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Die Welt · 1911-05-26 · 21 (26.5.1911) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
21 (26.5.1911)
Date
1911-05-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 21 DiEl^ELT 483 In seiner Nummer vom 18. Mai schreibt der „Osmanische Lloyd" in einem Artikel „Der Zionismus" u. a. folgendes: „Bricht die falsche Vorstellung von den Zielen des Zionismus zusammen, — und sie wird verschwinden, wenn sie ihre Rolle im politischen Kampfe ausgespielt hat, — so werden selbst die Wortführer der Dienstagsdebatte kaum etwas Stichhaltiges gegen die Ansiedlung von Juden in Palästina und Syrien einwenden können. Denn in der Begründung jüdischer Turnvereine wird der Abgeordnete für Jerusalem doch nicht im Ernst ein Beweisstück für das nationalpolitische Ziel der zionistischen Bewegung erblicken wollen. Beide Vertreter der heiligen Stadt haben nämlich, wie auch Hafis Ibrahim Effendi, ehrlich anerkannt, daß die jüdischen Ansiedler in Palästina arbeitsam, sparsam und fortschrittlich sind und dem Lande durch ihre vortrefflichen Lehranstalten für Landwirtschaft und Industrie außerordentliche Dienste leisten. Sie stehen als Landwirte noch nicht auf der Hörxe der deutschen Kolonisten, deren Leistungen in jeder Beziehung als vorbildlich gelten können, und mit denen die Juden ihre Erfahrungen austauschen, wo ihre Farmen mit denen der Deutschen zusammenstoßen. Aber es wird heute doch anerkannt, daß die jüdischen Kolonisten weite Strecken Sumpf- und Sandboden für die Kultur gewonnen haben und als Wein- und Obstbauern Tüchtiges leisten. Der Ertrag ihrer Arbeit aber kommt mittelbar dem ganzen Lande zugute. Die Zionistendebatte am Dienstag hat gezeigt, daß nur ein kleiner Teil der Abgeordneten, nämlich die Vertreter einiger syrischen und palästinensischen Wahlkreise, von der nicht auf heimischem Boden erwachsenen, sondern zu politischen Zwecken aus der Fremde eingeführten Zionismusfurcht ergriffen sind. Die Mehrzahl der Abgeordneten scheint dagegen die Gefahr klar erkannt zu haben, die durch deren Verbreitung'heraufbeschworen werden kann, und Hafis Ibrahim Effendi aus Ipek dürfte wohl die Ansicht det* großen Mehrheit des ganzen Volkes zum Ausdruck gebracht haben, als er ausrief: „Wir haben eine Million Soldaten und sollen uns vor 100000 Juden fürchten?" Denn wie man sich auch zum Zionismus und seinen Bestrebungen stellt, zur Verwendung als Schreckgespenst eignet er sich nicht, und die Türkei hat keinen Anlaß, ihre Haltung gegenüber einer Bewegung zu ändern, die ihrem Wesen nach eine rein humanitäre ist und eine Verbesserung der landwirtschaftlichen Kultur des Landes mit sich bringt." Herr Reinach, seine Beschützer und die Alliancewahlen t Von Ben Aron Die Alliancewahlen haben allmählich eine tiefgehende Erregung in der gesamten jüdisch-denkenden Welt hervorgerufen. Die jüdische Presse nimmt fast ausnahmslos die Seite der Deutschen Konferenzgemeinschaft, und Herr Reinach hat sich böse Worte sagen lassen müssen. Sehr lebhaft befremdet ist man von dem zähen Festhalten des Verfassers des „Orpheus" an seinem Posten, und einzelne Blätter geben diesem wohl ziemlich allgemeinen Gefühl sehr deutlichen Ausdruck! Auch uns ist ein solches Verhalten völlig rätselhaft. Wir verstehen schon, daß ein Mann in langjährigem Ehrenamt sich nicht vor der Opposition irgendeiner politischen Richtung oder Klique beugt, sondern aufrechten Hauptes seine Prinzipien mit seiner Stellung verteidigt. Daß aber ein Mann, der doch bisher, abgesehen von der großen Blamage mit der Tiara des Saitaphernes, immerhin als ein Gelehrter von Ruf und als ein Mann von bürgerlichem Ansehen betrachtet werden muß, sich an eine politische Position trotz Gegnerschaft aus liberalem, und orthodoxem, zionistischem wie assimilatorischem Lager derart zäh anklammert, ist neu. Er kann ja unmöglich vermuten, daß er der berufene Beschützer von Prinzipien im Leben einer Organisation ist, die mit seinen eigenen Überzeugungen in schroffstem Gegensatz stehen. Verlegen fragt man sich, was Herrn Reinach eigentlich zu solchem Verhalten bestimmt! Oder will er seinen schönen Wahlspruch „ecrasons Tinfame" nicht nur auf das gläubige Judentum, sondern auch auf die Alliance beziehen? Er muß sich doch selbst sagen, daß im Falle eines Sieges der Opposition seine Stellung eine klägliche wird. Und daß, wenn er seinerseits gewählt wird, die Alliance Erschütterungen erleidet, von denen säe sich vielleicht in Jahren nicht erholen kann! Es gibt eben Leute, bei denen das Verantwortlichkeitsgefühl die merkwürdigsten Formen annimmt! Er hat denn auch die Notwendigkeit empfunden, sich der jüdischen Öffentlichkeit gegenüber zu rechtfertigen. Er tut dies in der folgenden geradezu klassischen Erklärung: „Ich habe gesagt, daß ich die Speisegesetze als Überbleibsel der Vergangenheit betrachte und daß ich die Emanzipation des Judentums fordere. Ich sagte dies mit vielen Einzelheiten in meinem Werke: „Cultes, Mythes et religions." Aber indem ich dieser Ansicht Ausdruck gab, habe ich sie niemals jemand aufdrängen wollen, und es ist Böswilligkeit, zu behaupten, daß ich die Jugend der Allianceschulen vom Judentum oder selbst der Ausübung seiner rituellen Vorschriften abziehen wollte." Diese Aufklärung hat uns geradezu erschüttert. Sie hat uns mit einem Male klar gemacht, daß der Vizepräsident der Alliance nicht nur ein guter Jude, sondern auch ein vorzüglicher Diplomat aus der SchuleTalleyrands ist. Er besitzt wie dieser sein Meister die Sprache, um die Gedanken zu verbergen. Er will die innere Emanzipation des Judentums, also doch der Juden, nur nicht derjenigen, die sich in den von ihm geleiteten Schulen befinden. Die will er dem gläubigen Judentum, dem „mythologischen", erhalten. Und das hat er nun bisher verschwiegen! Aus Diplomatie. Denn wenn man das beim Lesen seiner Schriften geahnt hätte, so wäre niemand auf den Gedanken gekommen, Herrn Reinach zu befehden. Und die Alliancelehrer wären vielleicht nicht in die traurige Lage des Herrn Ehrlich in Beyrouth gekommen, der in Gewissensnot sich an den Chacham Baschi gewendet und bei ihm angefragt hat, was er nun eigentlich seine Kinder lehren solle? Das überlieferte Judentum oder die Ideen des Herrn Reinach? Wofür man Herrn Ehrlich sofort entlassen und auf die Straße geworfen hat. Denn ein disziplinierter Lehrer hat nichts zu fragen. Er hat zu lehren, und zwar das, was man in Paris denkt, nicht was man sagt. Das lehrt uns Herr Reinach. Aber Scherz beiseite, Herr Reinach schätzt die „rückständigen Juden" doch noch viel niedriger ein, als sie es sind, wenn er sich von solchen Erklärungen Erfolg verspricht! Einstweilen gilt, was er ohne irgendwelche Vorbehalte geschrieben hat, jetzt aber wohlweislich verschweigt. Wohlweislich verhehlt er nämlich, daß er die Juden nicht nur für rückständig hält, weil sie die Speisegesetze beobachten, sondern auch, weil sie den Sabbat heiligen und an den Wert der Bibel glauben. So heißt es im Orpheus" pag. 303: „Noch heute bleibt der größte Teil der 1 1 Millionen Juden in dieser Hinsicht weit gegenüber den Christen zurück, da sie mit großer Strenge den Sabbat und die absurden Speisegesetze beobachten.'* Aber seine Herabwürdigung des Judentums gegenüber dem Christentum treibt noch herrlichere Blüten. Auf S. 163 a. a. O. heißt es: „Wenn das Studium der Geschichte, besonders seit dem Triumph des Christentums uns leider nur allzuviel Unglück und Verheerung als durch religiöse Unduldsamkeit in die Welt gekommen zeigt, als Folge jenes Fanatismus, den

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