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Die Welt · 1911-04-12 · 15-16 (12.4.1911) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
15 (1911)
Issue
15-16 (12.4.1911)
Date
1911-04-12
Page
– (sequence 13)
Language
German
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No. 15 DJE3^E LT 345 §c □ □□□□□ o ■ *o, FEUILLETON ^=51 o □□□□□□ 5 Das Glaubensfchiff*) Von Sosa Will, Wien Und die Richter Sevillas Sind grauiam und hart, Und die Kerker Sevillas Find zwiefach perwahrt! Und die IRauern fo Ffark, die Seldfe lo tief, '— Und da drang keine Stimme herucr noch, die rief! Und rief He in fingffen, in todban<jer Ilof, — ihr Schall drang nicht weiter, es hört sie denn Soft I Und draufjen fdilägt dräuend, fo nachts wie am üag, Die Brandung des Hüffes mit mächtigem Schlag. Und fchlägt an die ülauern und weckt im Seiteiii Ein graufames Echo wahnwitziger Pein. Suadalquipirs Fluten umplatfchern voll Hohn Die Kerker der heiligen Inquilition, Poll Srauen vernimrnf's der Gefangne! Was wankt durch die Sfrarjen —? Ein grauliger Zug, — So mancher, den, kraftlos, der fieifc nicht mehr trug : Sebrochen die Slieder, die Blicke wie irr, — So wankt* s zu den Kerkern am Suadalquiuir. Die fchlingen das Häufchen Verzweiflung hinab, Und geben fie's frei, faufcht es Grab nur für Grab! «Zum Holzirorj die Süden l» Der Heilige Rat Sprach fchuldig die «iKefjeri> — «»Zu feuer und Rad!» Die «peinliche frage»» erprefjt ihnen nichts. — So mögen iie büjjen am Orts des Gerichts! «iHinab in den Kerker! Erneut fich der üag, So zieht ihr zum Ridifplafc am blühenden Hagj> Poll Bangen durchfchauerfs die Dulder! Und Heulen und Stöhnen und ffumm»[tumpfe Qual, Die IRauern, die alten, uernehrnen's zumal! Und uernehmen's allein, denn kein Ohr, das erlaufchf, Wie Schmerz und Verzweiflung den Brudergrufj taufcht. Und hier gellt's wie Wahnfinn, und dort grinft der üod, Hier knirfcht es um Rache, dort wimmert die not! Doch Simon Ben Smia, der Rabbi, fpricht: «iITluf! Tloch gibt's einen Richter, der rächt euer Blut! Um Soft und den Slauben erleiden wir Pein, — Um Soff und den Slauben lafjt ftandhaft uns fein! In frommem Pertrauen lafjt brünftig uns flehn, — So mag heute ein Wunder an uns noch gefdiehn h Poll Hoffnung vernehmen's die Dulder! Und ein Lied, lo voll Sehnfucht, ein Plaim fo voll Licht Aus perdorrenden Kehlen und Lippen jefcf bricht; So fingt nur Verzweiflung, geffadielt zur üuft, So Jubelt der Hoffchrei aus todwunder Bruft! Verzückt ftehf Ben Smia, so aufrecht und frark! — Hat ihm denn die Folter verfengt nicht das Ularkt — Und plötjlich, da regt er Eich, ftarr wie im üraum, Durdifchreitet des Kerkers engdöftern Raum. — Ein Bröckeldien Kohle — wie kam's ihm zur Hand Umkrampfen die Finger, — er taumelt zur Wand Und zeichnet und zeichnet in halfigem Sriff, In zittrigen Zügen, — ein Segel, —ein Schiff! Voll Staunen erfehn's die Gefangnen, — 1 — Und zeichnet die Ruder und zeichnet den Kiel Und zeichnet der Wellen bewegliches Spiel, Und wie er die bebenden Finger bewegt, Seht, unter der Hand ihm die liinie sich regt! Es bläht fich das Segel, es hebt fich der Bug, — ist's Cöiifdiung der Sinne, iffs fiebrifcher Crug — 1 - Die Wellen, fie wogen hinab und hinauf, Es zittert das Schifflein, wie fertig zum kauf. Ben Smia, er winkt die SenoFien zur Wand, — liegt Jedem ans Ruder die zagende Hand, — Und winkt und befteigt dann als Erfter das Boot, Das Schiff, das fie rettet aus Kerker und not; Poll Beben ihm folgen die andern. Und kaum hat am Ruder ein jeder den Sitz, Da grollt es wie Donner, da feuchtet's wie Blirj; Die Illauer birft krachend, das Schiff bricht fich Bahn, — Die HäTcher, fie lehn es, es Eafjt fie wie Wahn! — Doch ruhig entgleitet das Boof ihrer Wehr, Entgleitet der Stadt und entgleitet zum flleer. Zu Hfrikas Külte hin fteuerf las Schiff, — Die mannichaff gelandet, zerfchellt es am Riff! Hn Hfrikas Kürte, die gaftlich tieft beut, Da finden die Flüchtgen die Heimat erneut, Und finden dort Frieden und finden dort Slöck Und lehn wie im Traum auf Sevilla zurück Und danken dem Herrn das Wunder! *) Eine liegende aber die Bniledlung [pcmifdier üuden in nUnrokfco. (1390). Rüsttage Ein Krakauer Bild von Otto Abeles, Wien Oben am Bergrücken, am Mauerkranz des Wawel hockt der Hohn. Er hat die Knie an die Brust gezogen und grinst mit vorgeneigtern Kopf triumphierend in die Judenstadt hinunter. Er reibt sich vergnüglich die Hände und kichert teuflisch in sich hinein, denn seine Juden bereiten ihm eine gute Stunde. Dort unten hat sich im goldenen Frühlingsweben die jüdische Armut entblößt. Die Methgasse und die „Alte Weichselgaß"*, das verhutzelte Isaakgäßchen und der verdrückte Platz um die Kupaschul' herum stehen nackt da und haben ihren geflickten, verschossenen Bettel rings im Sonnenlicht ausgebreitet. Man rüstet zum Passah, denn es naht die Nacht, da nach vierhundertunddreißig elenden Knechtes jähren das Volk aus der ägyptischen Frohne mit dem Umweg über die Wüste in das Land zog, das von Milch und Honig floß. „Da darf nicht gesehen werden Gesäuertes und Sauerteig in deinem ganzen Gebiete." Darum haben Chaim, der Milchträger und Berl, „der Agent" Lia, die halbblinde Bettlerin mit der wunderschönen Altstimme, undf Chonne, der hungrige Vorbeter mit den sieben Kindern, darum haben alle die Kleinen und Kleinsten mit den bezeichnenden Beiwörtern das Möbel und Geräte „aus ihren Gebieten" auf die Gasse getragen. Die großen Geschäftsunternehmutigen der Nischen und Gassenecken müssen heute feiern. Die Bütte mit den geschwellten Pferdebohnen, das Brett mit den halben Pomeranzen oder zerteilten Häringen, der Napf, in dem die runzeligen eingelegten Essigäpfel schwimmen und der Stand mit den gekochten Birnen sind nicht zu sehen. Heute gibt's kein Verdienen, und die ausbleibende „Tageslosung" muß man schon verschmerzen.

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