Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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muß geschrieben werden ebenso wie das Drama aus der altjüdischen Leidensgeschichte, die eine Fülle höchster tragischer Motive in dramatischem Sinne enthält. Hier wie dort ist eine schöne reife Frucht zu ernten und die Ehrenschuld eines jüdischen Dramatikers gegenüber der jüdischen Gemeinschaft abzutragen. Doch genug von den Dramatisierungen der Bibel, bei denen der neuere Bühnendichter, wie wir immer zeigten, die Bearbeitung entweder ganz im Anschluß an die Bibel oder in freierer moderner Gestaltung formt. Zu seinen Stoffen müssen ihm sogar, wie besonders Keim, ausgesprochen lyrisch-dramatische Partien der Quelle dienen. Und dieses „Hohelied" steht auch unter den lyrischen Versuchen deutscher Dichter obenan. Seitdem Herder über den Inhalt und die Idee dieses Liebesliedes scharfe Untersuchungen angestellt hat, klingt es in einzelnen Gedichten immer wieder durch. Goethe hat es besonders geschätzt und in einem lyrischen Höhepunkte seines dichterischen Schaffens, im „Gretchenliede", sind eine Menge Gedankenentlehnungen aus ihm. Diesen Einfluß der biblischen Lyrik bis auf die Gegenwart zu verfolgen, würde zu weit führen. Aber sicher ist, daß selbst die ausgesprochene hymnische Lyrik, die Psalmen, bei modernen deutschen Dichtern, ebenso bei Schiller wie bei Gottfried Keller ihre Wirkung geübt hat, daß also die subjektivste Dichtungsart Anregung aus der Bibel gezogen hat, ja, daß die Bezeichnung „Psalm" geradezu für den Begriff einer höheren, getragenen, nicht nur religiösen Lyrik geläufig geworden ist. In diesem Sinne schreibt z.B. Scheffel sogar „Bergpsalnien", in jüdischem Sinne Leo Rafaels seinen zukunftsfrohen, mächtigen „Psalm": „Ein Hauch weht durch die Lande. . ." In der Lyrik dieser Stoffe finden wir überhaupt eine größere Betätigung jüdischer Autoren, denen die mehr persönliche Beziehung zur Quelle hier eben zustatten kommt. Oft genügt nur einName, eine Überschrift wie z.B. bei Beer-Hof manns oder Donaths „Mirjam", die uns bei sonst ganz freier Behandlung des Themas den Zusammenhang mit der Bibel wenigstens ahnen läßt. Dichterische Einzelarbeiten finden sich auch zahlreich in der epischen Behandlung der Bibel, meistens allerdings wieder mit wenig Selbständigkeit"; direkte Übertragungen der „Gedichte der Bibel", wie sie gewiß gut gemeint z. B. Klausner gibt, möchte ich aber wegen ihres geringen eigenen dichterischen Wertes nicht hier behandeln. Eine Eigendichtung will ja auch Klausner nicht geben, denn er entschuldigt sich fast einleitend, wenn er sagt: „Mit ehrfürchtiger Scheu habe ich den Versuch begonnen, die Gedichte der Bibel in deutscher Sprache wiederzugeben. Die Berechtigung zu diesem Versuche habe ich einzig und allein aus der Liebe zum heiligen Original geschöpft/' Ihn hält also wirklich eine religiöse Scheu, die ich ja schon oben mit ais Grund für die auffallend geringe Beteiligung jüdischer Autoren an Bearbeitungen von Bibelstoffen nannte, davon ab, am Texte inhaltliche Änderungen vorzunehmen. Trotzdem ist ihm manches schöne Gedicht gelungen, besonders das Kapitel „Jesaias" hebe ich hervor. Großangelegte Epen, die der Beachtung wert wären, sind bis auf eines, das ich sofort nenne, nicht geschrieben worden. Schiller ist uns den Absalon und den epischen Moses schuldig geblieben, auch Goethe sein prosaisches Epos „Josef", aber aus neuester Zeit ist uns von Heinrich Hart als dritter Teil seines „Liedes der Menschheit" ein wunderhübsches Epos „Moses" geschenkt worden. Wunderhübsch vor allem in der leichten und doch schönen Sprache, in den fließenden Reimpaaren, die Hart an Stelle des sonst üblichen Hexameters bietet und die uns über manche Länge schnell hinweglesen lassen, und modern in der beabsichtigten Herausarbeitung des Gegensatzes zwischen Moses und Korah, eines Gegensatzes der — wie Hart in den glaubensdurchglühten Weiheworten sagt — nicht minder heute besteht als zu jener Zeit. „Nur ist Moses seither kleiner geworden und Korah größer." Wahrlich, wenn heute das Interesse für epische Dichtungen nicht im Schwinden begriffen wäre, das Hartsche Epos müßte in jüdischen undchristlichenKreisen schon um seines künstlerischen Wertes willen besonders gelesen und gewürdigt werden. Neben den mächtigen Naturbildern und dem oben genannten Zwiespalt tritt vor allem groß die Gestalt Moses hervor und wächst im Epos zur Höhe an den Stellen, wo der Dichter seinen Helden die innere Entwicklung seines Glaubenskampfes, sein Suchen nach Gott, den er in den ägyptischen Mysterien nicht findet, und sein fast zufälliges Hinüberführen zum „Gotte Jakobs", zum „wahren Gott" schildert. Dort erzählt Moses den aufhorchenden treuen Anhängern Aron, Josua, Kalab und Eleasar: „Und weiter rief's in mir: Der Herr — er ist's, Den Du gesucht, der Gott der Väter ist's. Er ist kein Schatten und kein Bild von Stein, Kein nebelhaftes All- und Nirgends-Sein; Er ist ein Gott des Lebens und voll Blut, Der sein Geschlecht umfängt mit Liebesglut, Der Antwort gibt dem Ringenden, der fragt, Der Tröstung weiß, wenn der Gequälte klagt. . Und Moses findet so den Weg zu seinem Volke: „Ja, Ja, ich war von Levis Stamm. Nicht scheiden Könnt' ich mein eignes Leid von Jakobs Leiden; Ich mußte fassen, was mein Volk erfaßte, Ich mußte lieben, wo Misra'im haßte . . Mich trieb's hinaus, mein armes Volk zu sehn; Und mit ihm stöhnend, hört ich sein Gestöhn. Und mit ihm weinend, ward mein Auge naß, Und mit ihm knirschend, fühlt' ich seinen Haß." Diese innere Kraft gibt Mose den Mut, den doppelten Kampf gegen äußere und innere Feinde zu bestehen, und siegreich geht er in die Ewigkeit. Außer diesem Epos, dem ich gerne Freunde werben möchte, kenne ich kein modernes großes Bibelepos. Allerdings: Einzelgedichte gibt es eine große Menge, die altern gehen z. T., wie Meißners „MihaT, in der Form auf Heine zurück, der die Frau Davids in scharfen Worten über den „Gaukler David'4 spotten läßt, oder sie singen von Rahel, Josef, den Prooheten, wie L. A. Frankls Gedichte, oder sie bedienen sich, wie Friedrich Adlers „Jonathan" geschickt des Bibelstoffes, (die Erzählung von Jonathans Übertretung des Verbots, Speise zu sich zu nehmen, und sein Sieg über die Philister wird bei Adler zu der Lehre zugespitzt: „Den Durchbruch schafft nur die Sünde") oder sie erweitern einen Satz der Bibel zu einem Gedicht, wie Stefan Zweig die Erzählung im IV. Buch Moses von dem Feuer, das vom Himmel niederfuhr und die zweihundertundfünfzig Mann verzehrte, oder