Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1911-05-26 · 21 (26.5.1911) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316458-3316482--54578-3348275
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Griechen und Römer nicht kannten, und den das Christentum von der jüdischen Bibel erbte(ü), so muß man andrerseits das Gefühl der Menschenwürde, der Nächstenliebe, der Gleichheit der Menschen vor Gott auf das Habenkonto setzen. „Bedankt soll er sein!u würde ein „rückständiger Jude" sagen, daß Herr Reinach der jüdischen Bibel wenigstens einige Verdienste zugesteht! Wenn man das liest und die Zitate mit der Erklärung Reinachs vergleicht, die gerade die ihn belastendsten Äußerungen ausscheidet, so staunt man doch über das angewandte Maß von Jesuitismus. Und da die Lehrer der Allianceschulen diesen Schriften den Eingang nicht wehren können, so sind 40 000 Kinder in Gefahr. Dieser wollen wir sie entreißen. Nun hat aber Reinach auch Beschützer gefunden, und zwar solche sehr verschiedener Qualitäten. Mit ihnen wollen wir uns ein wenig beschäftigen. Zunächst der greise Herr Leven. Er tritt für Reinach in einem Schreiben ein, in dem er ausführt, daß Reinach seit 26 Jahren dem Zentralkomitee angehöre, einer der Gründer der lea sei, große Intelligenz besitze und daß er seine persönlichen Ansichten nicht auf das Schulwerk der Alliance übertrage. Die Deutsche Konferenzgemeinschaft antwortete darauf folgendermaßen: Berlin, 15. Mai 1911. An das Comite Central der Alliance Israelite Universelle in Paris. Sehr geehrte Herren! In Beantwortung Ihres geschätzten Schreibens vom 4. Mai d. J. müssen wir Ihnen leider unser Bedauern darüber ausdrücken, daß die Sitzung des C. C. vom 3. d. M. nicht dazu beigetragen hat, die Wahlfrage in einem friedlichen, für die Interessen unserer Alliance förderlichen Sinne zu lösen. Wir stellen fest, daß das Comite Central den gerechten Forderungen der D. C. G. in keinem Punkt irgendwie Rechnung getragen hat. Aber damit nicht genug, hat das C. C. durcii die Streichung von drei deutschen Kandidaten aus der ursprünglich aus 36 festgesetzten Lisle uns von neuem den Beweis dafür geliefert, daß unsere Klagen über das Vorgehen der Zentralleitung nur zu sehr berechtigt sind. Wir müssen energisch dagegen protestieren, daß die Zentralleitung ohne Bedenken die Rechte der 13000 deutschen Mitglieder beeinträchtigt und die Zahl der deutschen Vertreter im C. C. um drei Stimmen gekürzt hat, b'.oß aus dem Grunde, weil die kurze Zeit bis zum Wahltermin eine Verständigung über drei neue Kandidaten nicht mehr gestatte. Nicht die D. C. G., sondern das Comite" Central hat den Wahltermin auf den 4. Juni festgesetzt und hielt trotz unseres nachträglichen Einspruchs an ihm fest. Wir erachten es daher für unbillig, daß nun gerade dieser Grund gegen uns angeführt wird. Wir wollen jedoch nicht noch einmal um Aufschub des Wahltermins ersuchen, da wir nach unsern bisherigen Erfahrungen auf keinen Erfolg rechnen könnten. Durch den Umstand, daß Sie, sehr geehrte Herren, es abgelehnt haben, unserm Wunsche entsprechend, für Herrn Reinach einen andern in Paris domizilierenden Herrn vorzuschlagen, und noch dazu drei deutsche Kandidaten gestrichen haben, sehen wir uns genötigt, die von uns bis jetzt beobachtete Zurückhaltung in bezug auf die Nominierung von Pariser Kandidaten aufzugeben. Wir werden daher auch andere in Paris wohnhafte Kandidaten vorschlagen, von denen wir annehmen, daß sie im Sinne der Prinzipien und Ziele der Alliance bestrebt sein werden, die Interessen des Judentums und unserer Glaubensgenossen zu wahren und zu fördern. Was nun die beiden von Paris vorgeschlagenen deutschen Kandidaten betrifft, so wiederholen wir noch einmal, daß wir ihre Nominierung nicht aus persönlichen, sondern nur aus prinz ipiellen Gründen abgelehnt haben. Wir geben der Erwartung Ausdruck, daß beide Herren unsern Standpunkt billigen und unserer Kandidatenliste zustimmen werden. Zum Beschluß der D. C. G. bezüglich der Wahlprüfung möchten wir bemerken, daß es uns nicht auf eine Vertretung beim Skrutinium in Paris ankommt. Was wir wünschen, ist, bei der Prüfung der aus allen Weltteilen in Paris einlaufenden Wahlzettel durch einige unserer Mitglieder vertreten zu sein. Wir halten die Erfüllung dieses Wunsches um so mehr für geboten, °.ds gerade diesesmal durch die Versendung von zwei verschiedenen Kandidatenlisten gewisse Komplikationen eintreten könnten. Die Gründl die für unsere Haltung in der Frage der Kandidatur des Herrn Reinach bestimmend waren, s'nd Ihnen aus dem Bericht über die letzte Tagung der D. C. G. bekannt. Wir würden es nicht für nötig erachten, noch einmal auf diese Frage zurückzukommen, wenn nicht der in Ihrem erwähnten Schreiben mitgeteilte Brief unseres Herrn Präsidenten an ein Mitglied des C. C. über Herrn Reinach von neuem hierzu Veranlassung gäbe. Wir bedauern außerordentlich, daß wir den Standpunkt unseres verehrten Herrn Präsidenten hierin nicht teilen können. Daß Herr Reinach bereits seit 26 Jahren dem C. C. als Mitglied angehört, ist für uns um so weniger ein Grund zur Aufrechterhaltung seiner Kandidatur, als seine 26jälirige Zugehörigkeit zum C. C. nicht einnnl vermocht hat, ihm eine richtige Vorstellung von den hohen Aufgaben, die unsere Religion und Sittenlehre noch immer zur Aufklärung und Veredlung der Menschheit zu erfüllen hat, b.izubringen. Sie vermochte auch nicht, ihm eine höhere Achtung vor dem größten Teil unserer Glaubensgenossen einzuflößen, die für ihre Religion und für ihre Traditionen in heldenmütigem Kampfe gegen Unterdrückung und Verfolgung ihr Gut und Blut opfern. In unsern Augen bedeutet es eine Verletzung der Pflichten der Alliance, wenn einer ihrer Leiter durch völlig unbegründete Anklagen Millionen von Juden wegen ihrer religiösen Über/.eugung in den Augen der gesamten nichtjüdischen Welt als rückständige Menschen hinstellt. Die Leiter und Vertreter der Alliance haben die Aufgabe, Juden zu verteidigen, nicht anzuklagen; haben die Pfiicht, Zwistigkeiten auszugleichen, nicht Zwietracht unter unsern Glaubensgenossen zu säen. Es muß zum Schaden der Allgemeinheit führen, wenn eine aggressive Stellung der Leiter zur Folge hat, daß jüdische Institutionen und Bewegungen — mögen sie unsere volle Zustimmung haben oder nicht — von der Alliance öffentlich und geheim bekämpft werden. Wir können zu einem Mann, der es offen als seine Pflicht bezeichnet, für eine Auffassung des Judentums zu kämpfen, die, wie unser Präsident bemerkt, weder von ihm noch vom C. C. geteilt wird, nicht das Vertrauen haben, daß er das Werk der Alliance in religiösem Geiste leitet. Wir können uns nicht denken, daß Leiter und Lehrer unserer Schulen Vorschriften eines Mannes respektieren, die von ihm selbst als dem Geiste der Aufklärung widersprechend hingestellt werden. Wir müssen vielmehr befürchten, daß durch den Zwiespalt in der innern Gesinnung und der Schultätigkeit nur eine Hypokrisie in unsern Schulen erzeugt wird, die für die moralische Erziehung der jüdischen Jugend im Orient von außerordentlicher Gefahr sein muß. Wir wünschen auch nicht Lehrer und Leiter an unsern Schulen, die wie Herr Reinach verächtlich über die jüdische Religion und die jüdischen Einrichtungen denken und sprechen, ihre Schüler aber zu einer Denkweise und Führung zwingen, die sie von ihrem Standpunkt in ehrlichem Freimut aufs er.ergischste bekämpfen müßten. Aber wir können uns auch keinen rechten Erfolg von der Intervention des Herrn Reinach für alle unsere Glaubensgenossen, namentlich nicht in östlichen Ländern versprechen, da er gerade die Juden jener Gegenden wegen ihrer religiösen Überzeugung ihren eigenen Verfolgern gegenüber als „rückständig" bezeichnet. Würden denn nicht unsere Feinde mit scheinbarem Recht seine eigenen Äußerungen als Waffe gegen ihn und uns benutzen? Schon wurden wir von russischer Seite — um einen aktuellen Fall zu erwähnen — darauf aufmerksam, daß bei dem jetzt in Rußland drohenden Kampf um den Sabbat die Gegner sich auf die Autorität des Herrn Reinach als Leiter der Aliiance berufen würden, der früher und jetzt neuerdings in seinem Propagandawerk „Orpheus" die Beobachtung des Sabbats für eine Rückständigkeit erklärt. Für uns unterliegt es keinem Zweifel, daß die Angriffe des Herrn Reinach gegen das Judentum und seine Anklagen gegen die Juden unter Umständen sehr gefährliche Konsequenzen nach sich ziehen'können. Und müßte 'es uns nicht schon unsere Würde verbieten, einen Mann an der Spitze unserer jüdischen Vereinigung zu sehen, dessen Äußerungen über Juden und Judentum dieselben sind wie die unserer Feinde und der Renegaten, die gern eine wissenschaftliche Begründung für ihren Abfall vorgeben?!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.