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Die Welt · 1911-05-26 · 21 (26.5.1911) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Xo. 21 DIE S^ELT Wir können also keineswegs eine so große Verantwortung auf uns nehmen und Herrn Reinach ein Mandat übertragen, das auch die ganze nichtjüdische Welt als Vertrauensvotum der gesamten Judenheit für ihn ansehen muß, da die Mitglieder des Zentralkomitees von den Juden in allen Erdteilen gewählt werden. Auch unser großer Cremieux war ein aufgeklärter liberaler Jude. Aber er fühlte sich voll und ganz mit der gesamten Judenheit solidarisch ohne Rücksicht auf die religiöse Richtung des einzelnen. Und mit welcher glühenden Begeisterung spricht er von dem „antiken Volk", von dessen Lehren und Überzeugungen! Gerade wegen seines L;beralismus und seiner Toleranz in religiösen Fragen hat er in der Erhaltung unseres Volks, in der Verteidigung unserer Lehren und Überzeugungen seine vornehmste Pflicht gesehen. Sehr befremdend wirkt auf uns die Bemerkung unseres Herrn Präsidenten, daß Herr Reinach Mitbegründer der I. C. A. ist. Wie uns bekannt ist, hat Baron Hirsch all ein das ganze Kapital für die I. C. A. gestiftet, und bloß der Umstand, daß Herr Reinach vielleicht in seiner Eigenschaft als Mitglied des Aufsichtsrats die Stiftungsurkunde mitunterzeichnet hat, dürfte unserer Ansicht nach kein genügender Grund sein, Herrn Reinach als Mitbegründer der I. C. A. anzusehen. Unsere bisherigen Darlegungen dürften Ihnen, sehr geehrte Herren, zeigen, wie begründet unsere Beanstandung des weitern Verbleibens des Herrn Reinach im C. C. ist. Wir möchten aber Ihre Aufmerksamkeit noch auf einen andern Gesichtspunkt lenken. Wir fragen uns: Was bestimmt denn Herrn Reinach, einen so regen Anteil .an der Leitung einer Gesellschaft zu nehmen, die ihrem ganzen Charakter und innern Wesen nach Ziele von ausgeprochen jüdisch-religiösen Tendenzen im Auge hat, Ziele, gegen die Herr Reinach schon seit Jahren mit geradezu blindem Fanatismus ankämpft? Wie kann es Herr Reinach der jüdischen und auch nichtjüdischen Öffentlichkeit gegenüber rechtfertigen, daß er an der Spitze einer Institution steht, deren Bestrebungen dahin gehen, unsere Glaubensgenossen im Geiste des Judentums zu erziehen, trotzdem er wiederholt erklärt hat: Judentum bedeute für ihn keine Religion, und daß die jüdische Religion in dem Sinne, wie sie von dem größten Teil unseres Stammes aufgefaßt wird, in unserem aufgeklärten Zeitalter keine Existenzberechtigung mehr habe? Wir fragen /uns weiter, wie kann es Herr Reinach mit seinen eigenen Überzeugungen vereinbaren, Schulen zu leiten, in denen ganze Generationen in einem Geiste erzogen werden sollen, der den schärfsten Widerspruch seinerseits herausfordern müßte? Da wir nun Herrn Reinach nicht in die Reihe jener Männer stellen, die eine „doppelte Wahrheit" kennen und nach zwei einander widersprechenden Überzeugungen handeln, so bleibt uns auf alle diese Fragen nur eine Antwort übrig: Herr Reinach ist ein erklärter Feind aller überlieferten Religionen und betrachtet es als seine Aufgabe, die nach seiner Ansicht noch zurückgebliebene fanatische Welt aufzuklären und eines bessern zu belehren. Von diesem Eifer durchdrungen würde Herr Reinach gewiß ebenso gut den Kampf gegen andere überlieferte Religionen aufnehmen, würde, man es ihm nur ermöglichen, seinen „Aufklärungskampf" von einer prominenten Stelle aus zu führen. Glauben Sie, sehr geehrte Herren, daß etwa Katholiken, Mohammedaner und selbst freidenkende Protestanten auch nur einen Augenblick einen Mann mit solchen missionarischen, ihren Überzeugungen zuwiderlaufenden Tendenzen an der Spitze ihrer Schulvereine dulden würden? Sollen wir nun einem solchen Mann an der Spitze unserer Gesellschaft, die 160 Schulen mit ihren 40000 Schülern zu leiten hat, die prominenteste Stellung einräumen, von der aus er am wirksamsten seine Mission ausüben kann? Wollen Sie, sehr geehrte Herren, die Verantwortung dafür übernehmen? Daß man uns ja nicht vorwerfe, wir hätten uns in unserer Stellungnahme gegen Herrn Reinach von sogenannten orthodoxen Motiven leiten lassen! Es gehört eine vollkommene Verkennung oder eine absichtliche Mißdeutung der Sachlage dazu, um unserm Vorgehen gar „klerikale" Tendenzen zu unterschieben. Unter den Mitgliedern der D. C. G. sowie unter der überaus großen Zahl von Glaubensgenossen, die mit uns in dieser Frage einig sind, gibt es Vertreter und Verfechter des äußersten Liberalismus im Judentum, und wir müssen es als Tatsache erwähnen, daß die erste Anregung zur Ablehnung des Herrn Reinach von liberaler Seite ausgegangen ist. Denn wenn auch die Liberalen nicht in jeder Hinsicht mit den Vertretern strengster Observanz im Judentum einverstanden sein können, — darin sind aber Liberale wie Konservative unbedingt einer Meinung, daß nämlich das Judentum in seinen Grundprinzipien erhalten bleiben muß, und daß das Judentum in religiöser und ethischer 485 Hinsicht noch Kraft und Leben besitzt, um die Menschheit zu jenem religiösen und sitzt liehen Ideal zu erziehen, für das wir Juden schon seit vielen Jahrhunderten kämpfen und bluten. Und wenn wir alle, Liberale wie Konservative, in unserm jetzigen Kampfe uns die Hände reichen, so geschieht es eben deshalb, weil wir den unerschütterlichen Wunsch haben, daß unsere Alliance für die Stärkung, Vertiefung und Verbreitung der großen religiösen und sittlichen Ideale wirke, die wir von unsern Vorfahren als heiligstes Vermäch'nis erhalten haben. Wir bedauern aufrichtig;, daß Sie, sehr geehrte Herren, uns durch Ihre Haltung gezwungen haben, uns in einen so scharfen Gegensatz zu Ihnen zustellen. Aber wir halten es für unsere Pflicht, den Versuch zu machen, durch unsere Dailegungen das Zentralkomitee zu überzeugen, daß es seine bisherige Stellungnahme aufgibt. Wir sind entschlossen, unsern Standpunkt aufs äußerste zu verteidigen in der festen Überzeugung, daß wir schon jetzt einen großen Teil unserer Glaubensgenossen auf unserer Seite haben und daß sich bald die ganze jüdische Öffentlichkeit uns anschließen wird. Mit ausgezeichneter Hochachtung Daß Präsidium der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft. Max Fuchs, Professor Dr. L. Landau, Justizrat und Notar Geheimer Medizinalrat. Diesem Schreiben, das auf die willkürliche Handhabung der Wahl seitens des Zentralkomitees ein neues Schlaglicht wirft, ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Wir möchten uns nur noch eine Frage gestatten: Was sagen eigentlich die französischen Rabbiner zu diesen Auseinandersetzungen? Wohnen sie den Sitzungen des Zentralkomitees in Paris bei? Man versichert uns aus guter Quelle, daß sie seit Wochen des Mutes besseren Teil, die Vorsicht, wählen und sich fern vom Schuß halten. Es wäre wahrlich hohe Zeit, daß sie endlich aufhörten, die gekreuzten Hände auf dem Schilde der Alliance mit gekreuzteBi Armen zu verwechseln! Sie bedeuten Schutz für die Gesetzestafeln. Immerhin kann man Levens Standpunkt, der einen alten Kollegen halten iwiLl, verstehen, wenn auch nicht billigen! Aber da ist ein zweiter Streiter auf der Walstatt erschienen, dessen Verhallten den schärfsten Widerspruch herausfordert. Kein anderer als der treffliche Herr Bigart, der Sekretär der Alliajice. Nicht nur, daß er seine Pflicht zur Objektivität aJs Beamter schmählich hintenansetzt, indem er sich in aufdringlicher Weise in den Kampf mischt, nein, er bedient sich auch solcher Mittel, daß die Konferenzgenieinschaft gezwungen war, sich beschwerdeführend an Herrn Leven zu wenden. Einer der französischen Kandidaten der Konferenzgemeinschaft ist ein höherer Offizier. Was tut Herr Bigart? Er versucht iiiin von. der Liste zu bringen, indem er ihm berichtet, dem Vorgehen der D. C. Q. liege deutscher Nationalismus zugrunde. Und diese grobe Unwahrheit hindert ihn nicht, wieder anderswohin zu erklären, die ganze Walilbewegung gehe von Zionisten und Orthodoxen aus. Man sieht, er ist auch ein Diplomat. Um uns mit Lessing li-öflich auszudrücken, nennt man das „corriger la fortune". Überhaupt, was wird in diesem Wahlkampf von Paris aus gelogen! So wird behauptet, die D. C. G. habe die Juden des Orients nedhllos gemacht, indem sie den einzigen Vertreter der Alliance, Herrn Fernandez, von der Liste gestrichen habe. Das letztere ist nun zwar wahr und sehr erfreulich, denn über Herrn Fernandez und seine Wirksamkeit ist sich die Öffentlichkeit längst klar. Verschwiegen aber wird, daß an seiner Stelle der

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