Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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'W'^^^^^^M^MM No. 15 DIE3&ELT 363 Der Fall Rozan Frl. Franziska Rozan ist, wie schon gemeldet, für die Beleidigungen denen sie ausgesetzt war, von der Direktion des Jassyer Stadttheaters diszipliniert worden. Ihre deshalb angesuchte Demission wurde abgelehnt und die Sängerin entlassen. Infolgedessen verschärfte sich die Entrüstung in den jüdischen Kreisen. Der Boykott wurde strenger durchgeführt, und das Theater mußte geschlossen werden. Frl. Rozan unternahm zusammen mit dem Schauspieler Leonescu, der wegen seines Judentums an keiner rumänischen Bühne auftreten kann, eine Tournee. Sie wurde überall von den Juden mit großen Ehren empfangen. In Galatz, wo antisemitische Demonstrationen gegen sie rasch unterdrückt würden, brachte die zionistische Jugend der Künstlerin große Ovationen und überreichte ihr Blumen. Rußland Ein neuer judenfeindlicher Beschluß der Duma Amtlich wird aus Petersburg, gemeldet: Die Reichsduma hit nach Prüfung einzelner" Artikel des Gesetzentwurfes über die Gemeindeverwaltungen einen Antrag zum Beschluß erhoben, wonach Juden weder an Gemeindeversammlungen teilnehmen, :ioch zu Gemeindeverordneten gewählt werden können. Palästina Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina. .Der fast alle Länder Europas und die Vereinigten Staaten Amerikas umfassende „Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina", der jetzt auf eine dreijährige Tätigkeit zurückblickt, hat in dieser kurzen Zeit viel Gutes in Palästina geleistet Von der Tatsache ausgehend, daß die wirtschaftliche und ethische liebung eines Volkes stark von der Erziehung der Frau abhängt, Aus der Spitzenschule in Tel Awiw oat der Verband es sich zur Aufgabe gemacht, seinen Teil an der Kulturarbeit in Palästina durch wirtschaftliche und ethische lebung der jüdischen Frauen beizutragen. Er versucht, den dortigen Frauen und Mädchen, die noch in dem orientalischen Vorurteil befangen leben, daß Arbeit erniedrigt, 'inen westlichen Begriff von der sittlichen Höhe rechtschaffener Arbeit und der darauf basierenden persönlichen Unabhängigkeit beizubringen; er hat dies auch mit Erfolg getan, wie es die von hm in Jaffa und Jerusalem gegründeten Spitzenschulen be-. veisen. Dieselben werden von 30 bzw. 50 Schül-rinnen besucht, velche, je nach Geschicklichkeit, Frcs. 2.20 bis 3.50 wöchentlich, ieißige sogar Frcs. 6.— pro Woche bei sechsstündiger Tagesarbeit erdienen. Bei den dortigen geringen Lebensbedürfnissen hat der ür unsere Verhältnisse geringe Verdienst eine große Bedeutung. 'Me Spitzenschulen stehen unter Leitung von Prof. Boris Schatz md Frau Mayer-Lübke, während ehemalige Schülerinnen des Jaffaer Ateliers als Lehrerinnen tätig sind. Auch in Tiberias soll eine Schule gegründet werden. Die Einrichtungskosten werden von der Moskauer Ortsgruppe aufgebracht. Die fertigen Arbeiten werden größtenteils nach Berlin geschickt und haben überall, wohin sie von hier aus kamen, sehr großen Beifall und viele Kauflustige gefunden. Wenn die Produktion erst eine größere sein wird, ist der Absatz an europäische Geschäfte gesichert und vielen palästinensischen Frauen und Mädchen ein Erwerb geschafft. Auch der noch sehr im argen liegenden jüdischen Krankenpflege sowie dem jüdischen Spitalwesen hat der Verband gleich nach der Konstituierung sein Interesse zugewandt. Für das jüdische Krankenhaus in Jaffa hat er eine europäische Krankenpflegerin angestellt und. auf deren Veranlassung einige Anschaffungen gemacht. Von der Moskauer Ortsgruppe wurde ferner eine Wöchnerinnen- und Rekonvaleszentenstube eingerichtet. Um den Mangel an gut ausgebildetem Personal zu verringern, wurde ein für diesen Beruf sehr geeignetes junges Mädchen, das aus Rußland nach Palästina ausgewandert war, auf Veranlassung und Rechnung des Verbandes im Breslauer jüdischen Krankenhaus ausgebildet und hat nach bestandenem Examen eine Anstellung im Krankenhaus „Scheere Zedek" in Jerusalem gefunden. In Haifa, das sich immer mehr zu einem jüdischen Zentrum entwickelt, wo jetzt auch das jüdische Technikum errichtet wird, will der Verband auch ein jüdisches Krankenhaus gründen, damit die jüdischen Patienten nicht mehr gezwungen sind, das englische Missionshaus oder das deutsche katholische Krankenhaus aufzusuchen, in dem sie häufig durch antisemitische Unfreundlichkeiten zu leiden hatten. Von den 6000 Frcs., die zur Einrichtung nötig sind, wurden bereits 4000 Frcs. gestiftet, es ist sehr zu wünschen, daß sich die noch fehlende Summe recht bald ansammelt, damit das Hospital in kurzer Zeit errichtet werden kann. Auch zu dem traurigen Kapitel des Mädchenhandels, das in einzelnen Fällen von Ägypten nach Palästina überzugreifen droht, hat der Verband Stellung genommen. Es ist sein Streben, dieses schändliche Gewerbe dort zu unterbinden, bevor es größere Dimensionen annimmt. Um die jüdische Frau für das kolonisatorische Werk in Palästina tauglicher zu machen, hatte der Verband von Beginn seiner Tätigkeit an die Gründung einer Haushaltungs- und Landwirtschaftsschule im Auge. Die sehr wichtige Gründung mußte bisher wegen Mangel an Mitteln aufgeschoben werden. Der Verband hofft aber, wenn er nun mit einem ausführlichen, von Sachverständigen ausgearbeitenden Plan vor die Öffentlichkeit tritt, auf die Unterstützung weiterer Kreise rechnen zu dürfen. . Der Verband ist sich dessen bewußt, daß noch sehr vieles auf kulturellem Gebiete in Palästina zu leisten übrig bleibt. Wenn er sich in dem Maße weiter entwickelt wie bisher, wird er bald allen Aufgaben, die er sich noch weiter stellt, wie: Gründung eines Heims für Krankenpflegerinnen, eines Ateliers für Weißwäsche, Unterstützung von Arbeiterhäusern und Küchen in den Kolonien, gerecht werden können. Es kann daher den jüdischen Frauen aller Länder, die jüdischen Fragen Liebe und Verständnis entgegenbringen, nicht nahe genug gelegt werden, den „Verband Jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina" tatkräftig zu unterstützen und über der Not ihrer Umgebung nicht zu vergessen, daß in Palästina Juden leben, die auf unsere Hilfe angewiesen sind. Die Vorsitzende des Vereins ist Frau Prof. Warburg, BerlinW, Uhlandstraße 175. Zuschriften sind zu richten: Aus Deutschland an Frau Dr. Lescynsky, Berlin W, Bayreuther Str. 36, aus allen andern Ländern an Fräulein cand. med. Resa Hirsch, Berlin NW, 23, Flensburger Str. 12, Organisation judischer Maurer und Bauleute in Palästina In Pethach-Tikwah Hier hat sich vor kurzem eine Genossenschaft jüdischer Maurer und Bauleute gebildet, die sich die Aufgabe gestellt hat, dahin?u wirken, daß künftig bei Vergebung von Bauarbeiten seitens jüdischer Körperschaften und Einzelpersonen ausschließlich jüdische Arbeitskräfte beschäftigt werden sollen. Der neuen Arbeiterorganisation ist der Bau der Arbeiterhäuser in Pethach-Tikwah übertragen worden. Die nächste Ausgabe der „Welt" (Nr. 17) erscheint am 28. April. Schluß des redaktionellen Teiles.