Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Er begab sich zu einem Freund, bei dem er seine Tasche ließ. Und dann schlug er den Weg nach Judiths Haus ein, indem er sich ab und zu umwandte, um zu sehen, ob ihm niemand folgte. IV. Meyer Kaplan war eben im Begriff, das Abendgebet zu beginnen, als kräftig an die Tür geklopft wurde. „Wer kann das sein?" fragte er in ängstlichem Tone. Auch Judith war erstaunt, denn die wenigen Besucher, die zu ihnen kamen, klopften stets recht schüchtern an. „Herein," rief sie. Die Tür wurde geöffnet, und Bergson trat ein. „Du, Boris!*' rief sie aus. „Welch eine Überraschung!" „Wer ist es?" fragte der alte Mann. „Boris Bergson," gab sie zur Antwort. „Ah, dein Held," sagte er. „Geben Sie mir Ihre Hand — Schalom Alechem." „Alechem Schalom", erwiderte der andere und schüttelte kräftig die Hand des alten Mannes. „Wir haben Sie erst morgen erwartet," sagte Meyer. „Warum sind Sie schon heute gekommen? Aber welch' unnütze Frage! Sie sind uns stets willkommen." „Die Frage ist nicht unnütz," sagte Bergson. „Was meinst du damit?" fragte Judith verwirrt. „Ich wäre morgen gekommen, aber morgen werde ich nicht mehr hier sein." „Mußt du verreisen?:i fragte sie. „Ich fahre nach Hause," sagte er weich. „Nach Hause?" fragte der alte Mann. „Ich dachte, Sie wohnen in London. „Das ist wahr. Aber ich fahre auf kurze Zeit nach Hause." „Ich dachte, Sie haben kein ,zu Hause'. Ich dachte. Sie stehen allein in der Welt da." „Welcher Jude steht allein in der Welt da? Wir haben alle Brüder und Schwestern, die uns durch gemeinsames Elend verwandt sind." „Was meinst du, Boris? Wohin gehst du und warum?" fragte Judith ängstlich. „Ich gehe nach Rußland, um unserm Volke Hilfe zu bringen! IcrTwill unter unsern Brüdern dort eine „Selbstwehr" organisieren, so daß sie das Pessachfest in Frieden verbringen können und die Furcht vor einem Pogrom ihnen nicht die Festesfreude stört.** „Ach, Boris, du wirst doch nicht gerade jetzt fortgehen?" fragte Judith mit großer Unruhe. „Ich reise morgen ab. Ich bin hier, um von dir Abschied zu nehmen, Judith. In einigen Wochen hoffe ich wieder zurück zu sein." Das Mädchen unterdrückte einen Seufzer. „Welch' eitles Unternehmen, junger Mann," sagte Meyer. „Glaubst du, daß du irgendetwas erreichen wirst? All eure Revolver und all eure Revolutionen können den Kosaken nichts anhaben. Die Pogrome sind eine Strafe des Allmächtigen für unsere Sünden. Wenn die Juden ihre Sünden bereuen und die Gesetze der Torah halten werden, — die aufgezeichneten und die überlieferten Gesetze, — wie es unsere Väter vor uns getan haben, dann wird der Allgütige sich unser erbarmen und wir werden in Frieden leben können. Aber solange wir unsere Gesetze verletzen und den Sabbat entheiligen, so lange wird das Schwert über uns gezückt sein und uns vernichten." „Warum haben wir denn keinen Pogrom in England?" fragte Bergson, „Wer sind wir, daß wir die Wege des Schöpfers, gelobt sei er, begreifen könnten?" rief der alte Mann voller Empörung aus. „Nicht Macht und nicht Stärke, sondern mein Geist, sagt der Prophet, nicht Waffen und Blutvergießen, sondern Gottesfurcht allein kann unser Volk aus der Gefahr seiner Verfolger retten." „Großvater hat recht," sagte Judith. „Wahrlich, was kannst du gegen die Horde unserer Feinde tun? Du wagst dein Leben umsonst." „Ich wage mein Leben für mein Volk," sagte Bergson mit ruhiger Entschlossenheit „Predige ihnen, veranlasse sie, auf den Pfaden der Frömmigkeit und Gottesfurcht zu wandeln," rief der blinde Mann aus, „und deine Taten werden Gnade in den Augen des Allerhöchsten finden, und er wird über dich wachen und dich beschützen." „Wir leben in verschiedenen Welten," sagte Bergsop, „und können uns nicht verstehen. Aber warum sollen wir streiten. Ich habe eine weite, ja vielleicht gefährliche Reise anzutreten. Geben Sie mir Ihren Segen mit auf den Weg." Die gebeugte Gestalt des Alten richtete sich mit Wurde auf. „Und Judith?" fragte er. „Boris ist tapfer, und ich will nicht zwischen ihm und seiner Pflicht stehen," erklärte das Mädchen, zwischen Angst und Bewunderung kämpfend. „Mit Gottes Hilfe wird er zurückkommen," sagte Meyer, indem er sich erhob. „Komm näher, mein Sohn." Er streckte se.ne Hände aus, und Judith legte sie auf Bergsons Haupt Dann sprach er in feierlichem Tone: Der Herr segne und behüte dich, er lasse sein Antlitz über dir leuchten und sei dir gnädig, er wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden. Gehe in Frieden und kehre in Frieden zurück. Amen." Bergson umarmte den Alten zärtlich und küßte ihn auf die Wange. Dann drückte er Judith an sich, die in tiefem Schmerze aufschluchzte. V. Nachdem Boris vier Tage unterwegs war, bekam Judith einen Brief von ihm aus Deutschland und am darauffolgenden Tage einen andern aus Rußland. Keiner der Briefe enthielt irgendwelche Neuigkeiten, aber sie verrieten, daß der Schreiber mit Mut und Vertrauen der Zukunft entgegensah. Jeder von ihnen enthielt die Bitte, daß Judith sich nicht grämen, sondern heiter und froh auf bessere Zeiten hoffen solle. Dann verging eine Woche, ohne daß sie etwas von ihm hörte, und sie fing an, unruhig zu werden. Ihre Freunde im Klub versuchten sie zu trösten, indem sie sie daran erinnerten, wie tapfer er sich stets gezeigt hätte, und sie versicherten, daß sein Mut und sein Glücksstern ihn auch diesmal nicht im Stiche lassen werden; aber trotzdem sie äußerlich gefaßt schien, nagte doch ein tiefer Schmerz an ihrem Herzen. Ihr Großvater mußte gestehen, daß Boris einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte. „Er hat verkehrte Ideen," sagte er, „aber sein Herz ist stark; sein Mut ist bewundernswert. Ängstige dich nicht, mein Engel. Er wird zurückkehren. Durch Feuer und Wasser wird er zu dir zurückgelangen." Judith ging täglich nach der nahen Bibliothek und sah in jeder Zeitung nach, ob sie nicht etwas über Boris finden könne. Sie las alle Berichte über die Vorgänge in Rußland aufmerksam von Anfang bis zu Ende durch, um eine, wenn auch noch so dunkle Spur von ihm zu finden. Doch alles war vergebens. Eines Nachts träumte sie, daß er mit Wunden bedeckt zurückgekommen sei; sie schrie auf und erwachte und schluchzte sich wieder in den Schlaf. Die Pessachwoche rückte heran, und über der Arbeit und den vielen Vorbereitungen vergaß sie ihren Kummer ein wenig. Das Schicksal konnte nicht zu grausam mit ihr verfahren, sagte sie sich schließlich, und ihr gerade das rauben, was ihr in ihrem Leben das Teuerste war. Sie begriff, warum Boris nicht schrieb. Er hatte eine viel zu wichtige und gefährliche Aufgabe zu erfüllen, als daß er sich mit Briefeschreiben hätte abgeben können. Und dennoch hätte sie alles für eine einzige Zeile gegeben. Der erste Sederabend war da, und „das Brot des Elends" und alle andern Symbole, die die Befreiung der Kinder Israel aus der ägyptischen Sklaverei kennzeichneten, befanden sich auf dem schön gedeckten Tisch. Die im Festesglanz erstrahlenden Kerzen und das schneeweiße Tischtuch gaben der Szene etwas Freudiges. Aber der vergrämte traurige Ausdruck in Judiths Gesicht konnte einen doch nicht über die Wirklichkeit hinwegtäuschen. Sie saß mit ihrem Großvater am Sedertisch und hörte der Vorlesung aus der„Hagadah",der alten, alten Geschichte von der Unterdrückung und Befreiung ihres Volkes zu. Alles ging seinen gewohnten Gang. „Fülle den Becher des Elijah," sagte Meyer, als sie das Tischgebet beendet hatten, „und öffne die Tür." Judith füllte den großen Becher mit Wein und stellte ihn vor ihren Großvater. Dann erhob sie sich und öffnete die Tür. Sie hörte Stimmen auf dem Flur. Eine böse Ahnung ergriff sie. Jemand kam die Treppe herauf, — es war der Telegraphenbote. Erregt stürzte sie ihm entgegen, entriß ihm das Telegramm und öffnete es hastig. Es enthielt die wenigen Worte: „Bergson von Polizei erschossen. Selbstschutz." Sie taumelte gegen die Wand. Eine tiefe Ohnmacht ergriff sie. Und durch die geöffnete Tür drang die zitternde Stimme des alten blinden Mannes: „Gieße deinen Grimm aus über die Völker, welche Dich nicht kennen wollen, und über die Reiche, die deinen Namen nicht anrufen; denn sie haben Jakob verzehrt und seine Wohnung verwüstet. Gieße deinen Unwillen über sie aus, und dein entbrannter Zorn erreiche sie. Du wirst sie im Zorn verfolgen, wirst sie hinwegtilgen unter dem göttlichen Himmel."