Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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344 DIE20PELT No. 15 Administrationsrates, die Vertreter der Gemeinden und Organisationen, die die Aktien der Ica besitzen, so sind sie in ihrem Wirkungskreis ausgezeichnete Männer, aber auf den Fortgang der Kolonisation üben sie keinen tatsächlichen Einfluß ... Die Beamten, die wirklichen Herren, die schrankenlosen Herrscher sind aus einem andern Stoff. Das sind kleinliche Menschen, aller Ideale bar, die durch Protektion zu ihren Stellungen gelangt sind, durch Gevatterschaft, durch Kriecherei. Sittlich und intellektuell Mittelmäßigkeiten, den Kolonisten durch eine zweifelhafte „Zivilisation" entfremdet, von assimilatorischen Vorurteilen erfüllt, von Machthunger und Herrschsucht durchdrungen, sind sie gänzlich aus dem Gleichgewicht geraten, als man sie auf goldgefüllte Säcke hinsetzte und eine Fülle von Macht ihnen in die Hände legte." Nichts zugelt ihre Instinkte. Es gibt keine Kontrolle der öffentlichen Meinung, und die Ica übt aus falsch verstandener Vornehmheit, Straflosigkeit. Die Brutalität der Beamten, ihre Protektionswirtschaft werden dadurch begünstigt, daß die Ica kein Beschwerderecht der Kolonisten kennt. Sie werden von der Direktion an die angeklagten Beamten gewiesen. Den ärgsten Mißbrauch ihrer Amtsgewalt treiben die Beamten bei der Ansied- Iung von Kolonistenkindern. Die Einzelheiten dieses Systems der Herzlosigkeit und Tücke sind im Buche ausführlich dargestellt. Ein Detail sei nur erwähnt: Die Icabeamten verhindern die Naturalisation der Kolonisten, die Erwerbung des Staatsbürgerrechtes trotzdem die russischen Juden, die nach Argentinien auswandern, aus dem russischen Staatsverband für immer ausscheiden müssen Hatte Baron Hirsch daran gedacht, daß seine Testamentsvollstrecker die jüdischen Kolonisten „heimatlos" machen werden? Aber der Wunsch der Beamtenschaft, die Kolonisten wehrlos zu machen, ihnen den Rechtsschutz der Republik zu nehmen, vereitelt alle guten Absichten. In diesem Zustand wirtschaftlicher Abhängigkeit, kultureller Verwahrlosung und politischer Ohnmacht befinden sich die jüdischen Kolonien Argentiniens. In den Städten aber wuchert der unlautere Hausierhandel und der gräßliche Mädchenhandel, und der jüdische Name ist in Südamerika mit Schmach und Schande bedeckt . . . Und wo Verachtung keimt, blüht der Antisemitismus. Auch über diese Kehrseite der argentinischen Kolonisation enthält das vorliegende Buch viel Lesenswertes, Fürwahr, der Verfasser hat nicht übertrieben. Diese Tatsachen sprechen eine furchtbare Sprache und müssen die größte Beunruhigung in der jüdischen Öffentlichkeit wachrufen. Die Verlassenschaft von Baron Hirsch ist im Rechtsbewußtsein des Judenvolkes — jüdisches Volksvermögen. Wir haben die Pflicht, Aufklärungen zu verlangen. Herr Chasanowitsch verlangt natürlich nicht, daß man ihm unbegrenztes Vertrauen schenke. Er unterbreitet der Öffentlichkeit seine „Anklageschrift", verlangt die Befreiung der Kolonisten von der unerträglichen Vormundschaft einer tiefstehenden Beamtenclique und bringt die Entsendung einer Untersuchnngskommission nach Argentinien in Vorschlag. Das mag im ersten Augenblick bizarr klingen, weil das jüdische Volk noch nicht gewohnt ist, Kontrolle zu üben und Rechenschaft zu verlangen. Der Vorschlag an sich ist aber durchaus diskutabel und vernünftig. Es kann dem jüdischen Volke nicht gleichgültig sein, obf)in Argentinien neue Ansiedlungsmöglichkeiten für unsere Auswanderer entstehen, oder aber ein neuer Herd der Judenfeindlichkeit! Es ist uns und soll uns nicht gleichgiltig sein, wie jüdisches Volksgeld, das Erbe eines hochherzigen Menschenfreunds verwirtschaftet wird. Die verantwortlichen Leiter der Ica haben gewiß selbst das Bedürfnis, Licht in diese ernste Angelegenheit zu bringen. Es ist nicht anzunehmen, daß ihr die Beamtenschaft in Argentinien eher am Herzen liegt als das Wohl der Kolonisten und die Wahrheit. Aber ob mit der Ica oder ohne sie, — die argentinische Angelegenheit darf von der Tagesordnung der jüdischen Öffentlichkeit nicht verschwinden. Und wenn die Entsendung von Vertrauensmännern des Volkes zur Klarstellung der Zustände in den jüdischen Kolonien Argentiniens notwendig ist, dann soll diese Aktion nicht auf die lange Bank geschoben werden. Allen Freunden der jüdischen Kolonisation sei das Buch Leon Chasanowitschs wärrnstens empfohlen. Die Schrift bedeute sozusagen die Entdeckung Südamerikas, für die wir dem Verfasser Dank wissen müssen. Antisemitische Reden im ungar. Unterhaus Am letzten Freitag hat im ungarischen Unterhause Geza Po Ion y i eine Rede gehalten, die sich, wie er angab, mit der Freimaurerei beschäftigen sollte. Dieses Thema ist in vielen gesetzgebenden Körperschaften ein gern benutzter Vorwand für antisemitische Hetzereien. Auch Polonyi zeigte sehr bald sein innerstes Wesen und hielt eine Rede voll der schärfsten Anwürfe gegen die Juden der Stadt Budapest, deren Wachstum von 16°/o auf 23°/o in den Jahren 1869 bis 1906 den Helden der Schon berger-Affäre mit großen Sorgen erfüllt. Die starke Zunahme der Juden führte er auf die Zuwanderung aus Galizien zurück, und nun verwandelte sich seine Anti-Freimaurer-Rede in eine wütende Schimpfrede gegen die galizischen Juden. Erforderte schließlich die Regierung und die Mehrheit auf, in dem neuen Gesetz über die Organisation der Hauptstadt und in dem Gesetze über die Wahlreform die Rechte der ungarischen (lies: nichtjüdischen) Staatsbürger gegen die Einwanderung dieser Elemente zu verteidigen. Nach Polonyi sprach der liberale Abgeordnete Beöthy. Er müsse, sagte er, die antisemitischen Ausfälle seines Vorredners bedauern, nicht in der Frage der oberungarischen Einwanderung, in der er Polonyi beipflichtet, sondern in der Zergliederung der Einwohner Budapests nach Konfessionen. Dieser liberale Redner beschäftigte sich noch viel eingehender und brutaler mit den flüchtenden Opfern der galiziscfien Politik, den „Chazaren," wie sie in Ungarn neulich genannt werden. „Mehrere Redner laben auch die Frage der Einwanderung aufs Tapet gebracht, mit der wir uns nunmehr ernstlich beschäftigen müssen. Wir dürfen dieser Invasion, der Demoralisierung und Vernichtung einer wertvollen Nationalität nicht länger untätig zusehen. Vor fünfundzwanzig Jahren haben die Juden selbst ihre Zahl kontingentiert und nicht gestattet, daß sich in einer Gemeinde mehr Chazarenfamilien niederlassen, als daß eine auf fünfundzwanzig Ruthenenfamilien entfalle, denn sie sagten, fünfundzwanzig Ruthenenfamilien seien notwendig, um eine Chazarenfamilie zu erhalten. AbgeordneterGeorgS z m r e c s ä n yi: Wie kommen die Ruthenen dazu, die Chazaren zu erhalten? (Lärm.) Abgeordneter Paul Beöthy (fortfahrend): Heute entfällt in den Grenzgemeinden je eine Ruthenenfamilie auf eine Chazarenfamilie. Die Ruthenen haben innerhalb kurzer Zeit ihre Besitze verloren, und das ganze ruthenische Volk wird binnen kurzer Zeit vollständig ausgeraubt sein. Die Hände der Gerichte sind diesen Besitzübertragungen gegenüber gebunden, denn die falschen Zeugenschafteti bilden dort nicht mehr einen Sport, sondern ein Geschäft, und man kann für alles Zeugen haben. Es herrschen dort ganz unglaubliche Zustände. Redner wolle daraus keine konfessionelle Frage machen, denn er ist überzeugt, daß die patriotischen ungarischen Juden diese Zustände am lebhaftesten bedauern. (Zustimmung.) Man müßte in jenen Gemeinden die Zahl der Behörden, der Stuhlrichter und der Gendarmen vermehren. Ferner müßte man <iurch Ausnahmeverfiigungen den Grenzgemeinden die Verleihung des Niederlassungsrechtes entziehen. Wir könnten uns aber nach dem Beispiel anderer Staaten auch durch das energische Verbot der Einwanderung schützen. Wenn man in London zu solchen Maßregeln griff, als die letzten Fäden der Untersuchung der Mordaffäre in Whitechapel zu solchen eingewanderten Chazaren (!) führten, und wenn man sich dort nicht fürchtete, daß man England wegen solcher Verfügungen nicht als Kulturstaat betrachten wird, so dürfen auch wir nicht zögern, zu diesem Mittel zu greifen. In diesen Gegenden sind viele Tausende ihres Vermögens, ihrer Existenz in der schändlichsten Weise beraubt worden. All diese Besitzübertragungen und Umschreibungen müssen revidiert werden." (Lebhafte Zustimmung.) Man muß darauf verweisen, daß die Beschuldigungen gegen die vollständig vermögensfosen galizischen Einwanderer, so oft immer sie auftauchten, ebenso oft als Hirngespinste nachgewiesen werden konnten. Da aber gegen Juden alles erlaubt ist, so kehren diese Erfindungen, vermischt mit einer auffallenden Liebe für die sonst rücksichtslos magyaiisierten Ruthenen, immer wieder. Diesmal fanden sie auch eine willkommene Stütze in der Hounsditch-Affäre.