Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 21 (26.5.1911)
- Date
- 1911-05-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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hervorragendste Jude Konstantinopels, der kais. Senator Behor Effendi auf der deutschen Liste steht! Und nach Deutschland wird sogar berichtet, die D. C. G. habe Franzosen auf die Liste gesetzt, die nicht der jüdischen Gemeinde angehören, um so für Deutsche den Anschein zu erwecken, die neuen Pariser Kandidaten seien Dissidenten. Dabei weiß jedes Kind, daß in Frankreich seit der neuen Kultusgesetzgebung nur noch freie Gemeinden existieren, und daß die Zugehörigkeit zu ihnen mit dem Bekenntnis zum Judentum nicht das Geringste zu schaffen hat. Woher wußte man nun in Paris die Namen der vorgeschlagenen Kandidaten der D. C. G. lange, ehe die Liste definitiv feststand? Nur ein Spion kann sie nach den Ufern der Seine übermittelt haben, aber ein ungeschickter; denn er übermittelte eine unfertige Liste und hat nun auf dem Gewissen, daß Paris sich gegenüber vielen Leuten mit unrichtigen Behauptungen bloßstellt. Überhaupt hat Paris Pech. Sein „ehrlicher Makler" in Berlin war ein Herr Fischer aus Hannover. Er ist einem kleinen Kreis als Zionistenfresser ungefährlicher Art bekannt und hat wohl als solcher das Vertrauen des Zentralkomitees erworben. Dieser Herr tritt in Berlin als Friedensvermittler auf und lanciert zu gleicher Zeit einen Artikel gegen die D. C. G. in die Presse, dessen Färbung eine solche ist, daß man nach erfolgler Feststellung des Autors sich wohl hüten wird, weiter mit Herrn Fischer zu verhandeln. Wir wollen unsere Leser nicht weiter mit Einzelheiten ermüden, die wir nur angeführt haben, um zu zeigen, mit welchen Mitteln man in Paris den Wahlkampf führt. Erfolg wird trotz alledem seiner Liste hoffentlich nicht beschieden sein. Sie bedeutet den Sieg des Unjüdischen, Unaufrichtigen, des Strebens nach hohler Assimilation und ungestörter Selbstherrlichkeit. Aber selbst wenn die Pariser Liste siegen sollte, würde das keine endgültige Niederlage des Reformstrebens bedeuten. Es wäre nur des Dramas erster Teil geendet! Und Herr Reinach wird sich der Worte Zolas aus der „Affaire" erinnern: „La verite est en marche et rien ne Farretera!" Eine Ailianceversammlung in Basel Ein Geständnis des Herrn Bigart In Basel hat Montag Abend eine Versammlung der Alliance stattgefunden. Der Sekretär des Pariser Zentralkomitees Herr Jacques Bigart sprach in der Synagoge vor einem zahlreichen Publikum. Er verteidigte die Pariser Leitung und trat für die Wahl Reinachs zum Vizepräsidenten der Alliance ein. War schon die Veranstaltung einer öffentlichen Versammlung durch die Alliance ein Novum, so brachte der Abend auch dadurch eine völlig neue Erscheinung, daß sich eine starke und kräftige Opposition zeigte. Die Herren Rabbiner Dr. Cohn-Basel, Dr. Camille Levy-Biel, Dr. Pinkus-Zürich, Moritz Levy-Liestal und Dr. Yahuda- Berlin wandten sich gegen die Ausführungen Bigarts und erzielten, daß sich die Stimmung! der Versammlung sehr entschieden gegen Reinach wandte. Im Laufe der Debatte ereignete sich eine eigentümliche Szene. Von Dr. Yahuda in die Enge getrieben gestand, Heir Bigart unter großer Erregung der Anwesenden, daß er selbst mehrere Exemplare des „Temps" und des „Figaro", in welchen sich Berichte über die bekannte Rede des Präsidenden Leven gegen den Zionismus befanden, an türkische Parlamentarier nach Konstantinopel gesendet habe. Herr Bigart fiel übrigens mit seinemSchlußwort ab, das völlig eindruckslos blieb, weil er keinen der gegen das Pariser Zentralkomitee erhobenen Vorwürfe entkräften konnte. Vor dieser Versammlung hatte eine Sitzung des Schweizer Alliance-Komitees stattgefunden, an welcher 17 Delegierte teilnahmen. Sekretär Bigart erstattete das Referat im Sinne der bekannten Entschließungen der Pariser Zentrale. Dr. Yahuda-Berlin widerlegte die Ausführungen Bigarts und vertrat die Beschlüsse und den Standpunkt der Deutschen Konferenzgemeinschaft. Ihm schlössen sich die Herren Dr. Littnian-Zürich und Bloch-Mühlhausen an. Eine Resolution zu Gunsten Reitiachs gelangte nicht zur Annahme. Die Delegierten beschlossen, die Entscheidung den Wählern zu überlassen. * * In dem bekannten, von Herrn Bigart mitunterzeichneten Schreiben der Alliance an den Präsidenten der E. A. C. Herrn Wolffsohn vom 3. März 1^11 wird beteuert, daß die Alliance, wie auch immer ihre Stellungnahme in der Frage des Zionismus gewesen sei, „nicht den geringsten Versuch gemacht habe, seine Tätigkeit zu durchkreuzen." Niemals habe irgend eine Zeitung, irgend ein Schriftsteller in der Türkei von ihr irgend eine Parole erhalten. („Welt" 1911, Nr. 15, S. 335). Wenn Herr Bigart Wert darauf legt, weiterhin im jüdischen öffentlichen Leben, in dem immerhin gewisse moralische Normen gelten, eine Rolle zu spielen, so wird er nicht umhin können, den Gegensatz zwischen diesen Beteuerungen und den von ihm in Basel eingestandenen Tatsachen aufzuklären. Eine Erklärung der Deutschen Konferenzgemeinschaft Die Deutsche Konferenzgemeinschaft versendet folgende Erklärung: „In verschiedenen jüdischen Zeitungen gelangte eine aus Berlin herrührende Korrespondenz zum Abdruck, in der über den Wahlkampf zwischen dem Comite Central der Alliance in Paris und der Deutschen Konferenzgemeinschaft einige Mitteilungen gemacht werden, die geeignet sind, die Leser über die wahre Sachlage irrezuführen, und daher einer Berichtigung bedürfen. 1. Es ist nicht richtig, daß die ganze Aktion gegen Paris nur unter Leitung der Herren Geheimrat Landau und Dr. Yahuda geführt wird. Eine ganze Reihe von Mitgliedern des hiesigen Lokalkomitees beteiligt sich ununterbrochen in gleicher aufopferungsvoller Weise an unsern Sitzungen und Beratungen über die schwebende Wahlfrage. 2. Es ist nicht richtig, daß Herr Dr. Yahuda das Amt eines Geschäftsführers der D. C. G. übernommen hat. Wahr ist nur: daß unser bisheriger Geschäftsführer seine Demission aus dem Grunde eingereicht hat, weil ihn seine beruflichen Pflichten daran hindern, das ihm von uns anvertraute Amt mit der Energie zu versehen, die die jetzige Zeit erfordert. 3. Es ist nicht wahr, daß wir in Paris Zionisten als unsere Kandidaten aufgestellt haben. Wie uns versichert wurde, gehört kein einziger unserer Kandidaten der zionistischen Partei an. Eine grobe Unwahrheit ist es, wenn gesagt wird, unsere Pariser Kandidaten behaupten, wir hätten ihre Namen mißbraucht. Wir haben keinen einzigen von diesen Kandidaten ohne vorher erngeholte ausdrückliche Einwilligung aufgestellt. Wahr ist nur: daß einer unserer ■ranzösischen Kandidaten, der eine hohe soziale Stellung einnimmt und von guter, treuer jüdischer Gesinnung ist, auf Betreiben des Sekretärs der Alliance, Herrn Bigart, sich gedrängt fühlte, uns gegenüber sein Bedenken gegen seine Kandidatur auszusprechen, weil der Herr Sekretär ihm unsere ganze Aktion als eine deutsch-