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Die Welt · 1911-05-26 · 21 (26.5.1911) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 21 - DIE3 dafür — wieder habe ich Schir-Haschirim aufgeschlagen, Kapitel 5: „Ich komme in meinen Garten, meine Schwester, o Braut" . . . und weiter: „Ich pflücke meine Myrrhe mit meiner Würze, esse meine Scheibe mit meinem Honig und trinke meinen Wein mit meiner Milch" . . . Doch, was sage ich? Der Garten ist nicht mein. Ich werde keine Myrrhe pflücken, keinen Honig e^sen, keinen Wein trinken. Der Garten ist nicht mein. Busy ist nicht meine Braut. Sie ist die Braut irgendeines Mannes, nicht die meine! . . . Und ein höllischer Sturm tobt in meinem Innern, ein Sturm, nicht gegen Busy, nicht gegen irgendeinen andern Menschen, sondern gegen mich selber. Wie konnte ich es doch über mich bringen, so lange Zeit fern von Busy zu bleiben? Wie konnte ich es zugeben, daß man mir Busy raubte und sie einem andern gab? Schrieb sie mir denn nicht jedesmal Briefe und gab mir deutlich zu verstehn, „sie hoffe mich recht bald wieder- 2usehn"? Hatte ich denn meinen Besuch nicht von einem Fest zum andern verschoben, bis sie endlich aufhörte, mir zu schreiben? XII „Gut Jomtow, das ist mein Sohn." Mit diesen Worten stellt mich mein Vater nach beendigtem Gebet den Baale-Batim in der Synagoge vor. Diese betrachten mich von allen Seiten, bieten mir den Friedensgruß und nehmen ihn wie eine alte Schuld von mir entgegen. „Dies ist mein Sohn." . . . „Dies ist Ihr Sohn? So sei mir gegrüßt, Schalom." In den Worten des Vaters „Dies ist mein Sohn" spielen allerlei Klangfarben mit: Freude und Stolz und Verdruß. Man kann die Worte deuten, wrie man will : „Was sagt ihr? Dies ist wahrhaftig mein Sohn!" . . . Oderaber: „Stellteuchmal vor, dies ist mein Sohn." . . . Ich kann seine Stimmung nachfühlen; der gute Vater ist tief gekränkt. Ich habe mich wider seinen Willen aufgelehnt, bin nicht in seinen Wegen gewandelt, habe mir meinen eignen Lebensweg gebahnt und bin die Ursache, daß er frühzeitig gealtert ist. Nein, er hat mir nicht verziehen. Er sagt es mir nicht, doch ich fühle es klar. Seine Augen sagen es mir deutlich, wenn sie über die silberne Brille hinweg mir geradeaus ins Herz schauen. Der stille Seufzer sagt es mir, der sich von Zeit zu Zeit seiner alten eingefallenen Brust entringt . . . Wir gehen beide von der Synagoge nach Hause und schweigen. Wir gehen später fort als alle andern. Die Nacht hat ihre dunkeln Schwingen über den Himmel ausgebreitet, und ihr Schatten hat sich auf die Erde herabgesenkt. Es ist eine stille, warme, heilige Pessachnacht, eine Nacht voll Geheimnisse, Rätsel und Wunder. Man fühlt die Weihe dieser Nacht in der Luft schweben, sieht, wie sie vom dunkelblauen Himmel herabblickt. * Ihr gilt die stille Zwiesprache, die die Sterne oben miteinander pflegen. Der Auszug aus JKE LT =— — 489 Ägypten rauscht durch die Stille dieser Nacht . . . Mit hastigen Schritten eile ich heimwärts. Und der Vater kann mir kaum folgen. Wie ein Schatten keucht er hinter mir her. „Was eilst du so sehr?" fragt mich der Vater. Er ringt nach Atem. Ach Vater, Vater! Siehst du denn nicht, daß ich gleich einem Hirsche bin, oder gleich dem Jungen der Rehe auf Gewürzbergen? . . . Mir ist die Zeit zu lang, der Weg zu weit, nicht kann ich länger warten, da Busy Braut ist, irgendeines Mannes Braut, nicht die meine! . . . So möchte ich meinem Vater mit den Worten aus Schir-Haschirim antworten. Und ich fühle den Boden unter meinen Füßen nicht. Und ich gehe mit hastigen Schritten heimwärts in dieser heiligen Nacht. XIII Mit dem gleichen Gut Jomtow-Gruß, womit wir vor Jahren aus der Synagoge heimzukommen pflegten, betraten wir auch jetzt unsere Stube, ich und der Vater. Mit dem nämlichen Gegengruß „Gut Jomtow, Gut Jahr", womit die Mutter und Busy uns in dieser heiligen Nacht vor Jahren zu empfangen pflegten, empfingen sie uns auch heute. Es war genau dasselbe Bild wie einst: Die Mutter saß als Königin da in ihrem königlichen Seidenkleide, neben ihr die Prinzessin, Busy, in ihrem duftigen schneeweißen Kleide. Nichts hatte sich auch nur um ein Haar verändert. Wie vor vielen Jahren, so ist auch jetzt in dieser Nacht unsere Stube voll tiefer keuscher Anmut. Eine eigene heilige, festliche, majestätische Schönheit waltet in unserer Stube. Ein weihevoller, festlicher Schimmer verklärt sie in dieser heiligen Nacht. Das blendend weiße Tischtuch, — glitzernder, jungfräulicher Schnee. Mutters Festtagskerzen blinken in den silbernen Leuchtern. Aus den Flaschen grüßt der für die „vier Becher" bestimmte rote Wein. Und wie verschämt, wie treuherzig gucken doch die unschuldigen Mazzoth aus der Sederschüssel hervor! Das „Bitterkraut", der geriebene Meerrettich, lächelt so lieblich, und das braune Charosses nebst dem Salzwasser nickt uns freundlich zu. Feierlich erwartet der stolze Thronsesssl, der mit weißen Kissen belegte würdige Lehnstuhl meines Vaters, seinen Herrn, den König dieser Weihenacht. Auf dem Antlitz der Königin ruht die Schechinah, wie immer in dieser heiligen Nacht, und die Prinzessin, Busy, ist ganz und gar wie die Heldin des Schir-Haschirim, — doch nein, sie ist das Schir-Haschirim selber. Eine Sünde ist es bloß, daß man den Prinzen von der Prinzessin so weit weggesetzt hat. Einst saßen sie, ich entsinne mich dessen noch ganz genau, ganz anders beim Seder beisammen; eins neben dem andern saßen sie. Der Prinz richtete an seinen königlichen Vater die vorgeschriebenen „vier Fragen", und die Prinzessin stahl inzwischen Sr. Majestät die hinter dem Kissen verborgene halbe Mazzo, den „Afikomon". O, was haben wir damals gelacht! Ich

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