Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 15 DIE^ELT 339 fragen könnten und eben so lange herumprobieren müßten, bis sie auf das Richtige kommen werden. Ein junger Kolonist aus Wad il Chanin, der eine Obstplantage besitzt, bat mich, ich möge zum Obstschnitt zum ihm kommen und ihm Instruktionen erteilen. Jedenfalls sind alle der Meinung, daß der Obstbau hier eine große Zukunft hat. Die edelsten Sorten von Birnen und Äpfeln gedeihen hier vorzüglich und die bereits geernteten Früchte werden zu auffallend hohen Preisen auf den Markt gebracht. Nebenbei bemerkt, gedeiht hier-der weiße Wintercalville vorzüglich. Ein Beweis für die Rentabilität wie überhaupt für die Möglichkeit des Obstbaues in Palästina ist der großartig angelegte Obstgarten des Agronomen Herrn Apfelbaum in Petach-Tikwah, eines gediegenen Fachmannes, der6800 Bäume, die vorn ehmstenSorten, gepflanzt hat und vom Stand seiner Kultur sehr befriedigt ist. Hier habe ich eineinhalb Tage verbracht und konnte mit großer Genugtuung einen wirklich herrlichen Besitz kennen lernen. Der Boden ist in seiner Kulturart am günstigsten als Standort für Obstbäume zu verwerten. Die aus Frankreich importiertenExemplare,ursprünglich anQualität nicht das Beste, da zu einem relativ sehr niedrigen Preise angekauft, haben hier prächtige Stämme und auffallend starke Holz- und Fruchttriebe entwickelt. Die Äpfelbäume, die jetzt nach der Veredlung drei Jahre alt sind, haben einen Stamm wie Bäume von sechs bis acht Jahren in Europa. Aus dem großen Sproß- und Blattvermögen ist auf eine entsprechend starke Bewurzelung zu schließen, was im ganzen eine vorzügliche Entwicklung bedeutet. Dasselbe trifft auf die meisten Birnbäume zu, nur sind einzelne Sorten zu sehr mit Fruchtholz beladen. Dies letztere kann die Folge des zu großen Standortwechsels sein, oder es liegt auch am zu starken Schnitt, den sich hier der Besitzer in Erwartung einer schnellern Ernte erlaubt hat. Es kann aber auch an den Sorten liegen, was-erst durch Erfahrung festzustellen sein wird. Jedenfalls habe ich den Kolonisten einen Rat gegeben und zwar,die Fruchtbarkeit nicht zu sehr zu beschleunigen, da sich manche Exemplare tottragen können. Ich muß Jüdischer Kolonist beim Pflügen es mir versagen, hier auf fachtechnische Auseinandersetzungen des nähern einzugehen. Ich möchte nur bemerken, daß eine modern eingerichtete Baumschule eine Notwendigkeit ist, da einerseits klimafeste Sorten aufgezogen werden und anderseits jeder Kolonist das passende haben könnte. Ich glaube kein falscher Prophet zu sein, wenn ich behaupte, daß nach wenigen Jahren Palästina in großen Massen diese Obstart (Kern- und Steinobst) kultivieren wird. Bewässerungsarbeit im Ölbaumhain Mit nicht geringerem Interesse untersuchte ich den hiesigen Gemüsebau. Schon bei der Ankunft in Jaffa konnte ich bei einem Gang auf dem Markt über auffallend schöne Gemüse staunen. Hatte ich mit Bewunderung auf die prächtigen Kohlköpfe, Salate, Blumenkohl und anderes mehr geschaut, so frappierten mich die hohen Preise, die man in Europa zur größten Teuerungszeit nicht kennt. Man kann hier an Gemüsebau ein reicher Mann werden und der Gemüsebau ist tatsächlich die Haupteinnahmsquelle der Saronaer Deutschen. In dieser Jaffa naheliegenden Kolonie sah ich feldmäßig angebautes Gemüse, das mich an die Vorortgärten Berlins erinnert hat. Nun besteht aber ein bedeutender Unterschied zwischen den hiesigen und den Berliner Verhältnissen. Schafft dort in Europa der intensive Kapitals- und Arbeitsaufwand relativ weniges, so segnet das hiesige Klima die geringe menschliche Arbeit mit schönstem Erfolg. Die einmalig größere Ausgabe für Wasseranlage ist nichts im Vergleich zur natürlichen Fruchtbarkeit. Allerdings ist dieses Gebiet der Pflanzenproduktion bei den jüdischen Kolonisten noch zu sehr vernachlässigt. Es lag dies bis jetzt zum großen Teil am ganzen System der Kolonisation. In der ersten Zeit war man auf großzügigen Weinbau eingerichtet, dem folgte Orangen-, Oliven-, Mandel- und Obstbau. Alle diese Kulturen tragen den Charakter größerer Plantationen, deren Besitzer mehr Unternehmer als eigentliche Produzenten sind. Es sind eben noch die Generationen aus dem altem Ghetto, die sich zwar so weit emanzipiert haben, aber noch zu wenig vom Bauern haben, dem Gemüse einlaufendes Einkommen ist, das ihm dank des beruflichen Mitarbeitens seiner Frau und Töchter in die Tasche läuft. Das ist auch die Ursache, warum man wenig Blumengärtchen sieht und vielleicht im großen Ganzen zu wenig ländliche Ästhetik beim Passieren der Hauptstraßen der jüdischen Kolonien empfindet. Die Kolonisten hängen zwar mit Gehirn, Herz und Geldtasche an den Bojaren, aber im Hausleben noch zu sehr an den alten Hauseinrichtungen der europäischen Judenviertel.