Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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ihm ein Licht auf, — und er erkannte, daß die Sprache der jüdischen Renaissance nur — Jüdisch sein kann. Ich bringe zu diesem Punkte keine Belegstellen, weil man ja weiß, daß Birnbaum seine letzten 3—4 Lebensjahre als Apostel der ,,Jüdischisten" verlebt hat, mit demselben Enthusiasmus, mit dem er früher der Prophet des Hebräischen war. (Irre ich nicht gar sehr, — beherrscht er keine dieser Sprachen bis auf den heutigen Tag!) Man sollte es nicht für möglich halten, und doch ist es buchstäblich wahr: Nathan Birnbaum hat im Jahre 1910 schon den ingeniösen Gedanken ausgesprochen, den erst ein Jahr später ein Rabbi auf der englischen Rabbinerversammlung wieder selbständig entdeckt hat, nämlich, daß das Jüdisch-Aramäische uns den Talmud beschert hat, während wir vom Hebräischen nach der Bibel nichts Nennenswertes erhalten haben . . . (IL, S. 69 ff.) Und diese Kongenialität wirkt noch köstlicher, wenn man bedenkt, daß sie beide, der stark orthodoxe Rabbi in England und Nathan Birnbaum, ein Widerspruch gegen den Sinn des Zionismus, der ja die Unmöglichkeit nachweist, daß die Juden in irgendeinem Lande ihres Exils heimisch werden und sich hier im Bannkreise einer erdrückenden Mehrheit konsolidieren. Versuchte man es trotzdem, so müßten solche Experimente zur Lächerlichkeit führen, indem bald vor aller Welt die völlige Haltlosigkeit der Partei deklariert wäre.'4 (L, 52.) Ich habe mir gestattet, den letzten Satz zu unterstreichen, damit er ja nicht übersehen wird . . . Ferner: „Eine jüdisch-nationale Parteipolitik hat weder nationalen, noch politischen, noch sozialen Wert." Das war 1905. Im Jahre 1907 aber war Birnbaum ebenso durchdrungen von der diametral-entgegengesetzten Oberzeugung. Da gab es nur eine einzige wirklich richtige und erfolgverheißende Aufgabe und Arbeit für die Nationaljuden in Rußland und inGalizien. — besonders in Galizien! —, nationaljüdische Politik zu treiben. Man weiß, daß sie Nathan Birnbaum sehr, Hausweihe in der Bezalelkolonie in Ben Schämen wohl vergessen haben, daß ein nicht ganz unwesentlicher Bestandteil des Talmud, nämlich: die Misch na, im reinsten Hebräisch abgefaßt ist .... Na, lassen wir diese ,,Wissenschaftlichkeit" auf einem Gebiete, auf dem unser Herr Verfasser ganz und gar nicht zu Hause ist. Dafür aber noch ein Beispiel — nur noch eines, aber ein interessantes! — von geistiger „Entwicklung*'. Im Jahre 1893 hat Birnbaum in einer Broschüre: „Die nationale Wiedergeburt des jüdischen Volkes in seinem Lande usw." mit Entrüstung die Zumutung zurückgewiesen, als ob die Juden irgendeinmal den Versuch machen würden, eine nationale Landespolitik zu unternehmen. Nun, 1893 liegt schon sehr weit zurück. Näher ist schon das Jahr 1896. In diesem Jahre hat Birnbaum einen Vortrag gehalten: „Diejüdische Moderne." Diesen Vortrag hat er als Broschüre veröffentlicht erst im Jahre 1905. Und in dieser Broschüre lesen wir folgende kraftvolle und beinahe überzeugende Sätze: „Also was sonst? (sc.: soll ein zionistisches Parteiprogramm zumlnhalt haben!) EtwaGeltendmachnng nationaler Ansprüche und Erhebung politischer Forderungen im Namen der Nation? Solche Politik wäreja sehr eifrig getrieben hat. Und als Niederschlag dieser praktischen Betätigung findet man im zweiten Bande der „Ausgewählten Schriften4' nicht weniger als 145 Seiten — von im ganzen 357 — mit nationaljüdischer Politik beschrieben. Das nennt man dann — Entwicklung! Hat je ein Schriftsteller, ein Denker eine derartige Zickzacklinie in seiner Entwicklung beschrieben? Mir ist kein zweiter außer Nathan Birnbaum bekannt geworden. Und woher stammt dieser Wirrwarr? Es ist mir sehr, sehr peinlich, das Wort niederzuschreiben. Ich tue es doch. Dieser Wirrwarr stammt aus dem unbändigen Verlangen, zur Geltung, genauer: zur alleinigen Geltung zu kommen. Da es auf dem Hauptgleis nicht geht, versucht er es auf Nebengleisen, wohl auch auf toten Gleisen. Und da geht er im circulus vitiosus: er kommt nicht zur Geltung, darum geht er auf Nebengleisen, er geht auf Nebengleisen, darum kommt er nicht zur Geltung. Und so bleibt die Lebensarbeit eines begabten Menschen — unfruchtbar . . . Dr. O. Thon.