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Die Welt · 1911-04-12 · 15-16 (12.4.1911) · page 21

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
15-16 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 21)
Language
German
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Mordechai, einem Juden, zugedachte Auszeichnung wehrt, also sprechen: „Was ist das für ein Ausdruck, nur ein Jude? Ist ein Jude nicht ein Mensch wie ich und du? Sind die Juden nicht auch meine Untertanen." Die erste moderne Dramatisierung eines Bibelstoffes fällt 10 Jahre später, sie ist die „Judith" Hebbels. Modern deshalb, weil Hebbel den gegebenen Stoff nach den Gesetzen des psychologischen Dramas umformt, die Tat der Heldin nach diesen Gesetzen motiviert. „Die Judith der Bibel", so sagt er selbst, „kann ich nicht brauchen. Dort ist Judith eine Witwe, die den Holofernes durch List und Schlauheit ins Netz lockt; sie freut sich, als sie seinen Kopf im Sack hat und singt und jubelt vor und mit ganz Israel drei Monde lang. Das ist gemein. Eine solche Natur ist ihres Erfolges gar nicht würdig. . . . Meine Judith wird durch ihre Tat paralysiert; sie erstarrt vor der Möglichkeit, einen Sohn Holofernes zu gebären. . . . Ich habe jetzt die Judith zwischen Weib und Jungfrau gestellt und ihre Tat so allerdings motiviert; es fragt sich nur, ob Judith nicht hierdurch ihre symbolische Bedeutung verliert, ob sie nicht zur bloßen Exegese eines dunklen Menschencharakters herabsinkt." Ohne daß ich hier auf eine nähere Erörterung dieses und der folgenden Werke eingehe, will ich doch darauf hinweisen, daß der moderne Dramatiker eben auch die Bibelstoffe so umgestaltet, wie er sie nach den Gesetzen seiner Kunst braucht. So wie Hebbel tut dies auch Otto Ludwig in den „Makkabäern", wo schließlich nicht der schlichte Juda, sondern wie in Werners „Mutter der Makkabäer" Lea als Heldin dasteht, und so hätte es vor allem Grillparzer in seiner Bearbeitung des Estherstoffes getan, in der er ja Esthers Entwicklung zur „Kanaille" zeichnen wollte. Aber auch Dichter zweiten Grades zeigen von da an, wöhl durch Hebbel angeregt, eine eigne, tiefere Auffassung des Bibelstoffs. Der deutsch-böhmische Freiheitskämpfer der achtundvierziger Jahre, Alfred Meißner, stellt im „Weib des Urias" den Helden David als einen Menschen von List und Klugheit, von heißem nationalen Sinn und kaltem Egoismus dar, dessen Grundidee ist: den Thron seiner Rasse zu erhalten. Auf diesem Wege läßt ihn der Dichter rücksichtslos über Leichen gehen; wie er selbst sagt, unter dem Eindruck der eignen Phantasie, die kurz zuvor die Arbeit eines ähnlichen Emporkömmlings gesehen hatte. Also auch hier eine Hineinziehung von Gegenwartsverhältnissen in den Bibelstoff. Und ein anderer moderner Gegensatz, der von Königstum und Priestertum, den ja schon die Quelle kennt, ist diesem Dichter ein willkommenes Thema des Stückes. Als ein Beispiel für die Stellung des Propheten, ein Beispiel, das zugleich einen Einblick in die Werkstatt des Dichters, der seine Bibel genau kennt und modern umgestaltet, mögen die Worte Nathans vor David ausdemheuteschonwenigbekanntenStücke dienen. Urias ist bereits gefallen. Des Königs Tat ist offenbar und Nathan sagt: „Denkst Du so der Gnaden, die der Herr auf dich gehäuft? Er hat Dich aus den Händen Sauls gerettet, Gesalbt zum König über Israel, Zum Hüter des Gesetzes Dich gemacht, Und jede höchste Gunst auf Dich gehäuft, Die eines Mannes Herz erfreuen konnte. Da hast Du selber das Gesetz zerstört, Hast Du, dem aller Reichtum offen stand, Dem armen Mann sein einziges Lamm geraubt. Sprich, als Du ihm sein holdes Weib verführt, Wo fandst Du, ihn zu morden, noch das Herz? War einer treuer Dir? War einer besser? Schlief er nicht noch zuletzt vor Deiner Tür? Du sandtest ihn fort! Lug war Dein letztes Wort, Und Lug Dein Gnadenbrief in seiner Hand. Selbst in das Lager eiltest Du ihm nach, Wir priesen Dich dafür. Selbstsüchtiges Herz! Was war Dir Rabbah? Ob dort unser Volk Noch zwanzig Jahre blute, galt Dir gleich. Ein ganzes Heer beweinte den Verlust Des großen Kriegers — und Du freutest Dich, Du triumphiertest, daß Du ihn gefällt!" David aber antwortet auf die Forderung des Propheten, Buße vor dem Herrn der Könige zu tun: „Bekennen, büßen! — Schüler Samuels, Ist das Dein Anschlag? Ha, ehrgeiz'ger Priester, Demütigen willst Du das Königtum, Um Deiner Kaste Herrschaft zu erhöh'n! Wie ihr den Saul gebrochen, hoffest Du Auch mich zu brechen! O, ich bin kein Saul, Ich hab' ein festeres Herz — und hab' noch Macht Und hab' noch Feldherrn, welche Deinem Haufen Das Schwert entgegensetzen!'6 Während also in diesem Drama, das Heine zu dem Worte veranlaßte, Meißner werde der „heritier presomptif de la gloire de Frederic Schiller", der biblische Zwiespalt zwischen der weltlichen und geistlichen Macht nur angedeutet ist, wird er zum offenen Gegensatz, den der moderne Dramatiker willkommen begrüßt, in der Bearbeitung des Saulstoffes. „Ich bin kein Saul", meint David bei Meißner, und eben dieser Saul ist seit Gutzkow die beliebteste. Figur des deutschen Bibeldramas. Eine Menge kleiner Talente haben sich an ihm versucht (wie ich an anderer Stelle genauer dartue), aber auch in jüngster Zeit hat der ewig junge Paul Heyse diese „biblische Historie" dramatisiert. Ihm liegt es daran, die Tragik des alt Werdenden zu zeigen, der das Schwinden der einst gewaltigen Kraft mit tiefer Erbitterung empfindet und gegen das Naturgesetz, dem er erliegen muß, mit ohnmächtigem Trotz sich aufbäumt. „Niemand kann diesen Kampf ohne tragische Rührung betrachten, niemand dem alten Helden die Teilnahme entziehen, wenn in diesem hoffnungslosen Ringen ihm die sittliche Würde und Hoheit schwindet und der einst erlauchte Geist in trübe Schuld und Schwäche herabsinkt." Unzweifelhaft reizt gerade dieser Stoff den modernen Dichter wegen der Möglichkeit, den Helden in zeitweiser Umnachtung gleich Lear zu zeichnen. Daß das Saul-Drama des Schauspieler- Dichters Kainz nicht beendet wurde, ist nur zu bedauern. Nach dem, was wir von der Studie kennen, hätte sich hier mit einer schönen biblischen Sprache moderne geschickte Verwicklung gepaart. Und so zeigt sich uns auch in den Bibeldramatisierungen der jüngsten Gegenwart, wie viel dramatisches Leben aus den in der Form epischen Stoffen gehoben werden kann, wie sogar derselbe Stoff immer wieder moderne Dichter zur Dramatisierung reizt (eben ist ein Judith- Stück von Kaiser unter dem Titel „Die jüdische Witwe" erschienen, das schon bei flüchtiger Durchsicht als

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