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Die Welt · 1911-04-12 · 15-16 (12.4.1911) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
15-16 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 14)
Language
German
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346 DIE3§gELT No. 15 Du meine Güte, was da in den Gassen steht, scheint wirklich just hergeschafft zu sein, damit der hämische Geselle dort oben am Burgwall sein Ergötzen hat. Gepolsterte Stühle mit weit heraushängenden Eingeweiden blicken einander sterbensmüde an. Der. eine hat eine tüchtige Kistenlatte als Stelzfuß neben drei schlanken blassen' Rokokobeinen; dem andern ward das gebrochene Genick mit einer fingerstarken Zuckerschnur befestigt, und dem dritten — einst ein vornehmer Lehnstuhl — hat man die klaffenden Wunden mit schnödem Stroh verstopft. Ein verwitterter, windschiefer Schrank steht in der hellsten Sonne, und die Gütige verschwindet rasch hinter einer Wolke, damit sie diesen bresthaften Krüppel nicht beleuchten muß. So mag damals Mirjam, des Aaron schöne Schwester, vor dem Stiftszelte dagestanden haben, als sie Gott mit dem Aussatze strafte, weil sie dem Propheten Moses das äthiopische Weib mißgönnt hatte. Zerschlissene Tücher flattern im Winde, fragwürdige Kissen sind gegen die Türen gelehnt, und ein Tisch, der beim Hinaustragen in seine Bestandteile zerfiel, liegt hoffnungslos im Spülwasser, das in reichlichen Bächen munter aus den Häusern zur Gasse eilt. Der Wächter vom Wawel hält sich den Bauch vor Lachen, stampft mit den Fersen gegen die Mauer, und die Augen gehn ihm vor Wonne über. . . . * * * Gemach, mein Lieber! Ob du nicht zu früh frohlockst? Du sahst bisher nur die Dinge. Sieh dir nun aber auch die Menschen an, wie sie in froher Erregung schaffen und schaffen, als gälte es, das Glück zu empfangen. Wer so heitern Mutes seinen Jammer in den Mittag trägt, ist reich zu nennen. Die Männer schleppen und hämmern, die Frauen scheuern mit hochgerafften Röcken, Lieder summend, die Kinder klopfen, bürsten und reiben in übermütiger Hast. Allen ist dieser Plunder und diese Stunde kostbar. Und wenn der Hausrat, aufs beste herausgeputzt, wieder hineingeschafft und sorglich an seinen Platz gestellt ist, beginnt jener merkwürdige Zauber zu spinnen, der die ganze Stadt mit so herzinniger Festfreude und lenzfroher Lebendigkeit erfüllt. Dem galligen Dämon oben am Berg beginnt die Schadenfreude zu vergehen, und beim Anblick des Bildes, das sich allmählich vor ihm entrollt, wird sein Gesicht immer länger. Das ganze engverwobene Gerüste der Plätze und Gassen hat sich in einen einzigen wimmelnden und rauschenden Marktplatz verwandelt. Hier ist mannigfaches, bunt glänzendes Geschirr aufgestapelt (da man doch in diesen Tagen anderes Geräte braucht), dort winken ganze Berge von ungesäuerten Broten, Honignüssen und unterschiedlichen Leckereien, die man nur in der Passahwoche genießt. Üppige Obstkörbe neben Reihen tüchtiger Schaftstiefel, baumelnde Kleidungsstücke, Gewürze für die Sederschüssel, Spielzeug, Wachskerzen. Dazwischen die lebensvolle, gaffende, eilende, bietende und kaufende Menge. Ball* nur die Fäuste, du giftiger Wicht dort oben! Auch in diese Niederungen kam der Frühling und hat den Verachteten seinen betörenden Trank gemischt. Das ganze Volk ist in den Gassen. Alles plaudert, lacht, grüßt sich, ruft seinen Wunsch für die Feiertage. Am Fischmarkt staut sich die Menge, und in der Krakauer Gasse muß man sich vorn Strom der Menschen weiterschieben lassen. Der Letzte trägt eine billige Schüssel heim, hat einen Leckerbissen für den Seder ins Papier geschlagen oder gar ein neues Kleidungsstück fürs Kind erworben. Und da der fiebernde Tag verklingt, brennt noch zum Abschied die sinkende Sonne an den blanken Scheiben ein Feuerwerk ab. . Der letzte Morgen vor dem Überschreitungsmahl ist angebrochen. Treppauf, treppab über die lärmenden Holztreppen jagen die Buben und holen bei jedem Hausvater die Papiersäckchen, in denen die letzten Brocken „Gesäuertes" verwahrt wurden. In der Dietelsgasse treffen sich die Knaben und rennen auf die große Weichselwiese am Fuße des Wawel, über der sich eben die letzten Morgennebel verzogen haben. Die Päckchen werden zusammengeworfen, und ein lustiges Feuerchen flackert auf. Brav, Jungens, das habt ihr gut gemacht! Kerzengerad steigt der Rauch zum Mauerkranz der Burg hinauf und beginnt den grämlichen Gesellen zu bedrängen, der jetzt jämmerlich zusammengekauert vor sich hinbrütet. Er sticht ihn in Nase und Augen und quält ihn, bis er spuckend und fluchend forteilt. Ja, die Checlerjungen haben den Dämon ausgeräuchert. Die Luft ist rein, und die Judenstadt kann dem Seder entgegenträumen. Bald wird der Dämmer die Stimmen des Tages verlöschen, angelweit werden die Türen stehen, und die wundersame jüdische Weihenacht, das traute, weinselige, das^liederfrohe Fest des Frühlings und der Freiheit wird einziehen. . . . Das Brot des Elends Von Israel Cohen Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen von Noemi Baneth-Snowrnan I. Der alte Meyer Kaplan saß in seinem Lehnstuhl am Feuer und nickte hin und wieder mit dem Kopfe, als ob er zu sich selber spräche. Mit seinen blinden Augen, den eingefallenen Wangen und dem lang herabwallenden weißen Barte sah er wie ein Patriarch aus vergangener Zeit aus, dem das Leben und Treiben der jetzigen Welt völlig fremd ist. Seine Hand ruhte auf der Schulter eines jungen Mädchens von ungefähr zwanzig Jahren, die auf einem Schemel neben ihm saß und in einer jüdisch-deutschen Zeitung las. Ihre vom Feuer geröteten Wangen erhöhten die Schönheit ihrer dunklen sinnenden Augen und ihres glänzenden schwarzen Haares. Ab und zu blickte sie nachdenklich in die Flammen und der träumerische Ausdruck ihres Gesichtes verriet angenehme und süße Gedanken. Eine kurze Zeit hindurch schwiegen beide. Dann sagte der Alte plötzlich mit langsamer zitternder Stimme: „Judith, ich werde alt." Ohne zu antworten drückte das Mädchen zärtlich seine Hand. „Ich werde alt", wiederholte Meyer, „unser Leben zählt siebenzig Jahre, sagt der Psalmist, „und ich habe dieses Alter schon lange überschritten. Ich werde täglich schwächer und schwächer, und mein Leben naht sich seinem Ende. Für dich, mein Kind, fängt es eben erst an." „Sprich nicht so, Großvater", sagte Judith, „du wirst mit Gottes Hilfe bis Hundertundzwanzig leben." „Gott soll hüten, Kind", antwortete der alte Mann. „Warum soll ich dir so lange zur Last fallen? Von deiner frühesten Kindheit an hast du mich behütet und bewacht und meine unsicheren Schritte geleitet. Dein Vater verließ uns, als du noch in der Wiege lagst, um in Amerika sein Heil zu versuchen, und er ging dabei zugrunde. Deine Mutter starb, als du noch ein junges Kind warst. So bist du mir nicht nur an Kindesstatt gewesen, nein, du warst mein treuer Kamerad, mein liebevoller Führer. Aber es ist nicht gut für dich, stets eine Stütze des hilflosen Alters zu sein. Du bist jung, du mußt den Weg der Jugend wandeln." Er hielt einen Augenblick inne und streichelte ihre Hand. „Judith, ich will, daß du glücklich wirst, ich will, daß du heiratest." Das junge Mädchen zuckte kaum merklich zusammen und schwieg. Der Alte fuhr fort: „Der Kantor der Kownoer Gemeinde war heute früh hier. Er schlug einen Bräutigam für dich vor — einen feinen jungen Mann, fromm, und aus alter jüdischer Familie, einen Talmudgelehrten, der eben eine gute Stelle als Schochet erhalten hat. Man braucht sich nicht gan; auf den Kantor zu verlassen, man kann mit dem jungen Mann selber sprechen. Judith, willst du ihn sehen?" Das Mädchen senkte den Kopf und schwieg. „Sag, mein süßer Engel, willst du ihn sehen?" wiederholte Meyer in zärtlichem Tone. „Du bist so gut, Großvater", war alles, was sie hervorbringen konnte. „Willst du ihn sehen, mein Kind?" fragte er wieder. „Es würde nichts nützen, Großvater", erwiderte sie leise. . „Aber eines Tages wirst du doch heiraten müssen", rief der Alte aus.

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