe ich nicht mit eigenen Händen meinen herrlichen Palast in Brand gesteckt und die Prinzessin vertrieben? . . . Oder bin ich, o gütiger Himmel, doch noch rechtzeitig; ger kommen? „Ich komme in meinen Garten, meine Schwester, o Braut . . . .f :; Und ich sitze noch lange beim weitgeöffneten Fenster in dieser Weihenacht. Und ich tausche Geheimnisse mit dieser stillen, warmen, dunkeln Frühlingsnacht, die so seltsam erfüllt ist von allerlei Heimlichkeiten und Rätseln . . . In dieser Weihenacht ward ich inne, daß ich Busy liebte, daß ich sie liebte mit jener heiligen, glutvollen Liebe, die in unserm Schir-Haschirirn so einzig be-