Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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348 DIE^KELT No. 15 schändlichen und tätlichen Angriffen aus. Dank dem Mitgefühl und der Hilfe unserer westlichen Brüder — und wie hätten sie uns auch ihre Hilfe in dieser schrecklichen Zeit verweigern können — haben wir Geldmittel erlangt. Nun müssen wir ohne Verzug und ohne Säumen ans Werk gehen und mit großer Vorsicht denen zu Hilfe kommen, die bei dem Gedanken an Pessach, an das Fest, das ein Fest der Freiheit sein sollte, zittern, weil sie fürchten müssen, daß es für sie ein Fest der Trauer, ein Fest der Verzweiflung werden wird. Wir alle haben die Schrecken eines Pogroms mit eigenen Augen gesehen, wir alle sind 2eugen gewesen, wie das Blut unserer Teuren auf den Straßen und in den Häusern vergossen wurde, wir alle haben die Seufzer der Sterbenden, das Stöhnen der Verwundeten vernommen. Wir haben Eltern, Brüder und Schwestern verloren — alles was uns lieb waT, dahinscheiden sehen. Welchen Wert hätte das Leben noch für uns, wenn wir es nicht dazu benutzten, um das Leiden unseres Volkes zu verringern, es vor der Gefahr zu schützen, die es täglich umgibt? Kameraden, ich bin nicht einer von denen, die andere zu Taten aufstacheln und selber nicht handeln. Ich bin bereit, morgen nach Rußland zurückzugehen und meine Pflicht gegen mein Volk zu erfüllen." Ein Sturm des Beifalls und der Begeisterung ging durch die Menge, und alle Anwesenden erhoben sich von ihren Sitzen. Da wurde die Stimme eines rothaarigen Jünglings laut, welcher ausrief: „Wie kannst du zurück nach Rußland gehen, da auf deinen Kopf ein Preis gesetzt ist?" „Unsinn!" riefen die andern, und „Bitte um Ruhe!" ertönte es von den zarten Lippen der Vorsitzenden. Bergson stand mit über der Brust gefalteten Armen da und blickte mit Ruhe auf die Versammlung herab. Als endlich Stille eingetreten war, fragte er gelassen: „Würde es so etwas Wunderbares und Verdienstvolles sein, wenn ich ohne Gefahr nach Rußland zurückgehen könnte? Aber wenn jemand anders gehen will, so werde ich ihm nicht im Wege stehen. Ich will niemanden seines Ruhmes berauben. Laßt uns losen. Was immer auch das Resultat sein mag, ich werde mich fügen." Einige Augenblicke lang herrschte tiefes Schweigen in der Versammlung. Dann erhob sich ein schwindsüchtig aussehender junger Mann und sagte mit schwacher Stimme: „Meine Tage sind ohnedies gezählt. Ich möchte sie lieber damit beenden, meinem Volke in Rußland zu helfen, anstatt hier in London unnütze Reden zu führen. Und wenn ich dabei mein Leben verliere, wird mich niemand beweinen. Aber Bergson," — mit bedeutungsvollem Blicke hielt er inne. „Bergson hat auch alle seine Angehörigen verloren," erwiderte der rothaarige Jüngling. „Aber es mag doch jemanden geben," — hier mußte der schwindsüchtige junge Mann aufhören, denn er wurde von einem fürchterlichen Hustenanfail ergriffen, der ihn zwang, sich hinzusetzen. nln dieser traurigen und gefährlichen Zeit dürfen wir romantischen Gefühlen keinen Raum geben", erklärte Bergson in entschlossenem Tone. „Das einzige Gefühl, das uns jetzt beherrschen darf, muß der Wunsch sein, unsere gefährdeten Brüder vor einem schrecklichen Tode zu bewahren. Will einer der andern der hier Anwesenden gehen?" Er maß die Versammlung mit durchdringenden Blicken. „Will einer der andern das Werk der Hilfe vollbringen?" fragte die Vorsitzende vom obern Ende des Tisches. „Ich," rief der rothaarige Jüngling aus, „ich kann keine Reden halten, aber ich bin bereit zu gehen." „Dein rotes Haar würde dich sofort verdächtigen," sagte einer seiner Kameraden. „Du würdest schnell eine Beute des Pöbels werden." „Du redest Unsinn," rief der Jüngling wütend. „Laßt uns keine Zeit verlieren. Wir wollen losen." Da sich weiter niemand meldete, nahm die Vorsitzende ein Blatt Papier und zerriß es in sechs Teile. Auf einen derselben schrieb sie ein „S" (Selbstschutz) und auf alle anderen eine Zahl. Die Zettel wurden zusammengerollt, in eine Mütze getan und durcheinander geschüttelt. Ohne hinzusehen, langten Bergson, der Schwindsüchtige und der rothaarige Jüngling in die Mütze und zogen einen Zettel heraus. Daun langten sie abermals hinein und zogen wiederum einen Zettel. In atemloser Spannung rollten sie die Zettel auf, und die ganze Versammlung drängte sich um sie herum, um das Resultat zu erfahren. Der Rothaarige und der Schwindsüchtige wechselten einen schnellen Blick miteinander und sahen dann neugierig auf Bergson. Und da dieser die ganze Zeit über einen seiner Zettel anstarrte, war es allen klar, daß das Los auf ihn gefallen war. „Das Schicksal hat mich ausersehen," sagte Bergson endlich mit Ruhe. „Im Namen der Versammlung", rief die Vorsitzende mit vor Erregung zitternder Stimme aus, „wünsche ich unserm Kameraden Bergson vielen Erfolg zu seinem schwierigen Unternehmen." Und sie schüttelte herzlich seine Hand. Eine leichte Blässe bedeckte Bergsons Wangen, als die Versammelten sich glückwünschend um ihn drängten und ihn beneideten, daß die Wahl auf ihn gefallen war. Aber er begegnete ihren Wünschen mit fester Stimme und aufrechter Haltung. „Auf Wiedersehen!" erscholl es von allen Lippen, als die Versammlung sich auflöste und die Mitglieder im Dunkeln der Nacht verschwanden. ' Iii. Bergsons erster Impuls war, direkt nach dem russischen Klub zu gehen, einem bescheidenen, jedoch behaglichen Versammlungsort seiner Landsieute, welcher sich in nächster Nähe befand. Er wußte, daß er Judith dort antreffen würde, und er hatte das Gefühl, als ob er ihr von seiner bevorstehenden Abreise sofort Mitteilung machen müßte. Aber er fürchtete, sie würde versuchen, ihn von seinem gefährlichen Unternehmen abzubringen, und er beschloß daher mit stoischer Selbstbeherrschung, erst alle für die Reise nötigen Vorbereitungen zu treffen und dann mit Judith zu sprechen, so daß, falls sie versuchen sollte, ihn zu beeinflussen, es ihm leichter werden würde, Widerstand zu leisten. So machte er sich dann auf den Weg nach seiner Wohnung, und in Gedanken weilte er bereits in dem von Panik erfüllten Städtchen seiner Heimat, deren gequälter und bedrückter Bevölkerung er Erleichterung bringen sollte. Er betrat den dunklen Flur des Hauses, in dessen Dachboden er ein Zimmer bewohnte, und zündete ein Streichholz an, um sich die ausgetretene Treppe hinaufzuleuchten. Plötzlich wurde eine Tür geöffnet, und eine Frau mit einem Scheitel trat heraus. „Hier ist ein Brief für Sie," sagte sie, indem sie ein Schreiben unter ihrer Schürze hervorholte. „Ein Mädchen brachte es vor ungefähr einer Stunde, und ich mußte ihr versprechen, es Ihnen zu geben, sobald Sie nach Hause kommen." Bergson steckte den Brief in die Tasche und wollte seinen Weg fortsetzen, als seine Wirtin weitersprach: „Ein junger Mann ist auch hier gewesen. Er fragte, ob ein gewisser Deinart hier wohne, und er beschrieb ihn mir, und seine Beschreibung stimmte ganz mit Ihrem Aussehen überein. Aber ich sagte ihm, daß niemand solchen Namens hier wohnt, und er ging fort und sah ganz ärgerlich aus. Wissen Sie, wen er meint?" Bergson zuckte die Schultern und verabschiedete sich mit einem „Gute Nacht" von der Frau. Er murmelte „Spion", ging auf sein Zimmer und zündete schneit die Lampe an. Dann riegelte er die Tür zu und zog den Brief aus seiner Tasche. Er war von Judith. Er las: „Lieber Boris, ich dachte, ich würde dich heute abend im Klub sehen, aber ein Freund sagte mir, daß du zu einer wichtigen Sitzung des Selbstwehrvereins mußtest. Mein Großvater möchte gern deine Bekanntschaft machen. Kannst du morgen zu uns kommen? — Judith K." Was hatte das zu bedeuten? — dachte Bergson, Judith hatte ihm oft von ihrem Großvater erzählt, aber es war nie die Rede davon gewesen, daß er den alten Mann besuchen sollte. Sie waren sich beide zu sehr der großen Kluft bewußt, die die Weltanschauung und Denkweise des alten Meyer Kaplan von der des Jünglings trennte, um ein Zusammentreffen herbeizuführen. Daß der alte Mann nun seine Bekanntschaft zu machen wünschte, schien Bergson unbegreiflich. Vielleicht, dachte er, will der Alte etwas über die Zustände in Rußland hören, oder vielleicht will er den eventuellen zukünftigen Gatten Judiths kennen lernen. Das letztere schien ihm jedoch sehr unwahrscheinlich, aber er nahm sich vor, der Einladung Folge zu leisten, was immer auch zu derselben geführt haben mochte. Mit gesenktem Kopfe und den Händen in den Taschen ging er im Zimmer auf und ab. Der Bericht seiner Wirtin über den Mann, der nach ihm gefragt hatte, verursachte ihm etwas Unbehagen. Er wußte, daß die Geheimpolizei in Rußland ihm leicht auf die Spur kommen konnte, und da er eben zu solch einer wichtigen Aufgabe gewählt worden war, war es notwendig, der Polizei seinen Aufenthalt geheim zu halten. Sein Plan war schnell gefaßt: er würde seine Wohnung sofort aufgeben, schnell zu Judith gehen, ihr alles erzählen und ganz früh am nächsten Morgen England verlassen. Er packte seine wenigen Habseligkeiten in eine Tasche, zerriß ein paar Briefe und Papiere in kleine Stücke und warf sie ins Feuer. Als er die Treppe hinunterging, begegnete er abermals seiner Wirtin. Er zahlte seine Miete und sagte kurz: „Ich ziehe aus." „Wohin?" fragte sie. „Ich muß zur Kur nach Karlsbad reisen," antwortete er in ernstem Tone. „Ich wußte nie, daß Sie kränklich sind", sagte sie teilnahmsvoll. „Woran leiden Sie?" „Am Judenschmerz," gab er zur Antwort und setzte schnell seinen Weg fort.