Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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362 DIE3$KELT No. 15 geworfen. Nach vierjähriger erfolgreicher Tätigkeit stehen wir wieder auf unserm Posten, sind stärker und mächtiger geworden, und es wird darum unsern Todfeinden nicht gelingen, die jüdischen Massen durch Terrorismus von ihrem Willen abzulenken, sich ihre jüdischen, zionistischen Sachwalter im österreichischen Parlament zu wählen. Voll Mut und Hoffnung gehen wir in den Kampf. Der „Jüdische Klub" muß auch in dem neuen Parlament seine Stätte finden, weil in der jüdischen Bevölkerung sich schon die Überzeugung eingelebt hat, daß auch sie gleich allen andern Nationen in Österreich im Parlament ihren getreuen, redlichen und eignen Sprecher haben muß. Bei den kommenden Wahlen wird die galizische Judenschaft, so wie vor vier Jahren, unerschrocken kämpfen für den Sieg der jüdischnationalen Idee und wird alle Kraft anstrengen, damit auch im neuen Parlament ein starker „Jüdischer Klub" entstehe. Das Zentralkomitee der galizischen Zionisten. Landtagswahlen in der Bukowina Am 7. April hat der zweite Wahlgang zur Besetzung des Landtagsmandats Czernowitz (Stadt) stattgefunden. Es war ein äußerst heftiger Kampf, der resultallos verlief. Dr. Weißelberg (Jüdische Nationalpartei) erhielt 5272, Skedl (Deutschnational) 4108 und Professor Dr. Leon Kellner (Jüdische Volksratspartei) 4372 Stimmen. Da keiner der Kandidaten die absolute Majorität erlangt hatte, ist eine Stichwahl erforderlich. Dieselbe wird am 26. April stattfinden. Handel mit Schänkerkonzessionen Wir hatten über den Beginn des Ehrenbeleidigungsprozesses berichtet, den die polnischen Abgeordneten Wioncek und Fiedler gegen Moses Kanarek anstrengten, der ihnen vorgeworfen hatte, daß sie jüdischen Schänkern gegen gute Bezahlung, Konzessionen vermittelten. Dieser Korruptionsprozeß, der in Tarnobrzeg durchgeführt wurde, nahm am 6. April ein unerwartetes Ende. Nach verschiedenen Konfrontationen, bei denen die als Zeugen geführten Schanker ihre Aussagen gegen die Abgeordneten Wioncek, Fiedler und Paduck aufrecht hielten, trat der Richter den Akt wegen widersprechender Zeugenaussagen an die Staatsanwaltschaft zu Rzeszow ab, ohne ein Urteil zu fällen. Da diese Entscheidung somit den Fall nicht abschließt, so können die drei edlen Polen wiedergewählt werden. Ausweisung russischer Juden Zwölf jüdische Familien aus Rußland, die seit mehreren Jahren in Sereth (Bukowina) wohnten und sich von ihrer Hände Arbeit redlich ernährten, wurden jetzt ohne jedweden Grund von dort ausgewiesen. Bemerkenswert ist, daß einige der ausgewiesenen Familien gerade jetzt Schritte unternommen hatten, das österreichische Bürgerrecht zu erlangen. Die Lemberger Gemeinderats wählen und die Juden Das Skrutinium für die Wahlen in die Lemberger Stadtgemeinde ist nach mehrwöchentlicher Arbeit nunmehr beendet. Das Resultat bedeutet für die Assimilationsjuden eine schimpfliche Niederlage. Diese Wahlen, die unter der Parole „nur keine Juden" geführt wurden, brachten die Juden um die Hälfte ihrer Mandate und bewiesen klar, daß diese Stadt ganz unter dem Einflüsse der offenen und versteckten Judenfeinde steht und von ihnen beherrscht wird. Sogar das Mandat des Rabbiners Dr. Karo, das bereits zur Tradition gehörte, gng jetzt verloren. Einen Todesstoß erlitten aber die Judenpolen. Trotzdem sie während des ganzen Wahlkampfes versicherten, daß sie gute Polen seien und daß es sich ihnen lediglich um die Wahrung des polnischen Charakters der Stadt Lemberg und um die Erhaltung des polnischen Besitzstandes in der Gemeinde den Ruthenen gegenüber handle, wurden sie von allen polnischen Parteien bekämpft und ihre Stützen Dr. Löwenstein und H. Feldstein zu Falle gebracht. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Wahlausgang die Judenpolen zur Besinnung bringen wird. Die Gelegenheit ist infolge der Auflösung des Parlamentes und der bald stattfindenden Neuwahlen bereits geboten. Brief aus Rumänien (Von unserm Berichterstatter.) Die politische Lage Die abgeschlossene Wahlkampagne hat für die Juden nicht viel neues, also auch nichts gutes gebracht. Wie dies schon üblich, hatten die verschiedenen Parteien einander gegenseitig beschuldigt, von den Juden gekauft zu sein, die Juden schützen zu wollen, und was dergleichen Argumente mehr sind. Wenn auch kein einziger der 28. Kandidaten der antisemitischen Partei gewählt wurde, so ist doch die Zusammensetzung der neuen Kammer nicht darnach angetan, uns viel hoffen zu lassen. Herr Carp, der Chef der Regierung, den ich in meinem letzten Brief als einen wenigstens halbwegs gerechten Mann bezeichnete, hat in einem Gespräch mit einem Redakteur des Pariser „Figaro" das Unrecht in der Behandlung der Juden zugegeben und eine Besserung in Aussicht gestellt Seine Ministerkollegen aber sind durchaus nicht seiner Meinung und sie beeilten sich, das Interview in öffentlichen Versammlungen zu dementieren. Der Minister des Innern ließ sogar im Verlaufe der Wahlkampagne ein Flugblatt in einer Auflage von hunderttausend Stück herstellen und durch die Behörden verbreiten, auf dem Run änien als eine Frau abgebildet wird, die von den als Rabbiner verkleideten Oppositionsführern geschächtet worden ist. In der Kammer wurde dann der Minister über diese Ritualmordpolitik interpelliert. Er antwortete, daß in Wahlzeiten vieles erlaubt sei. Es ist also wenig Grund für eine optimistische Auffassung unserer Lage. Kulturdokumente Die hier folgenden Erlässe ruhten in den Archiven einiger Dorfgemeinden. Sie wurden jetzt durch verschiedene Zeitungen vor dem Schicksal des Vermoderns gerettet. Sie lauten: Königreich Rumänien, Landesbezirksamt Falciu Nr. 8231, 5. Oktober 1909. An die Herren Bürgermeister der Gemeinden: Podoleni, Cozmesti und Palines Ich beehre mich Ihnen bekannt zu geben, daß ich Herrn Haim Faibowici, Kaufmann aus Husi, die Erlaubnis erteilt habe, sich in die obengenannte Gemeinde zu begeben, um seine Weine, die er bei dortigen Bauern lagern hat, abzuholen. Es ist ihm nicht erlaubt, anderweitige Geschäfte zu machen, noch sich längere Zeit in diesen Gemeinden aufzuhalten. Der Preis, den er für Weine bezahlt, beträgt Frcs. 2.7o bis Frcs. 3.—. Wenn Ihnen dieser Preis zu niedrig erschein^,i sollte, so wollen Sie den Bauern erklären, welchen Wert die Weine in Anbetracht der diesjährigen minimalen Weinproduktion sowie deren guten Qualität besitzen. Die Herren Bürgermeister wollen den Tag, an welchem der Fremde den Boden Ihrer Gemeinde betreten hat, auf seinem Erlaubnisschein notieren. Für den Präfekt: gez. Const. Denescu; für den Direktor: gez. St. Vereanu. Königreich Rumänien, Landesbezirk Falciu Nr. 3493, 17. Mai 1910. Geehrter Herr Administrator! Auf Grund der unter Nummer 4980 einregistrierten Bittschrift teile ich Ihnen mit, daß ich Herrn Aron Ferdinand aus Husi hiermit die Erlaubnis erteile, sich auf das Gut Hartopu, Gemeinde Lunca Banului zu begeben, um nach seiner auf der Weide des genannten Gutes grasenden Viehherde zu sehen. Der Bittsteller ist Besitzer des Identitätsscheins Nr. 122080, herausgegeben von der Gemeicde Husi. Personenbeschreibung: Statur mittel, Haar und Augeribraunen schwarz, Augen rehbraun, Nase und Mund gewöhnlich, Bart rasiert, Gesicht oval, besondere Kennzeichen: keine. Der Genannte ist verpflichtet, bei Betreten des Gemeindebodens vorerst auf dem Gemeindeamte Lunca Banului vorzusprechen, um seine Papiere vidieren zu lassen und den Zweck seines Besuchs in der Gemeinde anzuzeigen. Der Bürgermeister wird auf dem Erlaubnisschein das Datum seiner Ankunft anführen. Ich ersuche Sie, Ihrerseits den Gendamerieposten präzise Befehle zwecks Aufsicht des Genannten während seines Aufenthalts in der Gemeinde zu erteilen, damit derselbe nicht länger dort verweile, als dies zur Besichtigung seiner Viehherde notwendig ist. Es soll darauf geachtet werden, daß der Genannte nicht mit den Dorfeinw\>hnern in Berührung kommt und sich dort nicht länger aufhält, als er zur Rast braucht. Wollen Sie den Gendarmerieposten sämtliche Einzelheiten dieses Befehls bekannt geben und den Auftrag erteilen, den Genannten, falls er seinen Verpflichtungen nicht nachkommen würde, oder mit den Dorfbewohnern andere geschäftliche Verbindungen anknüpfen würde, sofort festzunehmen und der Bezirksverwaltung die entsprechenden Weisungen zu erteilen. Für den Bezirkspräfckt: gez. Constantin Denescu; für den Direktor.St.Vereanü. Es ist wohl nicht nötig, diese Erlässe noch besonders zu besprechen. So sieht die Freizügigkeit in dem Rechtsstaat Rumänien aus! Wenn ein Jude sein Vieh besichtigen oder Wein kaufen will, so erhält er einen Steckbrief mit, die Behörde schreibt ihm die Preise vor und stellt ihn unter Polizeiaufsicht! Aus der Dobrudscha Vor einiger Zeit war, wie die „Welt" berichtete, eine Kommission in die Dobrudscha entsandt worden, um die im Jahre 1878 erfolgte Naturalisierung der dort wohnenden Juden zu überprüfen. Der Zweck dieser Kommission war natürlich, die Juden neuerlich zu beunruhigen. Die Kommission scheint sich dieser Aufgabe denn auch gewissenhaft zu entledigen. In Constanza allein wurden 50 naturalisierte jüdische Familien als Fremde erklärt Aus vielen Orten kommen ähnliche Meldungen. Eine sechsgliedrige Deputation der Juden von Tulcea bat den Ministerpräsidenten, die Kommission zu einem milderen Vorgehen zu veranlassen. Herr Carp versprach dies ur;d sagte auch zu, der Kammer sofort nach ihrer Eröffnung ein Gesetz vorzulegen, in welchem die barbarischen Bestimmungen des von den Liberalen seinerzeit beschlossenen Gesetzes über die Rechte der Einwohner der Dobrudscha gemildert werden. Die Kammer ist bereits eröffnet, aber von dem versprochenen Gesetz hat man noch nichts gehört.