Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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No. 15 DIE HÄKELT 357 So gibt Münchhausen der biblischen Erzählung einen tragischen Schluß: Rahab erleidet den Tod als Strafe für den Verrat an ihrem Heimatland. Ebenfalls frei in der Bearbeitung ist das Gedicht „Simson". Es ist wohl Münchhausens reifste Dichtung in „Juda", ja, ohne genaue Kenntnis des Stoffes fast unverständlich. Der Dichter bewältigt den Stoff in drei Teilen. Der erste: Simson in Gasa mit dem Löwenfell; die Frauen wenden die Köpfe nach ihm und eine von ihnen wird sein in heißer Liebesglut — für eine Nacht. Der zweite Teil; Simson bei diesem Weibe. Sie—ganz liebendes Weib, er—ganz der naive Held. „Das macht meinen Herzschlag zittern in süßer Hast Und macht meine Lippen feucht nach deinen Küssen, Daß du den Löwen nicht erschlagen hast, Daß du ihn hast mit dieser Hand zerrissen!*' singt sie in großer Bewunderung, aber sie warnt ihn auch: „Dich wird ein Weib, das dir die Kraft entwand, Das mit dir Nächte heißen Glücks durchwachte, Einst überliefern in Philisterhand, Dich, der die Tat von Aschkalon vollbrachte." Er aber will nicht hören und geht vertrauensselig am nächsten Tage aus der Stadt, während eine Stimme, die des Mädchens, wie am Anfange des 2. Teiles ihm nachhallt in „Lust und Gram": „Zu Aschkalon er dreißig überkam, Zu Lechi schlug er Tausende im Streite." Und so liegt er im 3. Teile der Dichtung gefangen im Tempel zu Gasa, — der bedauernswerte Held, sein Weib hat ihn verraten. Da plötzlich tönt es dem rings Verhöhnten wieder im Ohr: „Schlugst du nicht dreißig zu Aschkalon, und schlugst zu Lechi Tausende im Streite"; und er hört im Lärm den leisen Laut des Weibes von Gasa aus jener Nacht. „Da, was der Spott der Männer nicht getan, Ihm hat das Weib die Kraft zurückgegeben, Die ihm ein Weib gestohlen aus dem Leben." Er faßt die Säulen an und begräbt unter den Trümmern sich und das liebende Weib und im Schrei der Menge geht unter ein verirrter Siegesgesang: „Zu Aschkalon hat dreißig er geschlagen und Tausende zu Lechi er bezwang." So gibt diesem Simson die Macht der Liebe die Kraft wieder, die ihm das andere Weib genommen und herrlich tönt der Refrain seiner Heldentaten durch das ganze Gedicht. — Über die freiere Epik des „ Jesaia", den dramatischen Chorgesang der „Engel" und die lyrischen „Gesänge des Jehuda" wenden wir uns zur dritten Gruppe der Dichtungen, die im Anschluß an die jüdische Vergangenheit eine Verquickung von Gegenwartsverhältnissen und Zukunftsträumen anschlagen. Es sind die heimkehrdurchwehten, z ionssehnsüchtigen Lieder in „Juda." Vornan steht da der „Triumphgesang der Juden." Babel ist gefallen und luda kehrt zurück. Und der Dichter singt: „Nun hänge um Deine Schultern, mein Volk, das Reisegewand, Und brich den Stecken der Zeder als Stab für Deine Hand, Und die Du geführt in der Knechtschaft, die Kelle schlage entzwei, Und zerbrich den Meißel des Dienstes, denn Du bist frei!" So sehnsuchtsvoll, so gefühlsreich, so miterlebend tönt hier das Lied des Dichters, daß wir eine Zionide Juda Halevis zu lesen gLauben, wenn Münchhausen, der christliche Dichter, frei nach der Bibel singt: „Und wenn die heilige Heimat leuchtet im Morgenlicht, Von den ewigen Höhen suHeah das blaue Glänzen bricht, Dann sinken wir schauernd nieder am schimmernden Jordanstrand Und küssen mit durstigen Lippen das Vaterland." Dieselbe Zukunftshoffnung durchweht auch die andern Gedichte dieser dritten Gruppe, nur daß sie sich im „Passah" schon ganz offen als solche meldet: „Jeruscholojim, einst wird es erneut, einst, einst feiern wir dort das Passah wie heut!" und als Tröstung im hübschen Schlußgedicht „Sabbath der Sabbathe" gleich einer jüdischen Messiade austönt: „Aus Zeiten voll Schande und Spott Führt Dich Dein heiliger Gott Mit unerforschlichein Rat! Der Sabbath der Sabbathe naht!" So ganz subjektiv durchdringt dieser Gedanke den Dichter, daß er ihn in der Widmung des Buches an „Euch" als eine Vision vor sich erfüllt sieht und aus der schweren jüdischen Gegenwart die großen Gestalten der Vergangenheit in neuem Zukunftslichte wieder auferstanden zu sehen glaubt, wenn das „geächtet Volk" seinen, des Dichters Wegen zu folgen versteht; seine Losung aber ist „Zurück!" „Zurück zur Schönheit einst gesungener Psalmen, Zurück zum heiligen Bich bei Anathot, Zurück zu Deiner Heimat Balsampalmen, Zurück zu Deinem alten großen Gott!" — So wird also Münchhausen in seinem Buche ein bewußter Künder neuen jüdischen Glücks, so sehr er auch fühlt, daß „ein Fremdes* aus ihm ruft. Die Wirkung, die dieses Buch bei seinem Erscheinen vor 10 Jahren ausübte, war groß und allgemein, denn es war in Form und Ausstattung mit Liliens weißschwarzen Zeichnungen, in der Verarbeitung des Stoffes ein modernes Buch. Eine Menge Bibeldichtungen sind, zum Teil von ihm angeregt, wie wir gezeigt haben, seit damals erschienen und haben soauch das Interesse für den biblischen Urtext injüdisclen und christlichen Dichterkreisen wieder wachgerufen, Die Klage Bernfelds in der Einleitung zum „Buch der Bücher", daß das Interesse für die Bibel immer mehr in weiteren Kreisen erkalte, gilt heute nur zum geringen Teile. Man kehrt wieder, wenigstens auf Umwegen, „zu der Schönheit einst gesungener Psalmen" zurück. Das hat vor allem auch „Juda" mitbewirkt. Diese Anerkennung wurde dem Buche auch vom ersten Tage seines Erscheinens und kein Geringerer als Theodor Herzl begrüßt in seiner enthusiastischen Weise das Buch mit einem herrlichen Briefe an den Dichter, den ich hiermit zum ersten Male der Öffentlichkeit übergebe: