Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 15 (1911)
- Issue
- 15-16 (12.4.1911)
- Date
- 1911-04-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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338 DIE^ELT No. 15 dieser traurigen Aufgabe unterzogen hat. Ein zweitesmal sprach er über die Justizverhältnisse in Galizien, wobei er sich wieder gar nicht um die jüdischen Interessen kümmerte. Das waren zwei Reden eines der glänzendsten und tüchtigsten Vertreter der assimilatorischen Juden. Die Besprechung der Not der 900 000 Juden in Galizien überließ er getrost andern. Dr. Gold sprach nur einmal im Plenum über vollständig gleichgiltige Dinge und wich der Besprechung der Not der jüdischen Massen aus. Abgeordneter. Gall stellt einmal einen Antrag — auf Schluß der Debatte und erscheint mit dieser Tatsache vor seinen Tarnopoler Wählern. . . Der Genauigkeit wegen muß ich auch des Abgeordneten Kolischer gedenken. Er hat sich in den letzten Monaten in auffallender Weise jüdischer Angelegenheiten angenommen in der Enquete von Lemberg und im Parlament, da er als einziger politisch geschulter Jude des Polenklubs ganz genau das Ende des Parlamentes herannahen sah und bereits Wahlpolitik im sterbenden Hause getrieben hat, was größere Ehre dem Politiker als dem Juden bringt. . . Mit dieser Bilanz treten unsere Gegner vor ihre Wähler! Wenn dies ihre Wähler zufrieden stellen sollte, dann müßten wir jeden Gedanken auf die Regeneration des jüdischen Volkes überhaupt aufgeben und an unserer ganzen Arbeit verzweifeln. Ich habe aber zu dem erwachenden jüdischen Volksstamm das Vertrauen, daß er mit großem Kritizismus und berechtigtem Zweifel an die Prüfung dieser Bilanz herantreten und seine Konsequenzen ziehen wird! Wir werden in allen Kreisen, wo Juden überhaupt in Betracht kommen, eigene Kandidaturen aufstellen. In Städten, wo sie in der Majorität sind oder nahe an die Majorität streifen, werden wir mit Energie und Zuversicht für unsere Kandidaten eintreten. Unsere Platform ist, wie sie es bereits 1907 war, eine streng jüdische demokratische. Wir verlangen die Anerkennung der jüdischen Sprache, die nationale Autonomie, die vollständige Durchführung der Gleichberechtigung. In allen nicht jüdischen Fragen sind wir für ein großzügiges sozialpolitisches Programm, wir sind Anhänger des allgemeinen gleichen Wahlrechtes in allen Repräsentationskörpern, also im Landtag, in den Gemeinden und in den Kultusstuben. Wir. werden uns für diesen modernen Gedanken überall einsetzen. Wir sind Anhänger der zweijährigen Dienstpflicht, einer gründlichen Reform des veralteten Straf- und Zivilprozeßgesetzbuches, einer zeitgemäßen Sozialversicherung, wie sie alle modernen Staaten seit Jahren anstreben, einer Dienstespragmatik für Beamte und treten für ein großes volkswirtschaftliches Programm auf. Es ist höchste Zeit, daß in Gaiizien der Bau der Kanäle in Angriff genommen wird und Lokalbahnen gebaut werden. Mit diesen Grundrissen, die wir gehörig erläutern und begründen werden, treten wir in den Wahlkampf. Jeder, der dieses Programm unterschreibt, ist unser natürlicher Freund, jeder, der sich ihm widersetzt, unser Gegner, den wir bekämpfen werden! Unser Kampf wird nach zwei Fronten sein. Wir werden das Undemokratische der Kahalsjuden und das Unjüdische der Sozialdemokraten mit aller Gewalt bekämpfen. Ob wir praktisch siegen, weiß ich nicht; es kommt auch für mich, der immer für die Zukunft vorarbeitet, nicht so wesentlich in Betracht. Daß wir die Massen auf ein höheres Niveau heben werden, daß wir sie im Kampfe politisch schulen und bilden werden, daß sie moralisch gefestigt aus dem Wahlkampfe ziehen werden — dies alles ist für uns ein genügender Ansporn, daß wir einen frischfröhlichen Kampf beginnen. Wir bitten alle Freunde einer ehrlichen jüdisch demokratischen Politik, daß sie uns unterstützen, denn *es handelt sich zum Unterschiede von unseren assimilatorischen Gegnern nicht um Personen, sondern um eine prinzipielle sachliche Politik, und die werden wir treiben! Eine Wanderung durch die judäischen Kolonien Herr Dr. Franz Oppenheimer stellt uns folgenden, von einem Fachmann auf dem Gebiete der Agrikultur in Palästina an ihn gerichteten Brief, der von Anfang Januar 1911 datiert ist, zur Verfügung: „. . . Auf Vorschlag des Herrn Dr. Ruppin bereise ich gegenwärtig die jüdischen Kolonien in Judäa, um bei mehrtägigem Aufenthalt auf den einzelnen Siedlungen Land und Leute kennen zu lernen. Bis jetzt war ich in Rischon le Zion, Sarona, Beth-Arif, Petach- Tikwah und Wilhelma. Rischon le Zion ist bereits eine typische Unternehmerkolonie im Gegensatz zu Petach-Tikwah, die ich als Pflanzbauernkolonie bezeichnen möchte. Die Kolonisten von Rischon sind zum großen Teil im Weinkeller beschäftigt oder treiben Unternehmungen anderer Art; jedenfalls sind die meisten Besitzer in Rischon Arbeitgeber. Arbeitnehmer sind vorwiegend Fellachen. Von jüdischen Arbeitern habe ich fast keine bemerkt und die vorhandenen Jemeniten finden Beschäftigung im Haus oder auf dem Hof, nur selten auf dem Felde und in den Pflanzungen. Der Wohlstand und der teilweise aufdringliche Luxus ist weniger die Folge andauernder intensiver Arbeit, als vielmehr das Werk einer zwar großzügigen, aber nicht volkserziehenden Philantropie. Die meisten besitzen einen typischen Bauernstolz und scheinen bereits vergessen zu haben, daß sie einmal selbst arme Schlucker waren. Nur selten und unter nicht sehr günstigen Bedingungen erhalten die neu zuziehenden jüdischen Arbeiter bei diesen Kolonisten Beschäftigung und Verdienst. Das Anlernen der neu angekommenen bedeutet für sie einen Kapitalverlust, und im übrigen finden sie im Fellachen eine billigere und gefügigere Arbeitskraft. Sind die geäußerten Beobachtungen vom sozialen Standpunkt zu verwerfen, so bedeutet aber auch diese Kolonie vom nationalen Standpunkte einen bedeutenden Sprung nach vorwärts; denn Rischon ist eine blühende jüdische Besitzung und ein Zentrum neujüdischer Kultur. Die Umgangssprache ist hebräisch, die Sitten und Gebräuche in bestem Sinne jüdisch. Haben die vielen Millionen des Baron Rothschild nur privatwirtschaftlich genützt, so haben sie andererseits erzieherisch gewirkt und haben einen Stamm gelernter und denkender Kolonisten hervorgebracht. Ich habe drei Tage auf den Plantationen verbracht und habe mich gefreut, treffende theoretischeBegründungen über praktisch ausgeführte Arbeit zu hören. In den wenigen hier existierenden Orangengärten steckt fleißige und verständnisvolle Arbeit und es ist nicht schwer, zu konstatieren, daß hier der Stand der Bäume besser ist als in den deutschen Kolonien. Die Weinberge sind schön und werden intensiv bearbeitet. Ich konnte konstatieren, daß hier der Schnitt der Reben, wie überhaupt die ganze Behandlung dieser Sträucher dem System ähnlich ist, daß ich in Stuttgart Gelegenheit hatte zu erlernen. Bei der Obstkultur (Äpfel, Birnen, Aprikosen, Pfirsiche) fand ich viele Mängel vor. DerGrund dafürist, daß die Kolonisten damit erst vor zwei bis drei Jahren begannen und darin weder Muster noch Erfahrungen haben. Einige Obstzüchter gaben ohne weiteres zu, was bei Bauern nur selten der Fall ist, daß sie oft ratlos dastehen, da sie auf diesem Gebiete weder, erfahrene Mitbürger noch Fachleute be-