Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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niut und keinerlei Unternehmungslust. Die Wirtschaft ist einseitig, Milchproduktion, Geflügelzüchtung, Gärtnerei und Obsterzeugung fehlen nahezu gänzlich. Von einer Produktion für den Markt ist keine Rede. Die Viehzucht ist rückständig infolge der ungenügenden Kenntnis der Methoden der Seuchenbekämpfung. Die jüdischen Kolonisten, im Bewußtsein der Unzulänglichkeit ihrer Wirtschaften» waren genötigt, von der Beteiligung an der Internationalen Ausstellung inBuenos-Aires anläßlich der vorjährigen Hundertjahresfeier abzusehen. Die Verschuldung der Kolonisten, die häufige Erscheinung der Verpachtung von Farmen an Nichtjuden, schließlich die unaufhörliche Abwanderung sind die Kennzeichen der Lage der argentinischen Kolonien. — Wo sind die Ursachen dieses Verfalls, dieser Krankheitserscheinungen zu suchen? Die Juden als Kolonisationsmaterial haben sich bewährt. Das bestätigen die argentinischen, ebenso wie die palästinensischen Erfahrungen, das bezeugt schließlich die Ica selbst in ihren Jahresberichten. Der Verfasser stellt fest, daß in den Kolonien und sogar in den Städten ein unstillbarer Erdhunger herrscht. Die Juden sehnen sich nach der Mutter Erde. Es ist aber nicht bloß der Idealismus, der die Rückkehr zum Ackerbau begünstigt. Im Kapitel über die „Voraussetzungen und Grundsätze der jüdischen Ansiediung" entwickelt Chasan o witsch höchst bemerkenswerte Ansichten über unsere Eignung für die Agrikultur. In dieser Klarheit sind sie, meines Wissens, noch nicht ausgesprochen worden. Daß die jüdische Intelligenz, Rührigkeit und sogar der Handelsgeist in der modernen revolutionierten Landwirtschaft, die mit dem Fortschritt der Wissenschaften, den technischen Umwälzungen und den Konjunkturen des Weltmarkts rechnen muß, eher ein Vorzug, denn ein Hindernis sind, ist ein fruchtbarer Gedanke. Größere Schwierigkeiten bietet Argentinien als Siedlungsland. Es ist von der Natur reich bedacht, aber die Wildheit der Natur, die Extensivität der Landwirtschaft, ihre Gefahren, das Risiko, mit dem sie verbunden ist, die Kostspieligkeit der Güter wirken hemmend auf die jüdische Kolonisation. Sie ist vor allem teuer, denn eine argentinische Wirtschaft erfordert etwa 150 ha Boden, somit einen Aufwand von 40000--50000 Fcs. Die Ansiedlung einer Familie in Südamerika kostet so viel wie die Kolonisierung von drei Familien in Palästina oder Nordamerika. Die Vorbedingungen einer erfolgreichen argentinischen Kolonisation mit ihren häufigen Viehseuchen, Verheerungen der Felder durch Heuschrecken und Temperäturwechsel sind eine gründliche Schulung der Kolonisten und ein vernünftiges Kreditsystem. Wie ist nun das Kolonisationssystem der Ica-Administration? Der Beantwortung dieser Frage ist der größte Teil des Buches von Chasanowitsch gewidmet. Die Philanthropie hat gewiß löbliche gute Absichten. Auch der Verwaltungsrat der Ica .wünscht sicherlich nichts als das Wohl der Ansiedier. Daran zu zweifeln, wäre unbillig. Aber die frommen Wünsche werden einer koritrollosen, willkürlichen, engherzigen Administration zur Ausführung übertragen, und was diese im Traumlande Baron Hirschs geleistet hat, kennzeichnet das Buch als philantropischen Feudalismus und Beamtenabsolutismus. Das sind nicht nur starke Worte. Chasanowitsch illustriert seine Behauptung, be gründet sie mit Tatsachen. Die Grundlage der völligen Abhängigkeit der Kolonisten ist der Vertrag, Verkaufsversprechen genannt (contrato de promeso de venta), den die Ansiedler mit der Ica abschließen. Nach dieser Vereinbarung gehört die gesamte Farm, der Boden, das Vieh, die Häuser, kurzum alles ausschließlich der Ica, solange die Schuld des Kolonisten bis zum letzten Cent nicht bezahlt ist. Er ist bloß Nutznießer, Okkupant des Ica-Bodens, nicht Eigentümer oder Pächter. Dabei ist es ihm verboten, die Rückzahlung der Schuld zu beschleunigen, etwa in guten Jahren im voraus zu bezahlen! Er ist für Jahrzehnte auf die Gunst und Gnade der Gesellschaft angewiesen. Die krasseste Folge dieser Bestimmungen ist die Kreditunfähigkeit der Kolonisten. Was das bei der Teurung der argentinischen Landwirtschaft bedeutet, kann man sich denken. Der Kolonist nennt nichts sein Eigentum, kann also nicht kreditfähig sein. Für die pünktliche Rückzahlung seiner Schuld an die Ica bürgt er aber mit seiner Ernte, sein Getreide wandert vom Felde direkt in die Lagerhäuser und Scheunen der Administration Kein Wunder daher, daß diese in ihren Berichten auf die pünktliche Rückzahlung der Schulden pochen kann. Der Kolonist hat kein Betriebskapital. Die Administration weiß, daß die Darlehen der Kreditkassen der Ica zur Schuldendeckung an sie benützt werden. Aber sie begünstigt das. Sie begünstigt ferner oder duldet die vertraglich verbotene Verpachtung der Farm (an Nichtjuden), wenn nur der Schein gewahrt wird und die Schulden pünktlich einlaufen. Denn danach beurteilt die Pariser Direktion den Wohlstand der Ansiedler. Während man aber in Paris von wachsendem Wohlstand spricht, zahlen die Kolonisten Wucherzinsen, um der Administration die Abfassung der Zufriedenheit atmenden Berichte zu ermöglichen. Es würde uns zu weit führen, wollten wir hier die Wirkungen des „philanthropischen Feudalismus" eingehend wiedergeben. Wer die Probleme der jüdischen Kolonisation mit Interesse verfolgt, wird die Darstellung von Chasanowitsch lesen müssen. Er wird erfahren, daß nur 10"/o der Kolonistenkinder „kolonisiert" werden, die Jugend daher die jüdischen Ansiedlungen fluchtartig verläßt; daß die Ica keine einzige landwirtschaftliche Schule in Argentinien besitzt, während der landwirtschaftliche Unterricht in den Volksschulen darniederliegt; daß die jüdische Erziehung in dem Studium von . einigen hebräischen Segenssprüchen besteht; daß die bedeutendste Kulturtat der Ica — die Übertragung des Gebetbuches (Sidur) ins Spanische war. Im Kapitel „Beamtenabsolutismus" wird ein erschreckendes Bild entrollt. „Wer sind die Kolonisatoren der Ica?" fragt der erstaunte Leser. „Was die Würdenträger der Ica anbetrifft, die Mitglieder des 4 bestellt, erhält die während desX. Kongresses(9. bis 15. August d.J.) erscheinende KONGRESS-AUSGABE GRATIS zugeschickt. Wir richten an unsere geehrten Leser und Gesinnungsgenossen die Bitte, unter Hinweis auf die Gratis lieferung der Kongreß-Ausgabe an die neueintretenden Abonnenten eine intensive Propaganda mir Gewinnung neuer Abonnenten der Welt" einzuleiten. Schon jetzt ist es für jeden Zionisten notwendig, sich Uber die Fragen, die den X.Kongreß beschäftigen werden, aus der Welt zu oi ientieren. Alle Abonnenten, deren Bezugszeit am ji. März igii abgelaufen war, ersuchen wir um unverzügliche Erneuerung des Abonnements, d am it in der Zustellungkeine Unter- A brechung eintritt. Verlag Die Welt