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Die Welt · 1911-04-12 · 15-16 (12.4.1911) · page 22

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
15-16 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 22)
Language
German
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354 DIE^ELl No. 15 biblische „Komödie" eine ganz eigenartige, bizarre, modernste Auffassung dieses „naiven" Heldenweibes verrät), und wie das größte Denkmal altjüdischer Poesie auch abgesehen von Hiob und der dramatischen Form des Hoheliedes genügend dramatische Möglichkeiten und Wirkungen enthält, um den beliebten Vorwurf gegenüber dieser Poesie: „Ohne Drama" ungerechtfertigt erscheinen zu lassen. Diese freien Gestaltungen von Bibelstoffen gehen sogar soweit, daß ein begabter Dichter, Franz Keim, sich Sulamith, die Heldin des eben genannten Hoheliedes, zum Thema seines Erstlingsdramas wählte und ein Trauerspiel aus diesem Stoffe formte. Da meine Arbeiten mich sobald nicht dieses Weges führen werden und ich nirgends eine Würdigung dieser Stoffgebiete sehe, will ich noch einen Augenblick bei diesem Drama Keims verweilen. Laube hat ihm eine glänzende Einführung geschrieben, der künstlerischen Verknüpfung des Stoffes ist er aber nicht nachgegangen. Bei Keim ist Sulamith das leidenschaftlich liebende, aber doch sich nicht wegwerfende Landmädchen, dessen qiebe der König Salomo erwidert. Wenigstens eine Zeitlang. Denn Salomo hat — sowie ja auch die Quelle berichtet — ein weites Herz, und da Balkis, die Königin von Saba, ihn besucht, verrät und verleugnet er sein idyllisches Liebesverhältnis mit Sulamith, die er zur Königin zu erheben versprach. Er verleugnet es in dem Augenblick, da Sulamith aus Sehnsucht nach dem Liebsten (hier singt sie in Anlehnung an die Bibel ihr „Hohelied") und um den König vor seinen Feinden zu warnen, sich durch die Schar der Wächter einen Weg zu ihm gebahnt hat. Sie vernimmt unerkannt das Wort seiner Untreue und gibt sich deshalb den Tod, Salomo aber erkennt zu spät, was er an ihr verlor. Seiner Feinde Führer, die er jetzt mächtig unterdrückt, sind Ahia, der Prophet, dem Salomo wegen des Baues eines ägyptischen Tempels und der Liebe zu heidnischen Weibern verhaßt ist, sind Ben Jochai, den der moderne Dramatikerzum Boten Davids bei derErmordung desUrias und zum Manne der Rahel macht, der falschen Mutter im Streit um das Kind vor Salomo; zu diesen Gegnern gesellt sich Jerobeam, der nach siegreich erfochtener SchlachtSulamith zu ehelichenwünscht, die ihmaberdurch des Königs Liebe entfremdet wird. Und Salomo ruft unglücklich und schwergetroffen am Leichnam der Geliebten die Worte aus: „Ich hatte alle Herrlichkeit der Erde, Die gold'ne Kette, Schwert und Königsstuhl, Besitz und Reichtum, Herrscherglück und Freude, Und selbst mein Urteil pries der Mund der Welt. Ich stand so hoch, daß ich beinah' die Sterne Als Krone trug, jetzt kommt mein tiefster Fall.— Was blast Ihr Sieg? O Eitelkeit der Erde! Nehmt alles hin, denn Sulamith ist tot"!— Für den Leser, der seine Bibel kennt, brauche ich nicht erst aufzuzeigen, wie unübertrefflich Keim in diesem Drama Ursache und Wirkung verknüpft hat, wie er im Charakter Salomos Tugenden und Fehler aus der Bibel zu einem großen Ganzen geformt hat und wie er des Königs Schuld rein menschlich büßen läßt. Meisterhaft ist auch das Hohelied selbst ins Drama hineinverflochten, das so allgemein bekannt ist, daß sogar die Mädchen vor der Königin von Saba es singen. Im Hinblick auf dieses Werk, das uns heute nach 35 Jahren noch ganz modern anmutet, fällt uns erst recht der Umstand auf, daß in der ganzen deutschen Bibeldramatik kaum ein nennenswerter Versuch eines jüdischen Autors existiert. Diesen Umstand mit der ehrfürchtigen Scheu vor dem heiligen Stoffe zu erklären, reicht für die modernen Dramatiker gewiß nicht hin. Vielleicht, daß mit eine psychologische Erklärung für diese Unfruchtbarkeit der geistigen Gestaltung von Bibelstoffen durch jüdische Schriftsteller darin liegt, daß der Jude diesen Stoffen nicht genug naiv gegenübersteht, daß er nicht mehr umzuformen imstande ist, wo Geist von seinem Geiste vor Jahrtausenden schon gestaltet hat, daß seine Phantasie sich höchstens wieder in derselben Richtung bewegt, wie in dem „jüdischen Buche", während der christliche Dichter viel vorurteilsloser und;als ein nicht wesensgleicher Geist in der Bibel ein schönes, weites Feld für seine dramatische Phantasie findet. Mitunter wird wohl für den modernen jüdischen Dichter leider auch noch eine gewisse Furcht vor dem allzu jüdischen Stoffe hinzukommen. Tatsache ist, daß wir, soweit ich sehe, außer der fast zu getreuen Anlehnung an die Quelle im Drama „König Saul" des deutsch-ungarischen Juden Karl Beck kaum eine bedeutendere Bibeldramatisierung von jüdischer Seite haben, wenn ich die „Susanna im Bade" des Hugo Salus nicht hierher zähle. Zwar daß der deutsche Jude hier den Stoff aus den nur sehr selten benutzten, weil dichterisch weniger brauchbaren Apokryphen holt, darf kein Vorwurf gegen seine Kunst sein. Aber daß gerade der jüdische Autor den wiegen ihres Alters in ihrer Lüsternheit doppelt unangenehm auffallenden jüdischen Richtern in dem allerdings schon in der Quelle mystisch gezeichneten Daniel einen Jüngling mit Heiligenschein gegenüberstellt, dessen Einführung mit der szenischen Randbemerkung „Muß wie aus einer höheren Welt gespielt werden" die Dichtung deutlich genug charakterisiert, fällt vor allem vom künstlerischen Standpunkt mit dem Verlangen nach historischer Wahrscheinlichkeit unangenehm auf. Ein Daniel im jüdischen Milieu, der mit den Worten: „Nicht zu richten bin ich gesandt von Gott," die Bewunderung und Verehrung seiner jüdischen Umgebung erregt, erinnert an die christlichen Moralitäten der Bibel im 16. Jahrhundert und läßt sich auch mit seinem Schlußwort an dieselben Juden: „Seid gütig"! künstlerisch nur schwer aufrecht erhalten. Dagegen trifft Richard Huldschiner in seinem einaktigen dramatischen Gedicht „Die Tochter Jephta" ganz den Ton der Bibel. Die Geschichte, die im 11. Kapitel der „Richter" kurz erzählt wird, führt er knapp bis zur Opferung des Mädchens Jobeza. In starken lyrischen Stimmungen kämpft sie ihre sinnliche Liebe nieder, bis sie bereit ist, das Gelübde ihres Vaters freudig zu erfüllen. Neben dieser innern Handlung der Läuterung der Heldin ist wenig Raum für eine dramatische Entwicklung. Der Chor der „Töchter Israel" und das Gebet der zehn Ältesten erhöht die weihevolle, dem altjüdischen Gefühle gut nachempfundene Stimmung, die über der ganzen Szene liegt. Mit der Vision, in der Jobeza Israels glückliche Zukunft verkündet, erhält das Gedicht einen über die Quelle hinausgehenden, modern-deutungsfähigen Einschlag. Und trotzdem! Ich wiederhole es: das von einem jüdischen Dichter in gut jüdischem Sinne geschriebene moderne Bibeldrama fehlt uns noch und muß geschrieben werden;

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