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Die Welt · 1911-04-12 · 15-16 (12.4.1911) · page 18

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
15-16 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Auf Nebengleisen Ich sage euphemistisch: „Auf Nebengleisen." Sollte aber sagen: „Auf toten Geleisen." Damit würde ich besser und richtiger die GeistesrichtungNathanBirnbaums charakterisieren, dessen zwanzigjährige unfruchtbare Geistesarbeit nunmehr in zwei dicken Bänden gesammelt vorliegt*). Unfruchtbare Geistesarbeit, sagte ich, trotzdem ich weit davon entfernt bin, Dr. Birnbaum Geistesschärfe, ernstes Wollen, grübelnden Sinn und was der ethischen und intellektuellen Vorzüge mehr sind, irgendwie abzusprechen. Sein konstitutioneller Fehler ist es, daß er absolut kein geistiges Beharrungsvermögen hat. Er muß diesen Fehler wohl für einen mächtigen Vorzug halten, da er ihn ja sozusagen stets in seine „Wappen", — auch davon hat er nämlich eine Vielheit, — aufnimmt. Er gibt sich ein literarisches Pseudonym: „Acher" — ein „anderer", und er ist auch immer wieder ein anderer, niemals länger als in einem, höchstens in zwei aufeinanderfolgenden Aufsätzen derselbe. Dann zeichnet er seine Aufsätze mit „Panta rhei", und es ist wahr: in seiner ganzen Geistigk'eit gibt es keine Konstanz, alles ist im ewigen Fluß begriffen. Kaum hat er einen Gedanken zu Ende gedacht, d. h. kaum glaubt er, einen Gedanken zu Ende gedacht zu haben, — hat er ihn auch schon überwunden und aufgegeben. Und nun kann man Gift darauf nehmen, daß er im nächsten oder in einem der nächsten Aufsätze sich mit schwerer Faust reuevoll an die Brust schlagen und feierlich zurückrufen wird, was er früher felsenfest und im tiefsten Brustton unerschütterlicher und für die Ewigkeit scheinbar geschmiedeter Überzeugung behauptet und verkündet hat. So hat bei ihm nichts Dauer und Bestand. Er wirft seine Gedanken hinaus, um sie bald fast mit Feindseligkeit zu verwerfen. Eine Henne, die reichlich Eier legt aber sie nicht ausbrütet, sondern mit den eignen Füßen zertrampelt. Da kommt kein Lebewesen heraus. Birnbaum schafft kein Leben . . . Im Vorworte zu seinem Buche meint er, es wären in seiner Entwicklung „zwei Phasen mit einer Art von Übergangszeit1' zu erkennen, freilich mit den „unvermeidlichen kleinen Unebenheiten und Schwankungen". Nun, ich habe mir nicht die Mühe genommen, zu zählen, und ich bin gerne bereit, dem Verfasser aufs Wort zu glauben, daß es nicht mehr ist. Aber das ist schon genug, übergenug: 2 „Phasen", 1 „Übergangszeit", x „Unebenheiten", y „Schwankungen", — ist das nicht eine recht erkleckliche Zahl von — sagen wir: geologischen Schichten für eine schriftstellerische Entwicklung von nicht ganz 17 Jahren? (Die Sammlung enthält nämlich Aufsätze erst seit 1893!) Was steht da noch eigentlich fest in dieser Flucht von Gedanken, in diesem Zickzack von Überzeugungen? Nichts! Vielleicht mit alleiniger Ausnahme des Gedankens, daß das Judentum eine nationale Einheit bildet, und auch dieser Gedanke nicht in voller Reinheit, denn da und dort wird auch der Assimilation ihr Recht (z. B.: „Einige Bemerkungen über Assimilation'4, 1897), Sonst aber wirklich rein gar nichts, von den Begründungen bis zu den Prinzipien. Alles mußte fallen. *) Dr. Nathan Birnbaum (Mathias Acher), Ausgewählte Schriften 2iir jüdischen Frage, 2 Bde. Herausgegeben auf Initiative eines Komitees. Verlag der Buchhandlung Dr. Birnbaum & Dr. Kohut. Czernowitz 1910. Einst glaubte Birnbaum, — ich will nur einige Beispiele derMauserung herausziehen! —zur Begründung des Zionismus des Antisemitismus nicht entraten zu können. „Antisemitismus!', „Golus-', — das flog nur so hin und her und wurde in allen Kasus und allen Zahlen abgeändert. Endlich ging ihm ein Licht auf: „Gibt es ein Golus? Gewiß, aber es ist nur in der ' Theorie absolut. In der Wirklichkeit wird es nur durch geschichtliche Entwicklungen eingeschränkt" . . . „und zwar wird es so weit kommen, bis nicht einmal das, was „materielles Judenelend" und „moralische Judennot" heißt, vorhanden sein wird." (L, S. 148 ff.) Man sieht, ein Grundgedanke ist gefallen ... Einst galt Birnbaum der Zionismus als die einzig mögliche, durchaus historisch-notwendige Lösung der Judenfrage. Endlich ging ihm ein Licht auf, und er sah, daß es eigentlich mehrere, akzeptablere und plausiblere „Lösungen'4 gibt. Seiner neuerworbenen Weisheit Schluß lautet: „Planmäßige Dirigierung der jüdischen Massen, nicht nach vorgefaßten Meinungen und imperativen Idealen, sondern entsprechend der Gelegenheit sowie dem Willen und Bedürfnis des Volkes, bald in verteilendem, bald in sammelndem Sinne." (I., 153.) Ich habe den Mittelsatz unterstrichen, weil er eine so hübsche „Unebenheit", oder „Schwankung", oder „Obergang", oder gar — „Phase" darstellt. Aber braucht man zu einem solchen Satze begeisterter und begeisternder Prophet des Zionismus — gewesen zu sein? Das sagen ja die um die Ica und Alliance schöner und — wirksamer . . . Einst galt Birnbaum der KulturZionismus als etwas Heiliges und Feststehendes. Noch zu der Zeit, als er sich aus dem Zionismus als Parteiprogramm und Weltanschauung bereits heraus—entwickelt hatte, war ihm der Kulturzionismus teure Überzeugungssache. Endlich ging ihm ein Licht auf, und er erkannte, daß der Kulturzionismus „gegen die Not der Zeit und die Not der Menschheit" abstumpft. (L, 189.) Einst — er war damals schon kein unreifer Jüngling, es war im Jahre 1893, er war also schon ein Dreißiger! — schwor er mit Emphase, daß der Zionismus mit der internationalen Sozialdemokratie nichts gemein hat. „Nimmer wird sich wohl eine jüdische Partei Bestrebungen anschließen, welche die Begriffe Vaterland, Religion, Familie, Ehe aufheben möchen." (I., 20.) Ist das nicht von löblicher, gutbürgerlicher Anständigkeit? Aber dann ging ihm ein Licht auf, und er fand unter den möglichen „Lösungen4' der Judenfrage auch den Kampf um' die wirtschaftliche Hebung der Gesamtmenschheit, d. h. — im Zusammenhange wird dieser Sinn vollständig klar — der Anschluß der Juden an die Sozialdemokratie. Ja, er lehnt sogar den Zionismus darum ab, weil dieser „auf Schichten gestützt ist, die mit reaktionären Instinkten ausgestattet und an den großen sozialen Befreiungsfragen nicht bewußterweise interessiert sind." (I., 152.) Ist das nicht ein starker, geradezu akrobatenmäßiger Sprung von 1893 bis — 19021? Einst galt Birnbaum die hebräische Sprache als das einzige und einzig wertvolle und mögliche Instrument der jüdischen Renaissance. Er hat sogar, wenn ich nicht sehr irre, zusammen mit ßrainin hebräische Unterrichtsbriefe herauszugeben — angefangen. Angefangen — natürlich; Denn ausgeführt, zu Ende geführt hat Birnbaum in seinem Leben nichts . . . Endlich ging

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