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Die Welt · 1911-05-26 · 21 (26.5.1911) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 21 DIE^ELT 487 nationalistische bezeichnet habe. Die Behauptung, daß einige unserer Pariser Kandidaten nicht einmal der israelitischen Kultusgemeinde angehören, ist nur dazu angetan, in Deutschland die Auffassung zu verbreiten, als seien die betr. Herren konfessionslos, was aber durchaus nicht der Fall ist, weil es in Frankreich bekanntlich seit der Trennung von Kirche und Staat keine anerkannten Kultusgemeinden gibt und es jedem Juden freisteht, einer Kultusgemeinde anzugehören oder nicht. Diese offenbare Irreführung der öffentlichen Meinung in Deutschland kann nicht scharf genug gerügt werden; um so mehr, als zwei unserer Kandidaten sogar konservativer Richtung sind. Zur Charakterisierung der von Paris aus gegen uns betriebenen Agitation wollen wir hervorheben, daß unsere Bewegung in Deutschland bald als deutsch-nationalistische, bald als zionistische und, wenn es paßt,- als orthodoxe hingestellt wird, — alles lediglich zu dem Zweck, um diese Bewegung zu diskreditieren, die in Deutschend wie im Auslande erfreulicherweise immer weitere Kreise ergreift. 4. Es ist nicht wahr, daß wir die Vertretung der ottomanischen Judenheit im Comite Central in unserer Liste ausgeschaltet haben. Wahr ist vielmehr, daß wir an Stelle des von Pjris aufgestellten Herrn Isaac Fernanden das Mitglied des Kaiserlich-Ottomanischen Senats Behor Effendi Aschkenazi in die Liste der Kandidaten aufgenommen haben. Diese von Paris aus in Deutschland verbreitete Behauptung geht darauf zurück, daß eine frühere, noch im Vorbereitungsstadium befindliche Kandidatenliste durch Indiskretion nach Paris übermittelt wurde. Die Herren in Paris haben es nicht einmal für nötig gehalten, uns anzufragen, ob die ihnen zugegangene Liste bereits als feststehend zu betrachten sei. 5. Wenn uns zum Vorwurf gemacht wird, daß wir zwei von Paris vorgeschlagene deutsche Kandidaten in Süddeutschland abgeschlagen haben, so haben wir wiederholt erklärt, daß wir uns zu diesem Schritt durchaus nicht aus persönlichen, sondern aus prinzipiellen Gründen genötigt gesehen haben. Diese Berichtigung war unerläßlich, um zu verhüten, daß die deutsche Judenheit durch wahrheitswidrige und böswillige Mitteilungen über den Gang des gegenwärtigen Wahlkampfs fernerhin getäuscht wird.41 Die Stimmung in Holland Das holländische Alliancekomitee hat an die Pariser Zentrale folgendes Schreiben gerichtet: Amsterdam, den 10. Mai 1911. Werte Herren! In den letzten Tagen hat unser Komitee mehrere Veröffentlichungen des deutschen Komitees erhalten, die bezwecken, die Wiederwahl des Herrn S. Reinach als Mitglied des Zentralkomitees zu verhindern. Wir sind aufgefordert worden, uns dieser Bewegung anzuschließen. Herr Dr. Dünner, Oberrabbiner von Amsterdam und Ehrenpräsident unseres Komitees, hat uns gleichfalls einen offiziellen Brief geschrieben, in welchem er uns mitteilt, daß die Wiederwahl des Herrn Reinach die schwersten Folgen für die Alliance in den orlhodoxen Kreisen herbeiführen würde. Wir halten es für ratsam, Ihre Aufmerksamkeit auf diese Tatsachen zu lenken, indem wir hinzufügen, daß selbst die liberalen Israeliten in unserm Lande derselben Ansicht sind, daß nämlich die Veröffentlichungen des Herrn Reinach und seine Prinzipien in beziig auf das Judentum mit der Leitung einer Alliance Israelite unvereinbar sind, wobei sie die Verdienste des Herrn Reinach als Gelehrten und Philosophen voll anerkennen und durchaus zugeben, daß die religiösen Ansichten im Privatleben niemanden, wer es auch sei, vom Zentralkomitee ausschließen dürften. Unser Komilee ist also der Ansicht, daß die Aufrechterhaltung der Kandidatur des Herrn Reinach, ob er nun wiedergewählt würde oder nicht, eine große Gefahr für die Alliance heraufbeschwören wird, während der Friede wiederhergestellt werden könnte, wenn diese Kandidatur zurückgezogen würde. Verzeihen Sie, daß wir Ihnen unsere Meinung offen geschrieben haben; indem wir sie Ihnen mitteilten, war das Interesse für unsere Alliance unser einziger Leitstern. Genehmigen Sie, meine werten Herren, die Versicherung unserer vollkommenen Hochachtung. (gez.) D. E. Lioni, Schriftführer; * * * Der „Jewish Chronicle" unterzieht die Vorgänge in der Alliance Israelite Universelle folgender Betrachtung: Am 4. Juni finden die Neuwahlen in das Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle statt. Ein sehr starker und, wie wir glauben, gesunder Widerstand zeigt sich gegen die Kandidatur des Herrn Salomen Reinach für die Wiederwahl zum Vizepräsidenten. Dieser wohlbekannte Herr hat für das Judentum und die jüdischen Dinge eine Antipathie, wie sie nur jemand besitzen kann, der für unser Volk und unsere Religion keine Sympathie fühlt..... Herr Reinach hat sicherlich das Recht, eine Meinung zu haben, zu äußern und auch i n propagieren, wenn er sie nur ernst und aufrichtig glaubt, was ja zweifellos der Fall ist.. Aber durch solche Ansichten begibt er sich des Anspruches auf eine leitende Stellung in einer Organisation, der die Erziehung von ungefähr 4-0,000 jüdischen Kindern anvertraut ist. Man kannte vielleicht einwenden, da(3 Herr Reinach die Erziehung dieser Kinder weder direkt noch indirekt beeinflußt. Das können wir aber nicht zugeben angesichts der ernsten Beschwerden über die assimilatorischen Tendenzen, weiche sich in vielen Allianceschulen zeigen. Es; ist unmöglich zu glauben, daß Lehrer, welche ja doch nur Menschen sind, sich in ihren Meinungen und Unterrichtsmethoden midit bis zu einem hohen Orade den Grundsätzen ihrer Brotherren anpassen sollten. Es ist durchaus inkonsequent, daß eine Organisation wie die Alliance an die Spitze ihrer Leitung einen Mann stellen soll, der sich zu Ansichten bekennt, die man nur als anti-jüdisch bezeichnen kann. Main stelle sich vor, daß die gesamte Leitung der Alliance von seinem Ansichten beseelt wäre. Was wäre das dann für eine jüdische Institution? Die Tätigkeit des Herrn Reinach ist wertvoll. Seine engen Beziehungen zur französischen Regierung sind ebenfalls wertvoll, obgleich wir nicht zweifeln, daß seine engen Beziehungen zur Aliiaticcce ihm ebenso nützlich bei der Regierung sind wie umgekehrt. Jlan darf aber keines dieser Momente berücksichtigen, wenn es sich um einen Mann handelt, der Grundsätze energisch ablehnt, welche dem jüdischen Herzen teuer sind; der jüdische Bestrebungen und Hoffnungen verachtet und jüdische Zeremonien und Gebräuche verspottet. Je stärker und hervorragender sonst ein solcher Mairan ist, desto größer wird die Verpflichtung aller gut jüdisch Fühlenden, dafür zu sorgen, daß er nicht zu einer leitenden Stellung in der Alliance gelangt, deren Ziel es doch ist, daß jüdische Interessen von. Juden verteidigt und daß jüdische Kinder zu Juden erzogen werden sollen. Wir hoffen, daß Herr Reinach feinfühlend genug sein wird, von einem Wa.Iiikampf zurückzutreten, der, wie auch immer sein Ausgang sein Bnag, ihm keinen Ruhm bringen kann. Auf diese Weise würde er bei den kommenden Wahlen den Wählern eine leider notwendige Maßregel ersparen, zu der er sie sonst selbst zwingt. Einige Bemerkungen zu dem Aufsatze über die „religionslose" nationaljüdische Schule Von J. Feld mann, Jaffa Der Aufsatz des Herrn Baruch Stern: „Kann die nationaljüdische Schule religionslos sein?* in der Nummer 17 der „Welt", geht von einem Artikel Dr. Jakob Thons in der Palästinanummer desselben Blattes und von der Subventionierung einer Jerusalemer Schule aus, und es muß rühmend anerkannt werden, daß er sine ira et studio geschrieben ist. Ob es ihm auch gelungen ist, die Frage endgültig zu lösen? Ohne mich in eine Diskussion der von Herrn Stern angeregten pädagogischen Fragen einzulassen, möchte ich doch bemerken, daß er rnitt seinen Ausführungen die palästinensischen Schulen, die er vorneh imlich im Auge hat, fast garniert oder nur ganz nebenbei trifft, aus dem einfachen Grunde, we:l er sie nur vom Hörensagen kennt unt sich von ihrem wirklichen Wesen und den wirklichen Problemen, die sie in sich bergen, keine klaren und plastischen Anschauungen hat machen können. Herr Stern findet es beispielsweise für nötig, des Langen und Breiten düe hohe Bedeutung des Bibelunterrichts nachzuweisen, wobei er es, ganz überflüssiger Weise, nicht unterlassen kann, Paulsen zu zitieren. (St. ist überhaupt stark im zitieren). Hätte Herr Stern irgend eine Kenntnis von den palästinensischen Schulen, so würde er wissen, daß er mit alldem die offensten Türen einrennt, daS es keine jüdischnationale Schule gibt, der es nur auch einfiele, de-n Bibelunterricht aus dem Lehrplan auszumerzen. Ja, wäre es nicht in bester Absicht gemeint, es könnte geradezu beleidigend wirken, wenn er es für nötig hält, die nationaijüiischen Lehrer Pallästinas erst sich von einem Paulsen über das kostbarste und in jedem Sinne heiligste Buch des jüdischen Schrifttums belehren zu lassen! Auf welchem Buch sonst könnte das Auge eines nationaljüdisehen Lehrers mit Stolz und Enthusiasmus ruhen?

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