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Die Welt · 1911-04-12 · 15-16 (12.4.1911) · page 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
15-16 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 24)
Language
German
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^^^Js^? j'^p^ff^a^^iS'f^* ^m^Ti^^p*^^^ 356 DIE E^KELT No. 15 ein Bild wie Lesser Urys mächtiger „Jeremias" inspiriert Georg Hirschfeld zu einer tiefen Nachempfindung; oder sie verknüpfen die große biblische Vergangenheit mit der Hoffnung auf eine schöne Zukunft, wie Auerbach in seinen „Großen Werken" und wie es unzählige neuere Gedichte in den verschiedenen Almanachen und Zeitschriften tun. Eine eigene Art zeigt Huldschiner in seinen dem Stimmungsgehalt der Bibel angelehnten Prosaerzählungen, von denen ich als die wirkungsvollste die freierdachte Geschichte „vom goldnen Stirnreif6 aus den Tagen Josaphats und den dichterisch-naiven „Propheten" nenne. Ein anmutiges Idyll derMoabitin Ruth entfaltet Wernerinseinen passend aneinander gereihten Einzelsängen, die besonders in den eingefügten Schnitterliedern eine frische poetische Darstellung zeigen. In der Einstreuung lyrischer Stellen und in der größeren Anlage der Ausarbeitung des Stoffes ist Werner wohl schon von Münchhausen beeinflußt. Und damit kommen wir zu unserem Dichter und seinem Werk zurück. 15 Einzelgedichte breitet Münchhausen vor uns aus, in mächtigen Worten eine große Mannigfaltigkeit. Denn so sehr sie der Stoff der Bibel zusammenhält, einen so grundverschiedenen Ton schlagen diese Lieder an. Vom objektivsten Bericht bis zum persönlichen Erleben sind alle Arten dichterischer Gestaltung, die ich vorhin bei den verschiedensten Bibeldichtem zeigte, vertreten. Vom ruhigen Epos zur gehoben gesteigerten Ballade, vom dramatisch gestalteten Zwiegespräch bis zur subjektivsten Lyrik tönt es durch den einen Band. Und noch etwas, — damit will ich auf die einzelnen Gedichte näher eingehen, — finden wir in „Juda": In der Art der Benützung der Bibelquelle lassen sich drei Gesichtspunkte, die ich auch schon bei andern Bibelbearbeitungen zeigte, herausschälen. Die ursprünglichsten und wohl auch in ihrer Entstehung die ältesten Gedichte sind diejenigen, die sich im Inhalt treu an den Text der Bibel anlehnen und nur in gewählten Worten zu sagen versuchen, was die Quelle teils kurz, teils in längerer Ausschmückung erzählt. Unter diesen Gedichten steht „Die Hexe von Endor" an der Spitze.. Aber auch hier zeigt sich schon eine feste Konzentration des Stoffes, aus dem andere Dichter ganze Sauldramen gemacht haben. Mit den ersten Worten steht die Situation vor uns: „Auf Samuels Grabe glänzte die Sonne grell, Und Saul, der düstere, ward König von Israel, Schwarz blickte sein brennendes Auge am Morgen der Schlacht Und düster aufs fliehende Heer um Mitternacht." Und so geht es in vollen Versen bis zur Beschwörung der Hexe, der Saul klagt: „Meine Söhne und ich, wir starrten zur Opferglut, Meinen Söhnen und mir versagten Gebet und Blut, Meine Söhne und ich, wir standen im Schrei der Schlacht, — Und tausend Erschlagene fielen in einer Nacht!" Aber nach der Prophezeiung der Hexe, deren Stimme „nicht dort noch hier" ist, bricht das Gedicht kurz ab: „Aufschrie der König,—sein Herz schlug schweren Schlag, Und über Gilboa graute sein Schicksalstag. Dieses balladenhafte Moment der Kürze und dramatischen Steigerung, des plötzlichen Abbrechens im Schlüsse, das sich schon hier zeigt, ist dann überhaupt für die von mir zu einer zweiten Gruppe gereihten Gedichte in „Juda" charakteristisch, ja fast neuartig für die Form der dichterischen Bearbeitung solcher biblischen Stoffe. Ähnliches finde ich nur in Heines „Belsazar", in dem auch nach dem Höhepunkte, den lästernden Worten des Königs, sich die Stimmung plötzlich wendet und dann die Handlung ein jähes Ende nimmt. Sonst ist aber diese Art der Behandlung biblischer Themen ganz modern, ganz Münchhausens Eigenart. Diese zweite Gruppe vereinigt alle Gedichte „Judas", die in der Bibel nur die Vorlage, aber nicht die gedankliche Richtschnur sehen. Sie sind also auch im Inhalte der Form angepaßt und erinnern damit auch an die genannte Ballade Heines, in der sich ja auch der Dichter gegenüber dem Urtexte eine ihm passende Änderung erlaubt, da in der Bibel nur von einer Lobpreisung der heidnischen Götter, aber nicht von einer Verhöhnung des Judengottes gesprochen wird. Als Obergang von dem inhaltlich treueren Anschluß zur freieren Bearbeitung mag der Sang vom Vaterland „Mose" gelten. Das Thema gibt ja hier schon die Bibel, nur daß Münchhausen das Lied von der Befreiung Moses' Schwester in den Mund legt, wodurch ein erlebter Unterton durch das Ganze dringt. Auch hier möchte ich die nur kurze Berührung der Katastrophe hervorheben: „Doch hinter uns wälzte sich jauchzend des Pharao Heer In die düstere Straße des Herrn, durchs rote Meer; Da ward eine Stille, da schloß sich schweigend der Schlund,— Nicht eine Perle des Schaums stieg auf vom Grund!" Als Muster für diese zweite Gruppe nenne ich bei Münchhausen „Rahab, die Jerichonitin". Auch äußerlich eine Änderung: Nicht mehr die Langzeile, in halben Sätzen führt uns Börries auf den Marktplatz von Jericho und schnell findet der Späher Josuas seinen Weg zu Rahab, bei der er die Nacht verbleibt. Nachdem der Späher mit der Vereinbarung zwischen ihm und Rahab, sie zu schonen, getreu der Quelle, zu Josua zurückgekehrt ist, legt der Dichter ein Lied der Rahab ein, einen starken lyrischen Anklang an das „Hohelied". Sie preist die Schönheit ihres Freundes. Doch liegt in den letzten Zeilen dieses Liedes schon eine schwere Vorahnung des Kommenden: „Doch über meiner Seele Saiten Schrillt jäh ein Ton, zerrissen, wild; Vom Himmel fallen alle Sterne, Und Blut aus allen Wolken quillt; Mein Heimatland verriet ich ja. Jojada, Jojada!" Und so klingt das Gedicht auch aus in freiem Eigentum des Dichters. Die Stadt wird eingenommen. „Am Abend ruhten die Hörner, Rings schwieg Samaria; Da suchte der Liebsten Schwelle Der braune Jojada. Verflogener Duft der Palmen Strich her von irgendwo; Tot hing am roten Seile Rahab von Jericho."

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