Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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NTo. 15 DIEMKE LT 347 „Ja, Großvater." Warum willst du denn nicht den jungen Mann sehen, den der Kantor vorschlägt?" „Weil —", Judith zögerte. „Sag es mir, mein Kind." „Weil ich einen andern liebe", war die schüchterne Antwort. Der alte Mann zuckte zusammen: „Oh, meine blinden Augen!" rief er aus. „Es geschehen Dinge, und ich kann sie nicht sehen — wer ist es, mein Kind?" „Er gehört dem S. D. — dem sozialdemokratischen Verein an. Er ist ein hervorragender Redner und ein tapferer Streiter im Kampfe für Freiheit und Recht. Auf dem Schiff, das uns im vorigen Jahre nach England brachte, sah ich ihn zum ersten Male. Er kam aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Odessa, wo er viel zur Gründung der „Selbstwehr" beigetragen hatte. Nach den ersten Worten, die er an mich richtete, fühlte ich mich zu ihm hingezogen. Aus seinen Erzählungen ersah ich, wie tapfer er im Pogrom von Jitomir gekämpft hatte, er rettete eine ganze Familie — eine Mutter mit ihrem neugeborenen Kinde und ihre alten Eltern. Er selbst hat Schreckliches durchgemacht: seine Eltern waren längst tot und alles, was er besaß, war eine einzige Schwester. Und jetzt hat er niemanden mehr auf der Welt. Seine Schwester wurde bei einem nächtlichen Überfall von einem Offizier geschändet und gab sich selbst den Tod. Und er rettete ihre Ehre, indem er den Offizier tötete. Daher war er gezwungen zu fliehen." „Wehe über uns!" rief der Alte aus. „Der Allmächtige erbarme sich unser und befreie uns. Aber, mein Engel, warum hast du mir nie früher von ihm erzählt?" „Ich habe dir oft von ihm erzählt", erwiderte Judith. „Ja, ich besinne mich. Von ihm, aber nicht von dir", sagte ihr Großvater und schüttelte den Kopf. „Von mir konnte ich dir im Anfang nichts erzählen. Ich war mir meiner Gefühle nicht gleich bewußt. Aber mit der Zeit wurde meine Liebe zu ihm stärker und stärker, ohne daß ich etwas dagegen tun konnte. Sag, Großväterchen, du bist mir doch nicht böse?'' „Ich suche nur dein Glück, mein Kind, aber es ist schwer zu finden, da ich im Finstern herumtappen muß. Du bist mein Augenlicht, und doch, in dem was dich selbst anbetrifft, bist du vielleicht blind, und ich sehe. Kommst du oft mit ihm zusammen?" „Nein, nur zwei- bis dreimal die Woche.44 Ein schwaches Lächeln spielte um die Lippen des alten Mannes. „Wo triffst du ihn?" „Im Klub." „Ah, ich war immer ängstlich, wenn du in den Klub gingst, doch ich wollte dich nicht zurückhalten. Ich wollte dir nicht deine Freiheit nehmen oder deinem Glück: im Wege stehen. Aber es schickt sich nicht für Frauen, sich um Politik zu kümmern und besonders nicht um revolutionäre Politik. Es ist unjüdisch." „Denke doch an nieine große Namensschwester", antwortete Judith voller Stolz, „hat sie nicht mit ihren eigenen Händen ihr Volk vom Joche des Holofernes befreit?" „Das war in längst vergangenen Tagen, wo alles anders war wie heute. Glaube nicht, mein Kind, daß ihr berufen seid, unser Volk vom russischen Joche zu erlösen. Alle eure Klubs und Revolutionen tragen nur dazu bei, neues Blut fließen zu lassen. Der Tyrann wird weiter sein Unwesen treiben, bis der allmächtige Gott unsere Gebete erhören und die Reue seines Volkes sehen wird. . . . Sag mir, Judith, wie heißt er?" „Boris Deinart, nein Bergson," sagte Judith, erschrocken darüber, daß sie sich erst versprochen hatte. „Hat er zwei Namen?" fragte Meyer mit erstaunter Miene. „Deinart war sein Name in Rußland, aber hier nennt man ihn Bergson. Unter diesem Namen ist er unter den Mitgliedern der Partei bekannt." „Warum hat er in England einen andern Namen angenommen?" fragte der alte Mann. „Dies ist der Brauch bei den meisten Mitgliedern der Partei," antwortete das Mädchen. „Und wovon lebt er?" „Er braucht sehr wenig: er schreibt für russische Zeitungen." Einige Augenblicke lang saß der Alte still und bewegungslos da. Judith blickte ihm verstohlen ins Gesicht, als ob sie Angst hätte, er könnte es merken, daß sie in seinen Zügen las. Ihr Herz klopfte. stark, und sie sehnte sich nach einem Wort von seinen Lippen, nach einem Wort des Trostes und der Beruhigung. „Zürnst du mir Großvater?" fragte sie endlich. „Ich habe Angst, du wirst mit Boris Deinart nicht glücklich werden." „ Bergsontw, verbesserte Judith. „Diese' Namensverwirrung ist, fürchte ich, der Anfang einer schlimmem Verwirrung. Judith, höre auf mich, mein Kind. Halte dich fern von denen, die ihre Hände mit dem Blute der Revolution beflecken. Das kann nicht glücklich enden." „Ich möchte gerne auf dich hören, Großväterchen, aber mein Herz hindert mich daran", antwortete sie, indem sie die Hände des alten Mannes ergriff und sie an sich drückte. „Er ist das Glück, nach dem ich mich sehne, für das ich lebe. . . Sag, Großväterchen, willst du ihn sehen." „Ihn sehen?" wiederholte Meyer traurig. Du kannst ihn herbringen und ich werde mit ihm sprechen. Ich habe nur dein Glück im Auge, mein Kind!" „Du wirst sicher mit ihm zufrieden sein," sagte Judith indem sie aufstand und den Alten küßte. IL An einem der obersten Zimmer eines bescheidenen Speisehauses in Spitalfields hatte sich eine Anzahl Männer und Frauen zu einer geheimen Sitzung zusammengefunden. Das trübe Licht zweier Gasflammen, die schmutzige Zimmerdecke und die unsaubere zerrissene Tapete an den Wänden gaben der Szene etwas Trauriges, und die Sprache, die gesprochen wurde — teils Russisch, teils Jüdisch-Deutsch — versetzte einen in Gedanken mitten in das Reich des Zaren. Keiner der Anwesenden schien älter als dreißig Jahre zu sein, aber alle — die Männer sowohl wie die Frauen — trugen auf ihren Gesichtern den Stempel des Ernstes und der Würde, wie er meistens nur dem Alter eigen ist. Sie waren blaß und abgemagert, in ihren Augen leuchtete ein geheimes Feuer und alle ihre Gespräche wurden in schnellem erregtem Tone geführt. Die meisten der Männer rauchten eine Zigarette nach der andern und einige ihrer Kameradinnen, meistens ganz junge Mädchen in düstern einfachen Kleidern, rauchten auch, so daß das ganze Zimmer von dichtem Qualme erfüllt war. Der Gegenstand ihrer erregten Gespräche waren die Pogrome, die fast in jeder jüdischen Gemeinde Rußlandsausgebrochen waren, und die Mittel, die angewendet werden sollten, um das bedrohte Volk gegen weitere Angriffe zu wappnen. In fast jedem der bedrohten Distrikte hatte sich die Jugend zur „Selbstwehr" organisiert, aber den meisten von ihnen fehlte das nötigste Werkzeug zur Verteidigung, ein guter moderner Revolver. Daher hatten sich die vor Verfolgung Geflüchteten zusammengetan, um Geld zu sammeln, und sie kamen jede Woche einmal zusammen, um Bericht über den Fortschritt der Sammlung zu erstatten, und um über die Mittel und Wege zu beraten, wie man dem unterdrückten Volke am besten helfen könnte. Ihre Bitte um Beistand war nicht unerhört geblieben, viele bemittelte Juden und auch Nichtjuden, Freunde der Freiheit und Gerechtigkeit, halten ihnen reichliche Mittel zukommtn lassen, so daß sie jetzt weniger über die Beschaffung von Geld zu beraten hatten als vielmehr darüber, wie man es am sichersten nach seinem Bestimmungsort gelangen la sen könnte. Die Verhandlungen wurden heute Abend besonders erregt geführt, denn die Tageszeitungen waren wieder einmal voll von den fürchterlichsten Berichten über die Pogrome. Eins der Blätter brachte auf der ersten Seite eine Abbildung der Leiche eines Jünglings, welcher, als er ein Haus verteidigen wollte, von Hooligans getötet wurde. Viele in der Versammlung hatten den jungen Mann gekannt — und die Abbildung seiner Leiche — mit dem verstümmelten und entstellten Gesicht — erfüllte sie mit Trauer und Empörung und rief in ihnen den Wunsch hervor, es ihm an Heldenmut gleichzutun. Die Sitzung wurde an jenem Abend von einem braunäugigen Mädchen mit kurzgeschnittenem Haar geleitet, dem echten Typus einer russischen Sozialdemokratin. Eine hektische Röte bedeckte ihre abgemagerten Wangen als sie vorn obem Ende eines langen kahlen Tisches aus die Versammlung zur Ordnung rief. Mit einem Lächeln auf den Lippen erinnerte sie daran, daß obgleich sie nur eine Zigarettendreherin war, mau ihr den Vereinsgesetzen, zufolge unbedingten Gehorsam schulde. Die Frage, die heute auf der Tagesordnung stand, war, wer von ihnen nach Rußland zurückgeh n sollte, um in den verschiedenen kleinen StäJten eine „Selbstwehr" zu organisieren. „Wir haben nicht viel Zeit zu verlieren," rief sie mit helltönender Stimme aus. „In ein paar Wochen feiern wir das Pessachfest, und dies ist stets die Zeit, wo man den Pöbel immer wieder gegen unser Volk aufhetzt, indem man ihm aufs neue das gemeine Märchen vom Ritualniord auftischt. Kameraden, denkt an Kischineff!" Da erhob sich eine kräftige Gestalt mit dunklen, blitzenden Augen und schwarzen Locken. Der Ruf: „Bergson, Bergson!" ging von Mund zu Mund und ein Ausdruck großer Bewunderung malte sich auf allen Gesichtern. „Lange Reden sind heute nicht am Platze," begann Bergson, und ein Gefühl großer Enttäuschung bemächtigte sich der ganzen Versammlung, denn sie alle hörten ihn gerne reden. „Heute kommt es darauf an, schnelle und energische Entschlüsse zu fassen. Jeder Tag, ja jede Stunde, die wir säumen, bedeutet ein Vorsprung für unsere Feinde und setzt unser gefährdetes Volk weitern barbarischen,