Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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;wrL 340 DIE3aEELT No. 15 Aber der Wahrheit die Ehre, man sieht schon viele Anläufe zum Bessern. In Petach-Tikwah sah ich bereits bei einem Kolonisten einen Gemüsegarten, um den ihn ein jeder deutscher Qärtner beneiden würde. Schöne Artischocken, neu angelegte Spargelbeete, kräftige Kartoffelstauden und anderes mehr. Das Beispiel wird wirken und jetzt schon will ein reicher Kolonist auf meinen Vorschlag hin einen jüdischen Gemüsegärtner aufnehmen und Gemüsebau im großen betreiben. Jaffa selbst ist ein großes Absatzgebiet. Als Beispiel sei erwähnt, daß jetzt ein Kohlkopf mit 25 Centimes bezahlt wird. Ebenso steht es mit der Milchproduktion, Ein Liter Milch wird in Wilhelma mit 45 Centimes verkauft. Die reichsdeutschen Frauen würden bei einer solchen Teuerung einen Boykott veranstalten, der ernster zu nehmen wäre als der vorjährige Butterboykott in und uns dann bis zur Koloniegrenze begleitete. Herr Keller versprach mir die Resultate, seiner Versuche einzusenden und gab mir Gelegenheit, Vorhandenes in Augenschein zu nehmen. Ein ostfriesischer Bulle spazierte in größter Gemütsruhe auf dem Hof herum und seine prächtige Form zeugte von vollständiger Akklimatisation. Eine rassige Damaszenerkuh, die 16 Liter Milch gibt, ein gewiß für hiesige Verhältnisse auffallendes Quantum, soll die Mutter einer stattlichen Reihe von Nachkommen werden. Auch einige deutsche Edelschweine rüsselten fröhlich im schönen Kanaan herum. Wird hier in Wilhelma auf dem Gebiete der Tierzucht recht vieles versucht und getan, so liegt dieses Wirtschaftsgebiet bei den jüdischen Kolonisten noch ganz brach. Einer ähnlichen stiefmütterlichen Behandlung untersteht die Geflügelzucht bei unsern Kolonisten. Ist für eine deutsche Bäuerin ein Hof ohne Geflügel _ — c •«•••••••••• •*•• ICJ) iQJl ■ w ««•••••• •••••••••••••••o******* Heimkehr vom Felde Berlin. Es ist typisch für die Verhältnisse, daß mir auf einer Kolonie, als ich ein Butterbrot verlangt, gesagt wurde: „Sie wollen hier auf dem Lande Butter? Die können Sie höchstens in Jaffa bekommen!" Die hiesigen deutschen Kolonisten leben vorzüglich von der Milchwirtschaft. Ich muß gestehen, daß ich der Anstalt in Mikweh deshalb sehr grollte, daß sie in den vielen Jahren auf diesem so wichtigen Gebiete nicht vorbildlich gewirkt hat. Was die deutschen Bauern können, sollten und müßten die jüdischen auch. Wir haben dafür Beweise. Der Wein- und Obstbau steht bei den Juden viel höher als in den deutschen Kolonien und ich hatte meine Freude, als ich sah, wie sich der Agronom Keller, Direktor der landwirtschaftlichen Schule in Wilhelma, von unsern Kolonisten Verbesserungen im Rebenschnitt vorhalten ließ. Herr Keller, den ich in Wilhelma mit zwei jüdischen Kolonisten, Herrn Agronomen Paskai und Herrn Liebrecht, Verwalter der Lachmann'sctien Gründungen zu Petach-Tikwah, besucht habe, ist ein auffallend liebenswürdiger Fachkollege, der mit größter Bereitwilligkeit mir alles zeigte etwas Undenkbares, so hat die jüdische Kolonistenfrau noch gar kein Bedürfnis, die Pflegemutter unserer, sich durch gutes Fleisch, Eier und Federn dankbar zeigenden Hausvögel zu sein. Es^ liegt das wahrlich nicht etwa an natürlichen Widerständen, denn ich habe hier beim ßahnhofsbeamten in Lydda neben Italienern echte Kochinhühner gesehen, die in ihrem ganzen Exterieur vorzüglich waren. Die oft geäußerte Behauptung, daß Gänse hier nicht gedeihen können, gehört in das Bereich der Märchen, denn ich habe bis jetzt vielfach stattliche Exemplare gesehen. In Petach-Tikwah sah ich bei einem Kolonisten elf herrliche Truthähne und einen Taubenschlag mit weit über 100 Tauben. Nebenbei bemerkt, habe ich bei diesen Kolonisten bereits trockene Baumwollsträuche gesehen, die von einem geglückten Versuche herstammen. Des Nähereh mich darüber auszulassen muß ich mir versagen, da mir diese Pflanze, wie auch ihre Kultur fremd ist. Nunmehr zum Ackerbau übergehend will ich von vornherein bemerken, daß ich auf diesem wichtigsten Gebiete bis jetzt nur weniges zu beobachten Gelegen-