Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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*i .-;-^r : ■. r r 488 DIE&tfELT No. 21 Aus welchem Buche sonst könnte er die Ideale schöpfen, die er mit der ganzen Inbrunst seiner Seele in den Herzen seiner Zöglinge pflanzen will? Etwa aus dem Ghettoschrifttum? Nein, so sehr das Charakterbild des palästinensischen, nationaljüdischen Lehrers, „von der Parteien Gunst und Maß verwirrt", in den Vorstellungen deutscher Zionisten schwanken mag, soviel kann jedoch getrost behauptet werden, daß er zur Wertschätzung jüdischer Güter nicht erst der Ermahnung seitens Paulsen und Genossen bedarf. Und er ist auch nicht so „religionslos", wie er gemalt wird. Es kommt doch in erster Reihe darauf an, was man unter Religion versteht! Ich erlaube mir nämlich die Meinung auszudrücken, daß es auf dem Boden des Judentums einen Religionsunterricht, wie ihn Prof. Rein kennt, nie gegeben hat. Ich habe doch auch ein Cheder besucht und meinen Talmud studiert. Wurde ich da mit Katechismus und ähnlichem Krimskrams gequält? Keine Spur! Thora lernen, — ja, das war die Devise, das wird auch wohl von Herrn Stern zitierte Ussischkin mit seinem Wort: „Thora, Erez- Israel und hebräische Sprache" gemeint haben. Aber, glauben lernen, — ich erlaube mir den starken Ausdruck: So demoralisierend ist der echte jüdische Unterricht nie gewesen. Das ist christlich, das ist unjüdisch..... Daß aber das „Thoralernen", soweit als nur irgendwie mit dem weltlichen Charakter der Schulen vereinbar, auch in allen jüdischnationalen Schulen gepflegt wird, wird jeder, der sie kennt, ohne weiteres zugeben. Es liegt selbstverständlich in der Natur der Sache, da?> dieses Thoralernen in jeder Schule die Farbe von der Persönlichkeit der Lehrer und dem Milieu der Kinder tragen wird. Ein Beispiel für mehrere: In der vorn Herrn Stern berührten Jerusalemer Schule (gerneint ist das dortige Hebräische Gymnasium, das sich übrigens prächtig entwickelt) werden alle Thorafächer unterrichtet, wobei sowohl der Lehrer, als auch alle Schüler das Haupt bedeckt haben, während dies im Jaffaer Hebräischen Gymnasium nicht der Fall ist. Woher der Unterschied? Nun ganz einfach, weil der betreffende Jerusalemer Lehrer ein Rabbinerseminar absolviert hat und auch die Schüler einem Milieu entstammen, das in religiöser Beziehung ganz anders geartet ist als das Jaffaer. Rein pädagogisch tauchen hier Fragen auf, die von Fernstehenden nicht a priori beantwortet werden können, weshalb man von ihnen eine gewisse, Zurückhaltung verlangen könnte. Es wäre hier auch an das vom Herrn Stern bereits erwähnte Sektenwesen und se'nen Einfluß auf den Religionsunterricht zu erinnern. Daß aber auch bei uns Nationaljuden das diesbezügliche Geistesleben noch lange nicht uniformiert ist und es auf diesem Gebiete— seit Matmonides — die verschiedensten Ansichten und Überzeugungen gegeben hat und nicht alles mit einer Schere zu scheren ist, wird dem Tieferbückenden nicht entgehen. Sterns Kardinalfehler ist es, daß er eine gojische Betrachtungsweise bezüglich des Religionsunterrichts auf das Judentum überträgt, und sein zufälliger Irrtum ist es, daß er die nationalen Lehrer Palästinas mit den Bremer Lehrern verwechselt. Nur so ist es zu verstehen, daß er gegen den Ersatz des Religionsunterrichts durch Moralunterricht ankämpft, — ein reiner Kampf mit Windmühlen, da doch kein palästinensischer Lehrplan nationaljüdischer Schulen einen Moralunterricht aufweist. KONGRESS'AUSGABE DER „WELT" Die Kongreß-Ausgabe der „Welt" wird insgesamt fünf Nummern umfassen. Der Bezugspreis beträgt: Für Deutschland.....1.70 Mark, \ Für Holland.......1.20 Hfl. „ Österreich-Ungarn . . . 2.— Kronen, . „ Vereinigte Staaten . . . 0.50 Dollar, Rußland . . Großbritannien 2.— 1.— Rubel, 2/2 ShilL, für alle übrigen Länder . 2.50 Francs. Bestellungen werden nur gegen Voreinsendung des Betrages entgegengenommen. Der Bezugspreis kann auch in Briefmarken eines jeden beliebigen Landes entrichtet werden. Gesinnungsgenossen, welche größere Aktionen zur Gewinnung von Abonnenten für die Kongreß-Ausgabe der „Welt" zu unternehmen beabsichtigen, erhalten von uns die nötigen Drucksachen (Prospekte, Bestellkarten, Erlagscheine und Plakate) kostenlos in beliebiger Anzahl geliefert. Verlag „DIE WELT" Köln a. Rh., Karolingerring 31. : o i O i o f —o (□□□□□□ « a--n £5=^ FEUILLETON -^32 V — —o II D □ □ O □ D jj O I Schir-Haschirim Aus einem gleichnamigem Roman von Scholern Aleichem (Aus dem Manuskript übersetzt)*) XI Und nun bin ich wieder einmal in meiner alten Synagoge und bete zusammen mit den alten bekannten Baale-Batim und lausche dem Gebetsvortrage desselben Chason, der die gleichen Melodien wie früher anstimmt, Die Gemeinde betet warmherzig und inbrünstig in derselben Weise wie früher. Auch ich bete mit der Gemeinde. Meine Gedanken weilen aber gar nicht bei *) Vgl. „Welt", Nr. 19, 20. den Worten des Gebets. Ich schlage mein Gebetbuch auf, und, — ich kann nicht dafür — auf dem Blatt, das ich aufgeschlagen habe, erblicke ich das 4. Kapitel des Schir-Haschirim: „Du bist schön, meine Traute, du bist schön, deine Atigen wie Tauben" . . .Ich möchte mit der Gemeinde beten, wie ich vor Jahren zu beten pflegte. Allein das Beten will mir nicht recht von statten gehen. Ich schlage ein Blatt um das andere in meinem Gebetbuche auf, und — ich kann nicht